Abzocker-Initiative
Der Mann, der bei der Minder-Initiative im Hintergrund Gas gibt

Ständerat Thomas Minder ist das Gesicht des Volksbegehrens – sein Mitarbeiter Claudio Kuster das Hirn. Der 32-Jähirge, der bei Minders Firma gearbeitet hat, ist Co-Initiant des Volksbegehrens und kennt jedes Detail genaustens.

Doris Kleck
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Kampf den Abzockern: Claudio Kuster auf dem Zürcher Paradeplatz, dem Finanzzentrum der Schweiz.Siggi Bucher

Kampf den Abzockern: Claudio Kuster auf dem Zürcher Paradeplatz, dem Finanzzentrum der Schweiz.Siggi Bucher

Die Gegner der «Initiative gegen die Abzockerei» haben ihren Abstimmungskampf bereits eröffnet, «Genau hinschauen» heisst ihr Claim. Wer für die Minder-Initiative sei, solle das Kleingedruckte lesen – eine Kampagne, die Claudio Kuster keine Bauchschmerzen bereitet. Kuster, Co-Initiant der Abzocker-Initiative, hat das Plakat der Gegner schnell seziert, die Schwächen ausgemacht. Vor allem aber: Kuster ist der Mann fürs Kleingedruckte. Kaum ein anderer kennt Details und Unterschiede der Initiative und des indirekten Gegenvorschlags des Parlamentes derart gut wie er.

Der 32-Jährige hat seit Lancierung der Initiative manches Buch über das Aktienrecht gelesen und sich aufmunitioniert, um Wirtschaftsführern, Politikern und Juristen im Abstimmungskampf Paroli zu bieten. Kuster beschränkt sich nicht auf Empörungsbewirtschaftung. Er will auch in der Wirtschaftspresse ernst genommen werden. Sein Chef Thomas Minder kennt alle Namen und Zahlen zu Lohnexzessen; Claudio Kuster die Finessen des Aktienrechts. Eine klare Aufgabenteilung: Minder ist das Gesicht der Initiative, Kuster das Hirn.

Blocher die Leviten gelesen

Claudio Kuster absolvierte in der Trybol von Thomas Minder eine verkürzte KV-Lehre, nachdem er ein Informatikstudium an der ETH abgebrochen hatte. Nach deren Abschluss fragte ihn sein Lehrmeister, ob er noch «drei Monate bleiben wolle, um etwas zu machen». Dieses «etwas» war die Lancierung der Abzocker-Initiative. Drei Monate hatte Minder für die Sammlung der 100000 Unterschriften eingeplant, doch alleine die Vorprüfung der Initiative durch die Bundeskanzlei dauerte ein halbes Jahr. Kuster lacht, als er die Anekdote erzählt. Denn sie ist typisch für Minder, den Ungeduldigen – «was manchmal nervenaufreibend ist» –, aber auch für den Kreativen – «der einen Umsetzer für seine Ideen braucht», wie Kuster sagt.

Der Abstimmungskampf ist für Kuster lediglich noch der Endspurt eines bald siebenjährigen Marathons: «Wir befinden uns bei Kilometer 42 und haben einen grossen Vorsprung», sagt Kuster. Die Kampagne wird bescheiden ausfallen, auch weil die budgetierten 200000 Franken noch nicht beisammen sind. Kuster ist froh, dass mit dem einstigen Mafiajäger Paolo Bernasconi, dem Zürcher Unternehmer Hans-Ulrich Lehmann sowie dem in Hongkong wohnhaften Investmentbanker Hansrudolf Schmid ein weiteres Unterstützungskomitee («Superbonus2013») auf den Plan getreten ist. «Dieses Komitee zeigt, dass unsere Initiative breit abgestützt ist.» Kuster formuliert damit genau die umgekehrte Botschaft, welche die Gegner platzieren wollen. Diese sprechen bewusst von der Minder-Initiative, wohl wissend, dass der Schaffhauser Ständerat mit seinem missionarischen Eifer und seiner zuweilen unflätigen Ausdrucksweise eine gute Angriffsfläche bietet.

Neben Minder wirkt Kuster wie ein ruhender Pol. Das Missionarische geht ihm ab, dennoch ist der Schaffhauser nicht weniger beharrlich und direkt als Minder. Es war Kuster, der Christoph Blocher diesen Frühling in einem Leserbrief in der «NZZ» öffentlich die Leviten las: «Pacta sunt servanda (Verträge sind einzuhalten) – von einem Alt-Justizminister erst recht», erinnerte er den SVP-Strategen an sein gebrochenes Versprechen, die Abzocker-Initiative zu unterstützen, falls die gemeinsame Lösung im Parlament keine Mehrheit finde.

Überhaupt: Kuster tritt mehr und mehr aus dem Schatten Minders heraus. Als Co-Präsident des Vereins «Mehr Transparenz» kämpft er für die Offenlegung von Parteispenden. Auf Twitter kommentiert er als «cloudista» pointiert das politische Geschehen. Er sei mutiger geworden, sagt Kuster, denn in Bern werde teilweise dilettantisch gearbeitet: «Mein Respekt vor den Autoritäten hat abgenommen.»

Lernen von Frau Rohner

Heute sagt Kuster: «Ich hätte gerne ein politisches Amt» – vor ein paar Jahren eine undenkbare Aussage. Von Minder unterscheidet er sich in seinen politischen Positionen kaum, ausser in der Sozial- und Fiskalpolitik. Dies sei naheliegend, sagt Kuster und nennt dann doch noch die ganz grosse Differenz: «Minder ist ein gut verdienender Arbeitgeber, ich bin ein schlecht verdienender Arbeitnehmer.»

Kuster sagt über sich, er habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. In einer direkten Demokratie erwartet er deshalb faire Prozesse: «Dann ist es auch kein Problem, Mehrheitsentscheide mitzutragen.» Deshalb engagiert er sich für Transparenz in der Parteienfinanzierung, studiert die Gerechtigkeit von Wahlsystemen wie Pukelsheim oder Hagenbach-Bischoff und überlegt sich, in seinem Heimatkanton eine Initiative zur Abschaffung des Stimmzwanges zu lancieren: «Ohne Zwang gibt es bessere Entscheide», ist Kuster überzeugt.

Man merkts: Kuster liest nicht nur Bücher über Aktienrecht, sondern auch solche über Politik. Seine aktuelle Lektüre behandelt die Wirksamkeit von Volksinitiativen. Es ist die Dissertation von Gabriela Rohner, der Frau von Ex-UBS-CEO Marcel Rohner. Zufälle gibts.

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