Der Lindenberg könnte heute ein Panzerplatz sein

Vor gut 50 Jahren verhinderte der CVP-Ständerat Xaver Stöckli aus Boswil einen Panzerübungsplatz auf dem Lindenberg. Stöckli und die Aargauer Regierung durchkreuzten die Pläne des Eidgenössischen Militärdepartements und von Bundesrat Paul Chaudet.

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Aargauer Zeitung

Jörg Baumann

Befürworter: Paul Chaudet Paul Chaudet, 1904 als Sohn eines Rebbauern im Waadtland geboren, kam als Rebell in die Politik. Er wehrte sich im Comité de Chexbres gegen die vom Bund eingeführte Weinsteuer. Durch sein Engagement wurde Chaudet 1937 zum Gemeindepräsidenten von Rivaz gewählt. 1937 bis 1942 war er FDP-Grossrat und von 1946 bis 1954 Waadtländer Staatsrat. 1954 wurde Chaudet in den Bundesrat gewählt. 1966 muss-te er unfreiwillig wegen der Mirage-Affäre zurücktreten. Die Beschaffung der Kampfflugzeuge hatte einiges mehr gekostet als erwartet. Chaudet starb 1977. (ba)

Befürworter: Paul Chaudet Paul Chaudet, 1904 als Sohn eines Rebbauern im Waadtland geboren, kam als Rebell in die Politik. Er wehrte sich im Comité de Chexbres gegen die vom Bund eingeführte Weinsteuer. Durch sein Engagement wurde Chaudet 1937 zum Gemeindepräsidenten von Rivaz gewählt. 1937 bis 1942 war er FDP-Grossrat und von 1946 bis 1954 Waadtländer Staatsrat. 1954 wurde Chaudet in den Bundesrat gewählt. 1966 muss-te er unfreiwillig wegen der Mirage-Affäre zurücktreten. Die Beschaffung der Kampfflugzeuge hatte einiges mehr gekostet als erwartet. Chaudet starb 1977. (ba)

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Militärstrategisch spielte der Lindenberg in der Vergangenheit eine grosse Rolle. Bis in die jüngsten Jahre bestand in Bettwil am Niesenberg eine Anlage mit «Bloodhound»-Luftabwehrlenkwaffen. Die Stellung wurde vor ein paar Jahren abgebaut, weil sie technisch überholt war.

Geheimplan bleibt nicht geheim

1956 sondierte das Eidgenössische Militärdepartement (EMD), ob auf dem Lindenberg ein Panzerübungsplatz angelegt werden könne. Vier Luzerner Landhändler versuchten im Auftrag des EMD, verkaufswillige Landwirte auf ihre Seite zu bringen. Das EMD entwickelte sein Projekt hinter den Kulissen. Doch es blieb dem CVP-Grossrat und Ständerat Xaver Stöckli (1888-1975) aus Boswil nicht verborgen. Im Gespräch mit einem Sektionschef im Oberkriegskommissariat (OKK) erfuhr Stöckli «ganz zufällig und rechtzeitig», dass auf dem Lindenberg Landerwerbsverhandlungen im Gange seien, wie er in seinen privat verfassten Memoiren schreibt. In einem internen Bericht des OKK war von 20 landwirtschaftlichen Betrieben die Rede, die aufzulösen wären, und von 20 bis 25 weiteren Grundeigentümern, die bei einer Projekt-realisierung mitziehen müssten.

Mit dem geplanten Panzerübungsplatz wären auf der Freiämter Seite zwischen Boswil, Bettwil, Buttwil und Geltwil sowie Müswangen, Hämikon und Schongau auf der Luzerner Seite vierzehn Quadratkilometer bestes Kulturland und die Buttwiler und Müswanger Allmend geopfert worden. Stöckli stand zur Landesverteidigung. Aber als ausgebildeter Bauer wollte er den Lindenberg, in seinen Augen die «Kornkammer des Freiamts», nicht für die Centurion-Panzer preisgeben. «Mein Grossvater war zwar schon länger nicht mehr aktiver Bauer. Aber die Landwirtschaft stand ihm immer nahe», erzählt Stöcklis Enkel Marcel Stöckli.

