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Der Papst will hart durchgreifen

Der Papst zieht Konsequenzen aus dem Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche. In einem Hirtenbrief an irische Bischöfe zeigt Benedikt XVI. «konkrete Lösungen» auf. Hans Küng gehen sie zu wenig weit.

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Der Papst will hart durchgreifen

Der Papst will hart durchgreifen

Christian Nünlist

Für die römisch-katholische Kirche war es schlicht eine Horrorwoche. Die britische Zeitung «The Telegraph» glaubt, dass eine Strassenumfrage in Grossbritannien im Moment folgende Assoziationsketten ergeben würde: Ein katholischer Priester? «Ein Pädophiler». Der Papst? «Ein Nazi».

Tatsächlich ist der Ruf der katholischen Kirche auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Fast im Tagesrhythmus kommen seit Wochen in zahlreichen europäischen Ländern neue Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger im kirchlichen Umfeld zum Vorschein. Das Ansehen der katholischen Kirche ist wegen des Missbrauchskandals für viele Jahre beschädigt. «Die aktuelle Diskussion ist die härteste Krise der Kirche seit 60 Jahren», glaubt der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen. «Und es wird sicher ein Jahrzehnt brauchen, um zerbrochenes Vertrauen wieder herzustellen.»

Papst fordert «Nulltoleranz»

Nach den jüngsten Enthüllungen wurde der Druck auf Benedikt XVI. immer grösser, sich persönlich zum Missbrauchskandal zu äussern. Gestern hat der Papst nun gesprochen – aber keiner weiss was. Benedikt XVI. unterzeichnete gestern seinen mit Spannung erwarteten «Hirtenbrief». Dieser wird aber erst heute Samstag veröffentlicht. Klar ist: Das Schreiben des Papstes ist an die Kirche in Irland gerichtet, wo sich Geistliche tausendfach an Kindern und Jugendlichen vergangen haben.

Aus Kreisen des Vatikans hiess es gestern zudem, der Papst wolle klare Wege aufzeigen, wie Pädophilie in der Kirche ausgemerzt werden soll. Bereits im Februar hatte Benedikt bei einem Krisengipfel mit der irischen Bischofskonferenz «Nulltoleranz», Aufarbeitung und Vorbeugung von Missbrauch gefordert.

Der im Dezember angekündigte Hirtenbrief auf Italienisch und Englisch verzögerte sich offenbar wegen der jüngsten Skandalwelle auch in anderen europäischen Ländern. Der Vatikan will heute auch kurze Zusammenfassungen in anderen Sprachen abdrucken. Das spricht dafür, dass der Hirtenbrief eine gewisse Länge hat.

«Schwere Sünde gegen Gott»

Bisher hat sich Papst Benedikt XVI. erst drei Mal konkret zum Missbrauchskandal geäussert. Im April 2008 sagte er zu den 2002 bekannt gewordenen Fällen in den USA: «Ich bin beschämt, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, dass so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt.» Während seines Amerikabesuchs empfängt er als erster Papst Opfer sexuellen Missbrauchs.

Im Juli 2008 trifft er auch in Sydney Männer und Frauen, die in jungen Jahren von Priestern sexuell missbraucht wurden. «Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen stellt einen schweren Vertrauensbruch dar und verdient eine eindeutige Verurteilung», sagt der Papst in Australien. In Bezug auf den Skandal in Irland nennt Benedikt XVI. den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Februar ein «abscheuliches Verbrechen» und eine «schwere Sünde gegen Gott».

Am Zölibat will der Papst trotzdem nicht rütteln. Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen ist einer repräsentativen Umfrage zufolge jedoch für die Abschaffung der Ehelosigkeit von Priestern. 87 Prozent der Befragten seien der Meinung, der Zölibat sei nicht mehr zeitgemäss. Nur 9 Prozent halten den Zölibat für sinnvoll.

Hans Küng kritisiert den Papst

Der bekannte Schweizer Theologe Hans Küng fordert den Papst in einem Meinungsbeitrag der US-Zeitschrift «National Catholic Reporter» auf, die rigide Haltung zum Zölibat zu überdenken. Seiner Meinung nach hätte das Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert bereits im 16. Jahrhundert abgeschafft werden sollen. Küng findet es absurd, dass die katholische Kirche einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch von Minderjährigen bestreitet. Er verweist auf die 2004 erschienene Langzeitstudio «Knowledge of sexual activity and abuse within the clerical system of the Roman Catholic church» des amerikanischen Psychotherapeuten Richard Sipe, die klar zeige, dass der Zölibat pädophile Tendenzen verstärke.

Küng verurteilt auch den Kult der Verschwiegenheit, der in der katholischen Kirche immer noch vorherrsche und eine Aufdeckung von Missbräuchen behindere.