Jahrhundert-Verbrechen

Der Postraub von 1997 war ein Bubenstreich mit Kalaschnikow – das sagt einer der Täter

Posträuber Domenico Silano im Jahr 2000.

Posträuber Domenico Silano im Jahr 2000.

1997 erleichterten fünf junge Männer die Post um 53 Millionen. Der Haupttäter gibt nun im Fernsehen SRF neue Einblicke in das Verbrechen.

Es ist das unverfrorenste Verbrechen, das die Schweiz je gesehen hat. Am 1. September 1997 biegt ein weisser Fiat-Lieferwagen mit fünf jungen Männern aus Zürich Seebach in die Einfahrt der Fraumünsterpost ein, ein gutgläubiger Portier öffnet das Tor, und vier Minuten später kurven die fünf mit einer Beute von 53 Millionen davon.

Vom Jahrhundertpostraub war schnell die Rede und die Räuber erhielten Respekt und Anerkennung aus der Bevölkerung. Man lachte über die Post, die sich derart übertölpeln liess, und freute sich, dass niemand verletzt worden war.

Das Schweizer Fernsehen SRF rollt das Verbrechen nun in einem Doku-Drama neu auf und lässt die Protagonisten von damals noch einmal zu Wort kommen. Der Film wird am Samstag um 20.10 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt und ist Teil der Reihe «Es geschah am…».

Loser-Typen träumen vom grossen Geld

Der Film ruft zunächst Bekanntes in Erinnerung. So sieht man, wie sich die jungen Räuber im Zürcher Aussenquartier Seebach in der «Dago-Bar» treffen. Der Film wagt sich aber näher ran an die Protagonisten und entwirft eine Studie des Milieus, in dem der Jahrhundertcoup geplant wurde. Es sind allesamt Loser-Typen, die vom grossen Geld träumen. Da ist etwa Marcello D. Er wäre gerne in Italien Polizist geworden, arbeitet nun aber auf der Fraumünsterpost. Dort fällt ihm auf, wie Banknoten kistenweise und ohne spezielle Sicherheitsvorkehrungen verschoben werden.

Auf seinem Insiderwissen beruhte der Plan hinter dem Postraub. Durchgeführt wurde er unter der Leitung von Elias Alabdullah. Und hier liegt die Stärke des SRF-Dokudramas. Es ist der Reporterin Andrea Pfalzgraf gelungen, ihn ans Telefon zu bekommen. Und zwar aus der Zelle eines Gefängnisses in Syrien. Warum er dort sitzt, ist nicht ganz klar. Einmal sagt Alabdullah, er sei ein politischer Gefangener, später sagt er, die Syrer wollten Geld von ihm. Dass er einmal ein reicher Mann war, ist unbestritten. Als Anführer reservierte er sich 21 Millionen und setzte sich kurz nach der Tat nach Mailand ab. Dort residierte er im schicken Hotel und führte seine Freundin zum Shoppen aus.

Allerdings währte sein Glück nicht lange. Weil er Fotos mit seinen Fingerabdrücken am Tatort verloren hatte, schnappten ihn die Carabinieri nach kurzer Zeit. Am Telefon beschreibt der Ganove lebhaft, wie er das Geld in Koffern und in der Babytasche seines damals einmonatigen Sohnes versteckte. Die Reporterin fragt: «Die Koffer sind vermuetli schwer gsi?», er antwort in holprigem Schweizerdeutsch: «Ja, scho, aber d’Motivation isch gross gsi. Ich bin d’Treppe ufe wie eine ­Feder. Dann händ mir Champagner ufgemacht und Zigarre azündet.»

Die glänzenden Augen des Ganoven

Trotz des exklusiven Interviews setzt ein alter Bekannter den Glanzpunkt: der Posträuber Domenico Silvano. Zwar hat man von ihm, der als Letzter 1998 in Miami geschnappt wurde, weil er aus Liebeskummer seine Freundin in der Schweiz anrief, schon einiges gelesen und gehört. Trotzdem bringt einem nichts die Gefühlslage der Täter so nahe, wie der Moment im Film, als seine Augen glänzen, wenn er vom Geld erzählt und sagt: «Ich bereue gar nichts.»

Das Dokudrama pflegt streckenweise den Robin-Hood-Mythos um die Posträuber, etwa dann, als einer der weniger berühmten Ganoven in einer Szene an der Busstation in Schwamendingen einem Bettler ein paar der eben erbeuteten Hunderternoten in die Hand drückt. Der Film lässt aber die Frage offen, ob es sich hier nun um ein schlimmes Verbrechen oder um einen aus dem Ruder gelaufenen Lausbubenstreich handelt.

Mit diesem Bild wurde 1997 nach «Mimmo» Domenico Silano gefahndet, nachdem er mit anderen zusammen die Post beim Zürcher Fraumünster ausgeraubt hatte.

Mit diesem Bild wurde 1997 nach «Mimmo» Domenico Silano gefahndet, nachdem er mit anderen zusammen die Post beim Zürcher Fraumünster ausgeraubt hatte.

So hört man Silvano sagen, er sei immer gegen Gewalt gewesen. Im nächsten Atemzug prahlt er, er hätte damals für eine Million jemanden umgebracht und lacht. Räuberboss Alabdullah beteuert, dass keine echten Waffen im Spiel gewesen seien, gesteht dann aber, dass er eine geladene Waffe dabei hatte, um nach dem Überfall die Beute vor Komplizen und Mitwissern zu verteidigen. Auch in die «Dago-Bar» habe er sich nicht mehr getraut aus Angst vor der Mafia.

Von den Opfern hört man nicht viel

Wenig zu Wort kommen die Opfer. Die Postangestellten, denen eine Kalaschnikow unter die Nase gehalten wurde und die vermutliche Todesängste ausstanden, sind nur gemimt von Schauspielern präsent. Dem SRF ist es aber immerhin gelungen, Zeitzeugen vor die Kamera zu bekommen, die das Geschehen aus der Ferne erlebten. Ein Pöstler ärgert sich, dass immer von falschen Waffen die Rede gewesen sei. Er habe das metallische Geräusch der Ladebewegung gehört und sei von echten Pistolen ausgegangen.

Die Legende, ein Teil des Geldes sei noch irgendwo versteckt, wird im Film relativiert. Staatsanwalt Rolf Jäger mutmasst, das Geld sei von Komplizen ausgegeben worden.

Die Posträuber, die alle geständig waren, verbüssten Haftstrafen in der Grössenordnung von fünf Jahren. Ein Teil wurde wieder straffällig. Einige führen heute ein bürgerliches Leben.

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