Stefan Ritler

Der neue IV-Chef Stefan Ritler will den harten Kurs seines Vorgängers fortführen

Seit dem 1. Mai leitet der Solothurner Stefan Ritler die Invalidenversicherung. Mit der 6. IV-Revision steht ihm ein grosser Reformbrocken bevor. Im Interview nimmt Stefan Ritler Stellung.

Ruedi Studer

Stefan Ritler, Ihr Vorgänger Alard du Bois-Reymond galt als Hardliner. Fahren Sie als studierter Psychologe und Theologe einen sanfteren Kurs?

Stefan Ritler:Mit Attributen wie «hart», «weich», «gut», «böse» habe ich nicht viel am Hut. Meine Linie ist vom politischen Auftrag abhängig. Diesen habe ich bereits als Leiter der IV-Stelle Solothurn verinnerlicht. Es ist klar, wohin die Reise geht.

Sie wirken sanft und umgänglich, verteidigen aber den harten Kurs. Der neue IV-Chef als «Wolf im Schafspelz»?

Ritler:Ob das ein guter Vergleich ist? Ich verfolge sicher eine klare Linie, weil ich mich mit der IV und ihren Zielen stark identifiziere. Wenn wir diese Versicherung nicht in den Sand setzen wollen, müssen wir in den nächsten Jahren Milliarden sparen. Mit Blick auf die 6. IV-Revision bin ich zu einem konstruktiven Dialog bereit, um möglichst alle Akteure ins Boot zu holen und gemeinsam eine Sanierungslösung zu erarbeiten. Vom eigentlichen Ziel lasse ich mich aber nicht abbringen.

Das heisst: Jährlich 1 Milliarde Franken sparen, um die Schulden von bald 15 Milliarden abzubauen.

Ritler: Mit der IV-Zusatzfinanzierung haben wir bis Ende 2017 Zeit, die dafür notwendigen Massnahmen zu erarbeiten und umzusetzen. Ich bringe mein Know-how ein, um das IV-System weiterzuentwickeln. Ich bin aber sicher kein Turnaround-Manager, der in den nächsten Jahren einfach aufräumt. Dafür wäre ich der Falsche.

Die Zusatzfinanzierung könnte dazu führen, dass sich die Verantwortlichen zurücklehnen.

Ritler: Sicher nicht! Mit der Befristung bleibt der Druck bestehen. Dies erst recht aufgrund des knappen Abstimmungsresultats. Das Ziel bleibt: Ab 2018 muss die IV ohne Zusatzfinanzierung eine ausgeglichene Erfolgsrechnung präsentieren und bis 2028 ihre Schulden abgebaut haben.

Zur 6. IV-Revision: Nächste Woche stellen Sie sich in einer Anhörung erstmals den zuständigen Sozialpolitikern. Die SVP erwartet von Ihnen eine noch härtere, die Linke eine sanftere Gangart. Wie schaffen Sie den Spagat?

Ritler: Einen Spagat muss ich keinen machen. Ich werde sachlich argumentieren, was aus meiner Sicht möglich ist und was nicht. Ob der von uns vorgeschlagene Weg weiterverfolgt oder eine andere Richtung eingeschlagen wird, muss die Politik entscheiden.

Und was ist möglich?

Ritler: Wir müssen investieren, damit Rentenleistungen gespart werden können. Das heisst, wir müssen personenzentriert arbeiten und beispielsweise in neue Massnahmen für psychisch Kranke investieren. Gerade in diesem Bereich müssen wir ein Brikett nachlegen, flexibler werden und mehr anbieten. Eine Alternative wäre, die Renten mit der Rasenmähermethode um 30 Prozent oder mehr zu kürzen, um die Rechnung auszugleichen. Das wäre nicht mein Stil und aus meiner Sicht sozialpolitisch und volkswirtschaftlich der GAU.

Das grosse Ziel der 6. IV-Revision ist die Wiedereingliederung von 17000 Personen in den Arbeitsmarkt. Ist diese Zielsetzung angesichts der Wirtschaftslage überhaupt realistisch?

Ritler: Ja.

