Abschied

Der Politiker Otto Ineichen war vor allem eines: kein Politiker

Der verstorbene Otto Ineichen zählte zu den populärsten Figuren des Landes. Zu Recht wählte ihn das Publikum des Schweizer Fernsehens zum «Politiker des Jahres 2010». Dabei war Ineichen in vielerlei Hinsicht nachgerade ein Anti-Politiker.

Mit Otto Ineichen konnte man sich derlei erlauben. Es sind jetzt zwei Jahre her, da publizierte die az einen Artikel mit dem Titel: «Warum an dieser Stelle kein Interview mit FDP-Nationalrat Otto Ineichen erscheint.» In den folgenden Zeilen wurde ausführlich aus einem längeren Gespräch mit dem Parlamentarier aus Sursee zitiert – mit dem maliziösen Hinweis, dass Ineichen ebendiese Aussagen gut eine Stunde vor Redaktionsschluss allesamt zurückgezogen habe, die Aussagen im Grunde also gar nicht gemacht worden seien.

Und so hat Otto Ineichen auf diesen journalistischen Bubentrick reagiert: mit einem begeisterten Telefonat. «Grossartig», röhrte Ineichen in aller Früh in den Hörer des az-Redaktors. «Ich bin froh, dass Sie das Gespräch doch noch gebracht haben. Es gibt viel zu wenig unabhängige Köpfe, im Journalismus und in der Politik.»

«Unguided Missile»

Der unabhängigste Kopf, den man sich denken kann, war aber natürlich Otto Ineichen selbst. Negativ formuliert – im Jargon der freisinnigen Stahlhelmfraktion – war er eine «unguided missile». Wie schwer hat sich die frühere Parteileitung unter Fulvio Pelli mit dem Querschläger getan!

Wenn Pelli den Freisinnigen in einer Grundsatzrede zurief: «Zu viele Dissidenten haben in der Vergangenheit in unsere eigene Suppe gespuckt» – dann war dies primär ein Schweigebefehl an Ineichens Adresse. Der Gemassregelte selbst grinste bloss. «Fulvio hat recht», flüsterte Ineichen dem Journalisten zu. «Wir können unseren Wählern keine Suppe mit Spucke zumuten.» Wenig später enervierte sich der gleiche Ineichen in aller Öffentlichkeit darüber, dass sich die FDP unter Pelli von der Pharmaindustrie habe kaufen lassen.

Eigenständige Positionen

Seinen engagiertesten innerparteilichen Feldzug führte er gegen das Primat der Finanzindustrie gegenüber dem Werkplatz. Als erfolgreicher Unternehmer konnte sich dieser politisch Spätberufene solche eigenständigen und pointiert vorgebrachten Positionen leisten. Immer mal wieder war der Druck allerdings selbst für den Mann mit dem Stiernacken zu gross. Das eingangs erwähnte Interview etwa hatte Ineichen keineswegs freiwillig zurückgezogen.

Die öffentlichen Standpauken von Parteichef Pelli nämlich waren nur das eine. In der FDP versuchte man den Kritiker auch mit subtileren Methoden mundtot zu machen: Nach dem Rücktritt eines FDP-Vizepräsidenten vor drei Jahren etwa kritisierte Ineichen die Parteispitze heftig. In der Folge streuten eine Handvoll FDP-Nationalräte sowie Mitarbeiter des Parteisekretariats ganz gezielt üble Gerüchte über Ineichen.

Inneres Feuer

In der breiten Öffentlichkeit wurden diese zermürbenden Kleinkriege kaum wahrgenommen. Im Gegenteil: Ineichen zählte zu den populärsten Figuren des Landes. Zu Recht wählte ihn das Publikum des Schweizer Fernsehens zum «Politiker des Jahres 2010». Dabei war Ineichen in vielerlei Hinsicht nachgerade ein Anti-Politiker. So fehlte ihm jegliches rhetorische Talent; im persönlichen Gespräch wirkte er häufig sogar leicht konfus.

Seine Authentizität, sein inneres Feuer und viel verbindlicher Charme machten ihn gleichwohl zum begnadeten Verkäufer und Motivator. Ineichen agierte als Rettet-die-Schweiz-Maschine im Dauerhochbetrieb, und er konnte diesen Enthusiasmus auf andere übertragen.

«Kreativer Chaot»

Wobei: Jene, die mit ihm zusammengearbeitet haben, nannten ihn einen «kreativen Chaoten». Den langen Atem, auch über die anfängliche Euphorie hinaus dranzubleiben, mussten andere aufbringen. Wie auch immer: Ineichen war der grossartigste Allianzenschmied und erfolgreichste Ideengeber in Bundesbern. Mit dem Jugendprojekt Speranza brachte er Unternehmer und Behörden zusammen. Die von Ineichen begründete Energieallianz aus Parlamentariern sämtlicher Couleurs brachte ein Programm zur energetischen Gebäudesanierung durchs Parlament.

Andere Unternehmungen – etwa die Pläne einer Allianz zur Senkung der Gesundheitskosten – scheiterten am Widerstand im Parlament. Und als Ineichen in den ersten Tagen der Finanzkrise 2008 eine Art Schattenkabinett aus nationalen Parlamentariern formieren wollte, kam dieses Projekt aus den Startlöchern nicht hinaus.

Ein schöner Erfolg zum Ende

Am Ende dieses Politikerlebens steht auf alle Fälle aber ein schöner Erfolg: Über Wochen und Monate hatte Ineichen seinen Freund Philipp Müller dazu gedrängt, das Präsidium der FDP zu übernehmen. Da Müller sich lange zierte, schaffte Ineichen irgendwann eben selbst Tatsachen und erklärte ausgewählten Journalisten, Müller sei zur Kandidatur bereit.

Auch das ein schöner Bubentrick. Fest steht: Dank Müllers Wahl zum Nachfolger von Fulvio Pelli hat sich Ineichen mit seiner Partei kurz vor seinem Tod ganz und gar ausgesöhnt.

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