Drohung

Der Richterbeisser – Porträt eines Querulanten

Kuno W. mit einer Schoggi-Pistole.

Kuno W. mit einer Schoggi-Pistole.

Kuno W. biss einen Richter und schlug einen Gerichtsschreiber. Selber sieht er sich als Kontrollinstanz der Behörden.

Herr W., Sie gelten als Droher. «Nein, ich bin einer, der wirklich droht.» Kuno W. richtet auf den Zuschauerrängen des Solothurner Kantonsratsaals seinen Laptop ein. Der schweizweit bekannte Querulant beobachtet von hier aus die Solothurner Politiker bei ihrer Arbeit. Er fehlt nie, wenn in Solothurn Parlament oder Regierungsrat öffentlich tagen. Er bezeichnet sich als Kontrollinstanz und sagt: «Unser Staat ist korrupt. Sie verhalten sich anders, wenn ich dabei bin.»

Der IV-Rentner hat sich 2016 einen Namen gemacht, als er einen Solothurner Oberrichter in die Hand biss und einen Gerichtsschreiber ins Gesicht schlug. Einen Grossteil der Gerichtssäle darf er aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten. Nach seiner Tat wurden Sicherheitsschleusen an Solothurner Gerichts- und Verwaltungsgebäuden eingerichtet.

Sein Vorstrafenregister? «Eine halbe Papierfabrik.» Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Beamte, Sachbeschädigung, Beschimpfung, Hausfriedensbruch, Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen. Eine Therapie: aussichtslos. Nur unter Auflagen ist er derzeit frei, bis im Sommer sein Berufungsprozess über den Richterbiss beginnt. 34 Monate unbedingt kassierte er erstinstanzlich.

Jäger und Gejagter

Herr W., warum drohen Sie? «Der Staat droht uns täglich. Ich schlage zurück», sagt Kuno W. Wie meist trägt der passionierte Jäger eine grüne Jacke und einen grünen Pullover. «Was ich mache, das mache ich, um etwas zu bewegen. Wenn ich sage, dass es ‹chlöpft›, dann springen alle.» Der Staat habe ihn zuerst angegriffen, sagt Kuno W. auf dem Zuschauerplatz im Kantonsratssaal. Er sei traumatisiert. «Eine Sondereinheit hat mich überfallen.»

Kuno W. verlor vor Jahren sein Haus, die Behörden trennten ihn von seinem Sohn. Ein forensisch-psychiatrischer Gutachter attestierte ihm ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein und stellte fest, Kuno W. versuche seit dem Vorfall paranoid, Gerechtigkeit herzustellen. Hat Kuno W. eine vermeintliche Fehlleistung oder Ungerechtigkeit ausgemacht, überzieht er Behörden mit Beschwerden, Anzeigen, Briefen. Hartnäckig, unerbittlich, detailversessen und kompromisslos. Ist die Antwort nicht unverzüglich da, hakt er nach. «Als Bürger stehe ich über den Beamten. Ich habe das Recht, den Staat zu kontrollieren. Wenn ich eine klare Frage stelle, haben sie mir zu antworten.» Wenn man ihm nicht Antwort gibt, was er will, setzt er Druck auf. Toleranz kennt er dabei nicht. Er definiert, was korrekt und gerecht ist. Der Getriebene will das System vor sich hertreiben.

Täter und Opfer

Herr W., machen Sie sich nicht Gedanken, was die Drohungen bei Ihren Opfern auslösen? «Ach», ruft er aus, lacht und winkt ab. «Diese emotionale Schiene wieder.» Das Lächeln ist kalt, die Empörung des Gegenübers hat er einkalkuliert. «Es muss doch nur Angst haben, wer mich schlecht behandelt. Wer korrekt mit mir umgeht, hat nichts zu fürchten.»

Nicht immer ist klar, wie ernst er es meint oder ob er nur spielt mit seiner Wirkung, die ihm durchaus bewusst ist. Sage er den Namen des Zuger Attentäters Fritz Leibacher, «springen alle», hatte er früher mal gesagt.

Geschlagen hat er bisher nur im Affekt, 2006 traf es schon einen Staatsanwalt. W. war danach mehrere Jahre weggesperrt.

Im Sommer wird sein Richterbiss vor der nächsten Instanz verhandelt. «Sie werden Richter spielen über mich. Ein Schauspiel», sagt er. Dass das System recht haben könnte, wird Kuno W. nie akzeptieren. Bis dahin wird er die Politiker beobachten.

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