Hier SVP-Nationalrat Oskar Freysinger: Mittelschullehrer und Dichter aus den Walliser Bergen, braun gebrannt und mit langem Rossschwanz, laut und konservativ, einer der schärfsten Islamkritiker des Landes, als Rechtsaussen verschrien. Dort alt FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp: Juristin aus Zumikon an der Zürcher Goldküste, elegant und zierlich in der Erscheinung, als damals erste Frau in der Landesregierung bis heute eine Ikone der Schweizer Frauenbewegung, eine Urliberale.

Gestern Abend traten die beiden so unterschiedlichen Charaktere gemeinsam im Politforum Käfigturm in Bern auf. Anlass war die Buchvernissage zu Freysingers neuem Werk «Löwenzahn oder der alte Mann an der Suone». Kopp war dort, weil sie das Vorwort geschrieben hat. «Die Vielseitigkeit in Freysingers literarischem Schaffen verblüfft und beeindruckt immer wieder», heisst es da etwa. Mindestens so verblüffend ist, dass sich die Altbundesrätin nicht scheut, gemeinsam mit dem Walliser Haudegen aufzutreten.

«Er ist ein begabter Schriftsteller»

Für Freysinger allerdings ist es nichts anderes als eine willkommene Fügung des Schicksals, dass sich seine und Kopps Wege gekreuzt haben. Seine Beziehung zur Altbundesrätin nennt er eine «gute Freundschaft», für die letztlich Kopps mittlerweile verstorbener Ehemann Hans W. Kopp verantwortlich ist. Einige Monate vor dessen Ableben Anfang 2009 wurde der Literaturliebhaber auf Freysingers literarisches Schaffen aufmerksam und fand dieses brillant, wie der SVP-Nationalrat nicht ohne Stolz erzählt.

Nach einem gemeinsamen Abendessen blieben Freysinger und die Kopps in Kontakt, den Elisabeth Kopp bis heute aufrechterhält. Politisch habe sie mit Freysinger wenig am Hut, erklärt Kopp. «Aber er ist ein begabter Schriftsteller.» Und sie mache eine Trennung zwischen Politik und Literatur. «Dass viele Leute diese Unterscheidung nicht machen wollen, ärgert mich.»

Beim Verlag des Gegners

Neben dem Erscheinen Kopps setzt es zur Vernissage noch eine weitere Überraschung: «Löwenzahn» erscheint im Weltbild-Verlag – und damit bei einem jener Discounter, die den Befürwortern der jüngst an der Urne abgelehnten Buchpreisbindung ein eigentliches Feindbild sind. Zu diesen Befürwortern gehörte auch Freysinger – als einer der ganz wenigen Rechtsbürgerlichen. Darauf angesprochen, schmunzelt er: «Die Frage musste ja kommen.» Er habe in der Deutschschweiz jahrelang nach einem Verleger gesucht – und der Weltbild-Verlag sei der einzige gewesen, der den Mut zur Veröffentlichung gehabt habe.

Freysinger nervt übrigens die Tatsache, dass, wenn immer er ein neues literarisches Werk veröffentlicht, die Medien seine politischen Positionen hervorstreichen statt den Inhalt des Werkes. «Der Politiker steht dem Autor immer im Weg», fasst der SVP-Nationalrat sein Dilemma zusammen. Deshalb soll auch noch kurz auf den Inhalt des Buches eingegangen werden: Es geht um Vitus Erb, einen alten, frustrierten, lebensmüden Mann, der in den Walliser Rebbergen eine neue Berufung findet, die ihn und seine Umgebung buchstäblich aufblühen lässt.

Oskar Freysinger Löwenzahn oder der alte Mann an der Suone, Weltbild-Verlag, 64 Seiten, Fr. 24.90.