Schon zu Beginn trennte sie wenig: Ein paar hundert Meter bloss beträgt die Distanz zwischen Merenschwand, wo Doris Leuthard aufwuchs, und Muri, wo Walter Thurnherr seine Kindheit und Jugend verbrachte. Und auch ihre Geburtstage liegen nur drei Monate und einen Tag auseinander.

Wie eng sich Leuthard und Thurnherr als Teenager standen, ist nicht überliefert. Kein Geheimnis ist hingegen, wie vertraut sich die inzwischen 52-Jährigen heute sind. Die beiden Aargauer vertieften sich nie bloss zusammen in politische Dossiers, sondern genossen oft auch die schönen Seiten ihrer Ämter gemeinsam: Als die Bundesrätin beispielsweise vor zwei Monaten zur Eröffnung des Lucerne Festivals reiste, war ihr Generalsekretär wie so oft an ihrer Seite. 

Bevor Walter Thurnherr 1989 in den diplomatischen Dienst eintrat, hatte er an der ETH Zürich theoretische Physik studiert – ein Bereich, der ihn noch heute fasziniert. Auf Twitter verlinkt er vorzugsweise Youtube-Filme, die sich komplizierten mathematischen Problemen widmen. Beruflich schlug er die Beamtenkarriere ein. Und die führte ihn rasch steil aufwärts.

«Selbstbewusster Bundeskanzler»

Ab 1993 unterstützte Thurnherr den legendären Schweizer Botschafter Edouard Brunner in dessen Funktion als Sonderbeauftragter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Danach vermittelte er im Nagornij-Karabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan, bevor er auf der Schweizer Botschaft in Moskau tätig war. Als persönlicher Mitarbeiter des Tessiner CVP-Bundesrats Flavio Cotti wechselte er 1997 zurück nach Bern.

Seit 2002 amtiert Thurnherr als Generalsekretär. Zuerst während zweier Jahre im Aussen-, danach im damaligen Volkswirtschaftsdepartement. Dort kreuzte sich sein Weg 2006 mit einer alten Bekannten: Als die Bundesversammlung Leuthard zur Nachfolgerin von Joseph Deiss in die Regierung wählte, wurde sie seine Chefin. Und vertraute fortan auf seine Dossierkenntnisse und seine rasche Auffassungsgabe – auch nach ihrem Wechsel ins Umweltdepartement vor vier Jahren.

«Thurnherr macht in der Verwaltung so rasch keiner etwas vor», sagen langjährige Beobachter der Bundespolitik. Er kenne nicht bloss jedes ihm anvertraute Dossier bis ins kleinste Detail, sondern wisse auch über Vorgänge in anderen Departementen bestens Bescheid. «Thurnherr ist führungsstark und würde das Amt des Bundeskanzlers gewiss selbstbewusster interpretieren, als es Corina Casanova zuletzt tat», heisst es.

Der «Blick» nannte den Kleingewachsenen einst einen «richtigen kleinen Napoleon». Hoch gelobt wird Thurnherr für die Übergangslösung für das EU-Stromabkommen, auch wenn dieses dann in letzter Minute doch noch scheiterte.

Leuthards Abschiedsgeschenk

Thurnherr wird viel zugetraut. Und so verwundert es kaum, dass er im Sommer als Kandidat für das Amt des Chefunterhändlers für das vertrackte EU-Dossier gehandelt wurde. Die Frage sei bloss, «ob ihn seine Chefin Doris Leuthard ziehen lassen würde», schrieb die «Berner Zeitung» Anfang August.

Ein paar Tage später erhielt Jacques de Watteville den Vorzug. Doch Thurnherr musste nicht lange auf den nächsten Karrieresprung warten: Seine Aussichten, im Dezember Bundeskanzler zu werden, sind überaus gut. Es ist das Abschiedsgeschenk seiner früheren Nachbarin Doris Leuthard.