Der junge Mann im Anzug ist Ende zwanzig, wortgewandt und alles andere als konfliktscheu. Eine Nachwuchshoffnung, sagen ältere Parteikollegen.

Wer jetzt an SP-Nationalrat Cédric Wermuth denkt, liegt nicht ganz falsch, aber doch daneben. Die Rede ist von Wermuths rechtem Pendant: Olivier Kessler, 28 Jahre alt, HSG-Absolvent und Nationalratskandidat der Jungen SVP Zürich.

Als Co-Präsident und Kopf des «NoBillag»-Initiativkomitees ist Kessler zurzeit einer der meistgefragten Akteure der Schweizer Medienpolitik: Sein Volksbegehren will das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen in der Schweiz abschaffen und Empfangsgebühren generell verbieten. Ein radikales Anliegen, das die Debatte über die künftige Definition des Service public und die Ausrichtung der SRG befeuert. 30 000 von 100 000 Unterschriften fehlen noch.

«Warum zwingen?»

Am Freitag vor einer Woche kommt Kessler im Nachgang zur Volksabstimmung über das Radio- und TV-Gesetz zu einem unverhofften Auftritt in der «Arena» des Schweizer Fernsehens: Der ursprünglich als Gast vorgesehene SVP-Medienpolitiker Gregor Rutz muss notfallmässig ins Spital. Der junge Ersatz schlägt sich erstaunlich gut. Zeit zu fragen: Wer ist dieser Mann?

«Radikal liberal» – so bezeichnet Olivier Kessler seine politische Ausrichtung. «Jeder soll entscheiden, wie er sein Leben gestalten will, ohne dass sich der Staat einmischt.» Er habe nichts gegen die SRG. Aber sie solle sich bitte selber finanzieren. «Wenn sie nicht genügend einnimmt, ist das ein Zeichen, dass die Bevölkerung nicht an ihrem Angebot interessiert ist. Warum sollte man die Leute zwingen?»

Aufgewachsen ist Kessler im schwyzerischen Steuerparadies Wollerau in einer Mittelstandsfamilie. Die Eltern wählen Mitte. Doch den Sohn zieht es zur SVP. Als «politisches Schlüsselerlebnis» bezeichnet er einen Vorfall im Alter vor 14 Jahren: Nach einem Abend mit Musik am See seien er und seine Freunde am Bahnhof Rapperswil von einer Gruppe von Jugendlichen mit Baseballschlägern verprügelt worden. «Die Angreifer fragten uns, ob wir Schweizer seien, dann schlugen sie zu.»

Mehrere seiner Freunde seien im Spital gelandet. Als die Gruppe auf dem Polizeiposten habe Anzeige erstatten wollen, sei sie abgewiesen worden. «Nachdem wir den Polizisten gesagt hatten, die Täter sprächen gebrochenes Deutsch, wollten sie die Anzeige nicht entgegennehmen mit der Begründung, das sei rassistisch.»

Die «sinnlose Gewalt» bewegt Kessler im Lauf der Jahre, Dutzende Leserbriefe an alle möglichen Zeitungen zu schicken – Ausländerkriminalität ist dabei nur ein Thema. Im August 2007 schreibt er etwa an die «Zürichsee-Zeitung»: «Angesichts der desolaten Zukunftsaussicht unseres Sozialsystems fühle ich mich gezwungen, einen Aufschrei zu starten.»

2008 wird Kessler Kantonalsekretär der SVP Schwyz. Dass es ihm nicht an Selbstbewusstsein mangelt, zeigt sich schnell: In einem Schreiben fordert er 2010 mehrere Zentralschweizer Zeitungen auf, das SVP-Argumentarium pro Ausschaffungsinitiative «ungekürzt und unverändert» abzudrucken. Die Kantonalpartei behalte sich vor, Inserate dort zu schalten, wo die Mitteilung veröffentlicht werde, «wie sie eingesandt wurde». Die Zeitungen lehnen ab, der Fall sorgt national für Schlagzeilen.

Politiker und Journalist

Bald einmal wird SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer auf den eifrig publizierenden Kantonalsekretären aufmerksam. Der 70-jährige Chefredaktor der nationalkonservativen Zeitung «Schweizerzeit» sucht einen Nachfolger. Kessler, bereits seit einigen Jahren freier Mitarbeiter der Redaktion, ist der perfekte Kandidat. «Er beherrscht das journalistische Handwerk und seine politischen Positionen entsprechen dem, was wir wollen», sagt Schlüer. Bei der «Schweizerzeit» ist Kessler Journalist und Politiker in einem: Er schreibt und betreut gleichzeitig politische Projekte – darunter auch die «No Billag»-Initiative.

Bis im Dezember müssen Kessler und seine Verbündeten die fehlenden Unterschriften zusammenbringen. Der Gewerbeverband hat zugesichert, die Initiativbögen mit seiner Mitgliederzeitung zu verschicken. Mehrere Kantonalsektionen der SVP sowie eine der FDP unterstützen das Komitee. Doch die Erfolgschancen der Initiative an der Urne gelten als gering, manch einem SRG-Kritiker ist sie zu radikal. Doch Kessler lässt das nicht gelten: «Radikal heisst, wir packen das Problem bei der Wurzel.»