Gegner: Xaver Stöckli, Boswil Xaver Stöckli wurde 1888 in Boswil als Sohn eines Müllers und Landwirtes geboren. Zur Mühle gehörte von alters her eine Bäckerei. Stöckli absolvierte die Landwirtschaftliche Schule Brugg und gehörte zu den Mitgründern der Freiämter Mosterei Muri. Er sass auch im Bankrat der Aargauischen Kantonalbank und betätigte sich als stellvertretender Feldkommissär bei Grundstückschatzungen. Von 1919 bis 1961 gehörte Stöckli, eine Zeitlang auch Bezirksrichter, für die CVP dem Aargauer Grossen Rat, von 1951 bis 1955 dem Nationalrat und von 1955 bis 1963 dem Ständerat an. 1975 starb er. (ba)

Gegner: Xaver Stöckli, Boswil Xaver Stöckli wurde 1888 in Boswil als Sohn eines Müllers und Landwirtes geboren. Zur Mühle gehörte von alters her eine Bäckerei. Stöckli absolvierte die Landwirtschaftliche Schule Brugg und gehörte zu den Mitgründern der Freiämter Mosterei Muri. Er sass auch im Bankrat der Aargauischen Kantonalbank und betätigte sich als stellvertretender Feldkommissär bei Grundstückschatzungen. Von 1919 bis 1961 gehörte Stöckli, eine Zeitlang auch Bezirksrichter, für die CVP dem Aargauer Grossen Rat, von 1951 bis 1955 dem Nationalrat und von 1955 bis 1963 dem Ständerat an. 1975 starb er. (ba)

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Die Presse tritt auf den Plan

Xaver Stöckli machte die Pläne des EMD im «Wohler Anzeiger» und im «Aargauer Volksblatt» publik. Die «Aargauer Bauern- und Bürgerzeitung» meldete, dass die Landhändler aus Luzern den Bauern den doppelten Verkehrswert offeriert hätten. Das sei nichts anderes als «Bodenspekulation und Preistreiberei». Viele andere Schweizer Zeitungen griffen das Thema auf. Sogar Familienzeitschriften wie «In freien Stunden» und «Heim und Leben» brachten Artikel, befragten betroffene Landwirte und publizierten Bilder ihrer Liegenschaften.

Xaver Stöckli wurde im Grossen Rat und im Ständerat mit Vorstössen aktiv. Der Aargauer Militärdirektor Ernst Bachmann zeigte sich überrascht. Er hatte von den Plänen nichts gewusst. Bachmann warf dem EMD vor, es spiele nicht mit offenen Karten, indem es die Landspekulanten aus Luzern vorschiebe. Bundesrat und EMD-Chef Paul Chaudet teilte in seiner ersten Antwort auf Stöcklis Intervention mit, dass erst auf der Luzerner Seite geologische Abklärungen nach der Eignung des Lindenbergs als Panzerübungsplatz gelaufen seien. Die Presse wusste bereits mehr: Die Geologen hätten ihre Sondierungen auch auf Aargauer Boden ausgedehnt, ohne Kompetenzen freilich. Das geologische Gutachten gab zu keinen grossen Hoffnungen Anlass. Es sprach davon, dass der hüglige Lindenberg für das Befahren der 50 Tonnen schweren Panzer nur bedingt geeignet und die Landschaft zum Teil mit Mooren übersät sei.

Am entschlossenen Widerstand hielt die Aargauer Regierung bis zum Schluss fest. Am 26. August 1957 beschloss die Bundesversammlung, den Panzerübungsplatz in der Ajoie und nicht auf dem Lindenberg zu bauen. 1958 wurde das Projekt im Freiamt endgültig aufgegeben.

Quellen

Die verwendeten Informationen sind folgenden Quellen entnommen: Werner Lustenberger, Luzern: Ein Panzer- und Truppenübungsplatz auf dem Lindenberg? Beitrag in der Heimatkunde aus dem Seetal (2009).
Xaver Stöckli, Boswil: Mein Lebenslauf (unveröffentlichtes Manuskript, 1974).