Balgrist
"Der Modernisierungsbedraf ist gross"

Der Verein Balgrist, Träger der gleichnamigen Klinik, feiert Jubiläum. Präsident Eric Honegger über Kostendruck, Forschungsgelder und die Balgrist-Zukunft.

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Eric Honegger

Eric Honegger

Aargauer Zeitung

Interview Oliver Steimann

Was hat Sie 2004 bewogen, sich als Präsident im Balgrist-Verein zu engagieren?

Eric Honegger: Das Spannende an dieser Position ist, dass es sich um eine Schnittstelle zwischen unternehmerischen und politischen Aufgaben handelt. Der Schweizerische Verein Balgrist mit der Klinik ist eine private Gesellschaft - wir haben jedoch einen staatlichen Auftrag und werden für dessen Erfüllung entschädigt.

Und wie muss man sich Ihre Tätigkeit konkret vorstellen?

Honegger: Die Aufgabe entspricht der eines Verwaltungsratspräsidenten. Wir führen das Spital als Verein gleich wie eine Aktiengesellschaft. Andererseits habe ich oft Kontakt mit politischen Exponenten, vor allem mit der Gesundheits- und der Bildungsdirektion. Von Letzterer haben wir als Universitätsklinik auch einen Bildungsauftrag.

Der Verein ist seit einem Jahrhundert Trägerschaft der Balgrist-Klinik. Ist diese Konstellation noch zeitgemäss?

Honegger: Wenn man heute von Grund auf ein Spital errichten würde, würde man sich wohl für eine Aktiengesellschaft entscheiden. Am Anfang unserer langen Geschichte stand jedoch der «Schweizerische Verein für krüppelhafte Kinder», auf dessen Basis die Uniklinik Balgrist gewachsen ist. Natürlich haben wir uns auch schon die Frage gestellt, ob wir das juristische Kleid wechseln sollten. Doch die Vorteile dieser Lösung überwiegen derzeit. Ob sie weitere 50 Jahre trägt, ist eine andere Frage.

Eric Honegger

Der Sohn von Bundesrat Fritz Honegger, geboren 1946, wurde 1987 als Vertreter der FDP in den Zürcher Regierungsrat gewählt, dem er bis 1999 angehörte. Seit 1993 Mitglied des Verwaltungsrates der SAir Group, übernahm er im Mai 2000 das Präsidium und wurde im Januar 2001 zudem CEO. Bereits im März wurde er aber in beiden Funktionen durch Mario Corti ersetzt und verlor in der Folge auch weitere Mandate bei UBS und NZZ. Im Buch «Erinnerungs-Prozess» beschrieb er 2007 seine Erfahrungen nach diesem jähen Fall. Heute präsidiert Honegger neben dem Balgrist-Verein auch das Europa-Institut an der Universität Zürich (EIZ). (ost)

Am Anfang stand die Sorge um das Schicksal «krüppelhafter Kinder». Inwiefern haben sich die Ziele gewandelt?

Honegger: Geändert hat zunächst einmal die Zielgruppe. Wir decken heute die ganze Bandbreite ab, die Kinder stehen nicht mehr allein im Zentrum. Geblieben ist jedoch die zentrale Aufgabe, sich um Patienten zu kümmern, die ein Leiden an ihrem Bewegungsapparat haben. Das umfasst heute pflegerische, soziale, ärztliche und rehabilitative Massnahmen. Und geändert hat sich auch die akademische Ausrichtung: Der Balgrist ist seit 1945 orthopädische Universitätsklinik.

Ist vom karitativen Gedanken der Gründungsjahre dennoch etwas übrig geblieben?

Honegger: Ja, auf jeden Fall. Wir führen auch heute noch ein Wohnheim für behinderte Personen, die nach einem Spitalaufenthalt nicht gleich wieder in ihre gewohnte Umgebung zurückkehren können. Unser Verein hat eine karitative, gemeinnützige Ausrichtung und ist daher steuerbefreit.

Der Wettbewerb im Gesundheitswesen nimmt zu. Was heisst das für den Balgrist?

Honegger: Der Wettbewerbsdruck führt im Gesundheitswesen zu einer immer ausgeprägteren Spezialisierung. Man vertieft sich mehr in einzelne Disziplinen und versucht, dort immer bessere Leistungen zu erbringen. Das ist heute auch in unserer Klinik so: Da gibt es spezielle Teams, die sich etwa nur mit dem Knie, nur mit der Wirbelsäule, nur mit der Schulter oder nur mit den Füssen befassen. Damit sind wir, als einzige auf Orthopädie spezialisierte Universitätsklinik am Standort Zürich, bereits sehr gut positioniert. Der Wettbewerb führt aber auch dazu, dass immer weniger stationäre und immer mehr ambulante Leistungen erbracht werden.

