Milliardenbeschaffung

Der Pannenzug: Der neue SBB-Doppelstockzug sorgt für Ärger, und dies gleich in dreifacher Hinsicht

Rollstuhlfahrer müssen beim Aussteigen eine Rampe mit 15 Prozent Neigung überqueren.

Rollstuhlfahrer müssen beim Aussteigen eine Rampe mit 15 Prozent Neigung überqueren.

Es ist die teuerste Beschaffung in der 117-jährigen Geschichte der SBB. 1,9 Milliarden Franken zahlt der Bundesbetrieb für 62 Doppelstockzüge des kanadischen Konzerns Bombardier. Bisher hat sich die Investition nicht gelohnt.

Nicht nur der Name des Zugs ist sperrig: FV-Dosto, eine Abkürzung für Fernverkehrs-Doppelstockzug.

Problem Nummer 1: Die Züge verkehren seit fast einem Jahr, doch die Technik funktioniert noch immer nicht wie geplant. Vor elf Monaten haben die SBB den Testbetrieb gestartet und vor Weihnachten einen fahrplanmässigen Einsatz begonnen. Nach mehr als 1000 Fahrten mit 200'000 Passagieren lautet nun das offizielle Fazit: ungenügend.

Zwei Drittel aller Störungen betreffen die Türen, die Software der Leittechnik sowie den Antrieb. Die Pannen sorgen für Verspätungen und Ausfälle. Zudem stimmt die Laufruhe in langsamer Fahrt nicht. Wenn die Züge zum Beispiel mehrere Weichen überqueren, geraten sie ins Wanken. Passagiere im oberen Stockwerk erleben dann eine Schrecksekunde. Es entsteht das Gefühl, der Zug könnte kippen.

SBB kritisieren Bombardier

Die Zeiten, in denen die SBB die Probleme mit den Doppelstöckern schöngeredet haben, sind vorbei. In einer Mitteilung transportiert die PR-Abteilung die negative Nachricht nun ausnahmsweise gleich im Titel: «SBB ist unzufrieden mit Zuverlässigkeit der FV-Dosto von Bombardier». Die SBB entschuldigen sich bei ihren Kunden für «die Unannehmlichkeiten» und fordern von Bombardier «umgehend» Verbesserungen.

Mit ihrer Vorwärtsstrategie leiten die SBB die Kritik an den Hersteller weiter. Als eine erste Massnahme hat Bombardier Techniker entsandt, die sämtliche Fahrten begleiten. Zudem erneuerte der Bahnbauer die Software und wartete alle Türen. Doch das alles nützte nichts. Die Probleme konnten nicht behoben werden.

Die SBB setzen die neuen Züge deshalb nicht wie geplant auf der Strecke St. Gallen–Genf ein. Eigentlich hätten sie dort mit dem Fahrplanwechsel im Dezember eingeführt werden sollen. Dann meldeten die SBB, es sei frühestens Mitte Januar so weit. Und nun wird die Einführung auf unbestimmte Zeit verschoben. Die SBB werden das aktuelle Einsatzgebiet gemäss der neusten Mitteilung erst dann erweitern, wenn die bestehenden zwölf Fahrzeuge über mehrere Wochen «verlässlich» eingesetzt werden könnten. Derzeit verkehren sie erst auf der Strecke Basel–Zürich–St. Gallen–Chur.

Ein Fall für das Bundesgericht

Problem Nummer 2: Die Züge sind nur bedingt rollstuhlgängig. Beim Aussteigen muss eine Rampe mit einer Neigung von 15 Prozent überquert werden. Sogar kräftige Rollstuhlfahrer haben Mühe damit. Der Behindertenverband Inclusion Handicap fordert deshalb eine Neigung von höchstens 12 Prozent. Nun teilt er mit, dass er das Verfahren weiterzieht und vor Bundesgericht geht.

Problem Nummer 3 war die Lieferung der Züge. Bombardier hatte mehr als drei Jahre Verspätung. Deshalb musste der Konzern den SBB drei zusätzliche Züge schenken.
Die drei Probleme machen die Beschaffung noch teurer als kalkuliert.

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