Sagen Sie das als neuer IV-Chef von Amtes wegen oder als Mann aus der Praxis aus Überzeugung?

Ritler:Aus innerer Überzeugung! Die Frage ist für mich nur das «Wie». Wenn jede Person, welche die Zielsetzung für unrealistisch hält, in ihrem Umfeld Arbeitgeber und Vorgesetzte angeht und für das Anliegen sensibilisiert, werden wir schweizweit mehr als 20000 solcher Stellen schaffen.

Wie soll das aufgehen? Derzeit sind in der Schweiz nur 17 000 freie Stellen ausgeschrieben.

Ritler:Mit der 4. und 5. IV-Revision wurde bei den IV-Stellen ein Kulturwandel eingeläutet. Uns wurde bewusst, dass wir viel mehr Face-to-face-Arbeit leisten und die Wiedereingliederung planen müssen. Meine Erfahrung in Solothurn hat mich gelehrt: Wir müssen bei Fachleuten und Firmen Klinken putzen, für die Problematik sensibilisieren, an die soziale Verantwortung appellieren und so die IV-Bezüger quasi wieder in den Arbeitsmarkt hineinmassieren.

Klinkenputzen und auf den Goodwill der Wirtschaft hoffen?

Ritler: Die Sensibilisierung braucht viel Handarbeit. Im Kanton Solothurn haben wir jährlich zwischen 700 und 1000 Arbeitgeber besucht. Unsere Vermittlungsquote lag 2009 gegen 45 Prozent. Wir haben rund 500 Stellen vermittelt.

Nach diesem Modell wäre das Ziel auf die Schweiz hochgerechnet in zwei Jahren locker erreicht.

Ritler: Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir unser Ziel tatsächlich erreichen. Es braucht aber etwas mehr Zeit, denn der Kulturwandel muss nicht nur bei den IV-Stellen, sondern auch in der Verwaltung, bei Ärzten und Arbeitgebern stattfinden.

Doch gerade für die Wirtschaft gibt es noch viele Hürden und Risiken, welche abschrecken.

Ritler: Diese Problematik gehen wir mit der 6. IV-Revision an. Wir müssen Anreize weiter ausbauen für die Arbeitgeber, behinderte Personen einzustellen. Heute ist dies für viele Firmen ein «heisses Eisen», weil sie im schlimmsten Fall plötzlich jemanden auf der Lohnliste haben, der ihre Versicherungsprämien hinaufjagen könnte. Oder weil Menschen mit einer psychischen Krankheit eine zusätzliche Betreuung brauchen, die die Firmen nicht selber leisten können. Hier müssen wir auch finanzielle Unterstützung leisten. Und die Arbeitgeber müssen mit «Arbeitsversuchen» die Möglichkeit haben, jemanden risikolos auf Probe anzustellen.

Muss nicht auch auf der IV-Bezüger-Seite angesetzt werden? Wer den Schritt in die freie Wirtschaft wagt, verliert seinen Rentenanspruch – auch wenn er sich dort schliesslich nicht behauptet. Das schreckt ebenfalls ab.

Ritler: Das ist ein wichtiger Punkt, den wir ebenfalls angehen müssen. Wir wollen mit einem flexibleren Rentensystem die Schwelle für den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt senken. Auch für behinderte Personen sollen «Arbeitsversuche» in der freien Wirtschaft ermöglicht werden. Klappt der Einstieg und steigt mit der Leistung der Lohn, kann die IV ihre Rentenleistung zurückfahren. Und im Falle eines Rückfalls wollen wir das Wiederaufleben der Rentenleistung für die Betroffenen flexibilisieren.

Auch wenn Sie das Wiedereingliederungsziel erreichen, um Leistungskürzungen im Umfang von 500 Millionen Franken kommen Sie nicht herum.

Ritler:Das Sanierungsziel ist politisch vorgegeben und bei einem solchen Einschnitt wird es auch Härtefälle geben. Wir müssen von der Vollkasko-Mentalität wegkommen und lernen, mit dem vorhandenen Geld auszukommen. Gerade weil ich ein grosses Herz für die IV habe, darf ich den ökonomischen Verstand nicht ausschalten.

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