Der Balgrist ist aber nicht nur Spital, sondern auch Forschungsstandort.

Honegger: In der Forschung gibt es einen grossen Wettbewerb um Drittmittel. Wir versuchen, hier in unserer Klinik eine derart gute Forschungsatmosphäre anzubieten, dass unsere Spezialisten Drittmittel und neue Forschungsaufträge generieren können. Auf dem Gebiet der hochspezialisierten Medizin, welche Forschung und Behandlung verknüpft, sind wir ausgesprochen stark. Der Regierungsrat hat erst kürzlich ein Projekt für hochspezialisierte Medizin im Kanton Zürich lanciert. Von den 30 Millionen Franken, die dafür gesprochen wurden, gehen nicht weniger als 10 Millionen an Forschungsprojekte, die hier an der Uniklinik Balgrist angesiedelt sind.

In ihren frühen Jahren leistete die Balgrist-Klinik Pionierarbeit, die weit über die Landesgrenzen hinaus ausstrahlte. Kann sie diese Rolle heute immer noch spielen?

Honegger: Es gibt natürlich zahlreiche orthopädische Kliniken, auch im Kanton Zürich. Als Universitätsklinik haben wir bestimmt Vorteile. Was den internationalen Vergleich betrifft, ist es schwierig, einen korrekten Massstab zu finden. Das Echo, das unsere Arbeit in der medizinischen Welt findet, lässt aber darauf schliessen, dass wir zumindest in Europa zur Spitze gehören. Das gilt auch für die Paraplegie, selbst wenn das in der Bevölkerung noch kaum wahrgenommen wird. Bei diesem Thema denkt man in der Schweiz in erster Linie an Nottwil. Aber nicht zuletzt dank unserer engen Zusammenarbeit mit den entsprechenden Instituten an Universität und ETH verfügen wir über ein sehr renommiertes Paraplegikerzentrum.

Neben dem Wettbewerb ist auch der Kostendruck heute ein allgegenwärtiges Thema. Wie macht sich dies an der Uniklinik Balgrist bemerkbar?

Honegger: Momentan arbeiten wir auf das Jahr 2012 hin, wenn die Pauschalabrechnungen eingeführt werden. Daneben konnten wir in den vergangenen drei Jahren unser Defizit, das der Staat tragen muss, stets verringern. Zwar sind neben den Erträgen auch die Kosten gestiegen, aber die Differenz wird immer kleiner. Dies zeigt, dass wir in der Lage sind, dieses Spital sehr effizient zu führen.

Wäre es ein realistisches Ziel, das Defizit ganz zu eliminieren?

Honegger: Das ist eine Illusion. Wenn man den Leistungsauftrag hat, allgemeinversicherte Patienten zu behandeln, lässt sich dies ohne staatlichen Beitrag nicht machen.

100 Jahre Balgrist

Aus Anlass seines hundertjährigen Bestehens veranstaltet der Verein Balgrist diesen Sommer eine Reihe von Konzerten und Tanzaufführungen zum Thema Bewegung. Im eigens für das Jubiläum errichteten Konzertpavillon vor der Klinik treten unter anderem das Leipziger Streichquartett, Noord Nederlandse Dans und Flamencos en route auf. Zum Abschluss findet im September eine Kunstausstellung mit Auftragswerken zum Thema Bewegung statt. Alle Veranstaltungen sind kostenlos. Weitere Informationen und Anmeldung unter: www.balgrist.ch (ost)

Welches ist gegenwärtig Ihre grösste Herausforderung?

Honegger: Ganz klar die Infrastruktur. Die Klinik ist in den letzten 10 Jahren um 40 Prozent gewachsen, wir arbeiten aber noch immer in der praktisch gleichen baulichen Hülle. Der Bedarf an baulicher Erweiterung und Modernisierung ist gross. Letztlich können wir nur konkurrenzfähig bleiben, wenn wir den entsprechenden Raum dafür haben. Einige Projekte sind bereits in Arbeit.

Reicht der Platz am Standort Balgrist aus, um zu wachsen?

Honegger: Ja, wir haben noch Reserven, die uns einen Ausbau ermöglichen. Ohnehin entsteht in der Umgebung in den nächsten Jahren mit dem Zuzug des Kinderspitals ein eigentliches medizinisches Zentrum im Raum Balgrist.