Gotthard-Basistunnel

Der neue Gotthard-Basistunnel ist ein Meilenstein - und doch zu wenig

Der Gotthardtunnel ist ein Jahrhundert-Bauwerk - mit göttlichem Segen. Ein Gottesdienst für die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Mineure, wird an ihrem Namenstag am 4. Dezember 2006 im Neat Basistunnel in Faido mit den Priestern Edi Rossi, Ononio Fornoni und Ephrem Bucher.

Der Gotthardtunnel ist ein Jahrhundert-Bauwerk - mit göttlichem Segen. Ein Gottesdienst für die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Mineure, wird an ihrem Namenstag am 4. Dezember 2006 im Neat Basistunnel in Faido mit den Priestern Edi Rossi, Ononio Fornoni und Ephrem Bucher.

Der Bundesrat plant, den Verfassungsartikel von 1994 abzuändern. Er stellt das Verfassungsziel, das mit der Alpeninitiative 1994 gesteckt wurde, und welches weit verfehlt blieb, infrage, obwohl eine deutliche Verlagerung des Verkehrs von der Strasse auf die Schiene zu verzeichnen ist.

«Mit der Neat kann der überwiegende Teil des Gütertransitverkehrs von der Strasse auf die Schiene verlagert werden», stand im Abstimmungsbüchlein von September 1992, als die Schweizer Bevölkerung über den «Bundesbeschluss über den Bau der schweizerischen Eisenbahn-Alpentransversale» (Neat) zu befinden hatte.

Und weiter: «Die Fahrzeiten zwischen Nord- und Südschweiz werden halbiert, die Schweiz an das künftige moderne Schienennetz Europas angeschlossen. Dies dient der Umwelt und der Wirtschaft.» Die Vorlage wurde mit satten 63,6 Prozent angenommen.

Keine zwei Jahre später, im Februar 1994, sagten die Stimmbürger erneut Ja zu einer gewichtigen verkehrspolitischen Vorlage: Der Alpen-Initiative. Seither steht in der Verfassung, dass für den alpenquerenden Güterschwerverkehr das Ziel von höchstens 650 000 Lastwagen pro Jahr gilt – und dieses «spätestens zwei Jahre nach Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels erreicht werden soll».

Verfassungsziel klar verfehlt

Damals konnte man nur abschätzen, wann der Countdown zur Erreichung des Verfassungsziels beginnen wird. Jetzt weiss man es präzise: am 11. Dezember dieses Jahres. Dann wird der Gotthard-Basistunnel für den Personen- und Güterverkehr offiziell in Betrieb genommen. Zeit also für eine Bilanz: Was ist aus den vollmundigen Versprechungen der 1990er-Jahre geworden?

Nach der Annahme der Initiative dauerte es mehr als 20 Jahre, bis der neue Basis-Tunnel fertiggestellt war:

Die Antwort darauf ist durchzogen: Zwar hat die Verlagerung der Güter von der Strasse auf die Schiene in den gut 20 Jahren markante Fortschritte gemacht, das Ziel von höchstens 650 000 alpenquerenden Lastwagen wird jedoch bis zwei Jahre nach Inbetriebnahme unmöglich erreicht. Im Jahr 2014 zählte man 1,033 Millionen schwere Güterfahrzeuge, womit sogar das später formulierte, weniger ambitionierte Ziel fürs Jahr 2011 von 1 Million Fahrzeuge (erneut) verfehlt wurde.

Auch für die nächste Ära des Gotthards machen die (Alt) Bundesräte Versprechungen:

Wie wird der neue Tunnel durch den Gotthard die Schweiz verändern?

Wie wird der neue Tunnel durch den Gotthard die Schweiz verändern?

Das sagen Doris Leuthard, Moritz Leuenberger und Adolf Ogi.

Auch das bundesrätliche Versprechen zum Personenverkehr – die Halbierung der Fahrzeiten zwischen der Nord- und Südschweiz – war zu optimistisch, wie man jetzt sieht: Nach Eröffnung des Ceneri-Basistunnels wird die Reisezeit zwischen Zürich und Mailand noch rund drei Stunden betragen – immerhin ein «Gewinn» von rund einem Viertel der Zeit.

Deutliche Kostenreduktion

Auch wenn der neue Gotthard-Basistunnel die allzu hoch gesteckten Ziele nicht vollständig erfüllen kann, ist er zweifellos einer der zentralen Meilensteine der Schweizer Verkehrspolitik, für die Verlagerungspolitik gar DER zentrale Meilenstein.

Wie er bereits im Verlagerungsbericht 2011 abschätzte und im jüngsten Bericht von Ende 2015 wiederholte, rechnet der Bund dank Inbetriebnahme des Basistunnels mit spektakulären Produktivitätsgewinnen für die im Alpenverkehr tätigen Eisenbahnunternehmen an: Dank besserer Planungsmöglichkeiten und tieferem Energieverbrauch sollen diese ihre Betriebs- und Personalkosten um bis zu 30 Prozent verringern können. So können Güterzüge dank geringerer Steigungen die Nord-Süd-Achse künftig nur noch mit einer Lokomotive befahren.

Der Gotthard gilt als Inbegriff der Schweizer Präzision:

Präzision, Hightech, Know-how: Doris Leuthard, Moritz Leuenberger und Adolf Ogi über den Pioniergeist der Tunnelbauer.

Präzision, Hightech, Know-how: Doris Leuthard, Moritz Leuenberger und Adolf Ogi über den Pioniergeist der Tunnelbauer.

Bezogen auf die Gesamtkosten im Gütertransport rechnet der Bund immerhin noch mit einer Reduktion von 10 Prozent. Nicht nur können die Güter schneller von A nach B transportiert werden, auch die Zuverlässigkeit der Infrastruktur nimmt mit dem Basistunnel zu – ein in Zeiten von staugeplagten Nationalstrassen ebenso entscheidendes Argument.

Hinzu kommen weitere Faktoren wie die bevorstehende Realisierung eines durchgehendes 4-Meter-Korridors auf der Nord-Süd-Achse oder die flächendeckende Verwendung des europäischen Zugsicherungssystems ETCS.

Kurz: Die generellen Rahmenbedingungen sprechen dafür, dass es sich für die Transporteure immer mehr lohnt, Güter von der Strasse auf die Schiene zu verlagern. Gleichzeitig gibt es Umstände, welche dieser Tendenz aktuell zuwiderlaufen: Der tiefe Ölpreis und die Frankenstärke, da ein Grossteil der Alpentransite in der hiesigen Währung abgerechnet wird. Sie erhöhen den Anteil der Strasse wiederum.

Bundesrat stellt Ziel infrage

Aufgrund der Rahmenbedingungen hält der Bundesrat zwei Massnahmen für notwendig, um die gesetzlich festgeschriebene Verlagerungspolitik weiter voranzutreiben: Er will per Januar 2017 die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe erhöhen, wobei der Maximalbetrag nicht ausgeschöpft werden soll – was bei Umweltverbänden heftigen Protest ausgelöst hat.

Bis 2021 sollen dem Schienentransport zudem spezielle Preisnachlasse gewährt werden. Das Ziel von 650 000 alpenquerenden Fahrten rückt damit näher. Erreicht werden dürfte es dennoch nie – Gotthard-Basistunnel hin oder her.

Das weiss der Bundesrat, er will den entsprechenden Verfassungsartikel deshalb «weiterentwickeln». Statt starr auf die Anzahl Fahrzeuge zu fokussieren, sollen auch umwelt- und klimapolitische Aspekte stärker einbezogen werden. Für den Verein Alpen-Initiative ein klarer Wortbruch: «Am Verlagerungsziel kann die Politik nicht einfach herumschräubeln.»

Der Bundesrat beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Gotthard. Federführend waren und sind die drei (ehemaligen) Verkehrsminister Adolf Ogi, Moritz Leuenberger und Doris Leuthard.

Der Bundesrat beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Gotthard. Federführend waren und sind die drei (ehemaligen) Verkehrsminister Adolf Ogi, Moritz Leuenberger und Doris Leuthard.

Autor

Antonio Fumagalli

Antonio Fumagalli

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