Energiewende
Der letzten Glühbirnenfabrik der Schweiz droht das Aus – wir haben sie besucht

Drei Fabriken haben das europaweite Verkaufsverbot überlebt, davon eine in der Schweiz: Patron Hans Borner überlegt nun, seine 110-jährige Righi Licht zu schliessen.

Dennis Bühler
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Die Glühbirnenfabrik Righi Licht in Immensee ist die letzte der Schweiz Christina Taiana-Borner hat das Tagesgeschäft für die Righi Licht letztes Jahr von ihrem Vater Hans Borner übernommen.
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In der Righi Licht ist viel Handarbeit nötig, bis eine Glühlampe zuverlässig leuchten kann.
Innenteile von Glühbirnen sind aufgereiht für die Weiterverarbeitung.
Impressionen aus der Glühbirnenfabrik.
Impressionen aus der Glühbirnenfabrik.
Impressionen aus der Glühbirnenfabrik.

Die Glühbirnenfabrik Righi Licht in Immensee ist die letzte der Schweiz Christina Taiana-Borner hat das Tagesgeschäft für die Righi Licht letztes Jahr von ihrem Vater Hans Borner übernommen.

Chris Iseli

Konzentriert und sorgfältig, aber doch flink fädelt seine Angestellte den Wolframfaden, der kaum dicker ist als ein menschliches Haar, durch drei Dutzend kleinste Schlaufen, knickt ihn dann mit einer Schere ab und greift zum nächsten Draht. «Ein Vierteljahr muss man üben, bis man dieses Handwerk beherrscht», sagt Hans Borner, der ihr mit glänzenden Augen über die Schultern lugt und strahlt, als sehe er das alles zum ersten Mal. «Diesen Draht spiralförmig aufzuwickeln, ist hohe Kunst.»

Ein Besuch in Borners Glühbirnenfabrik Righi Licht AG in Immensee am Zugersee ist wie eine Zeitreise: Vieles hier ist Handarbeit, und wenn doch einmal auf eine Maschine zurückgegriffen wird, ist sie jahrzehntealt, aufgekauft aus irgendeiner maroden Firma in Osteuropa.

Unterwäsche und Glühbirnen

«Als die Glühbirnen die Kerzen ablösten, kam niemand auf die Idee, Kerzen zu verbieten», sagt Borner, der in ein paar Tagen 75-jährig wird. «Glühbirnen aber wurden aus den Verkaufsregalen verbannt, weil die Industrie ein Milliardengeschäft mit Energiesparlampen witterte.» Zwei Drittel der einst 60 Angestellten musste er entlassen, 17 vorwiegend aus Bosnien stammende Mitarbeiter sind ihm geblieben. Einige hunderttausend Glühbirnen stellen sie jedes Jahr her: von der einst allgegenwärtigen 40-Watt-Glühbirne P64 Deluxe mit ihrer Lebensdauer von 4000 Stunden bis zu komplexen technischen Signallampen für die Schweizerischen Bundesbahnen.

Zum 1906 gegründeten Traditionsunternehmen kam Borner vor 20 Jahren. Als Wirtschaftsprüfer und Experte für Geschäftsschliessungen hätte es seine Aufgabe sein sollen, die damals Luxram genannte und ins Schlingern geratene Firma abzuwickeln. Borner aber war fasziniert von der Technik und beschloss, der Glühbirne neues Leben einzuhauchen. «In ihrer Nische können Totgesagte überleben, wenn sie keine Fehler machen», sagt er – eine Erfahrung, die er wenige Jahre zuvor bereits bei der Zimmerli Textil AG in Coldrerio gemacht hatte, dem einzigen in der Schweiz produzierenden Unternehmen für Unterwäsche, dem er gemeinsam mit seinem Cousin Walter zu einem neuen Höhenflug verhalf.

Dank Kunden wie den Hollywood-Schauspielern Halle Berry, George Clooney, Mel Gibson und Sylvester Stallone, die beste Werbung machten, ohne bezahlt werden zu müssen. Vor allem aber dank eines Rezepts, das Borner auch für seine Glühbirnenfabrik anwendet: «Wir waren nie billiger als die Konkurrenz, sondern teilweise klar teurer – aber immer besser.»

Verzicht auf Provokation

Der Rückschlag kam vor siebeneinhalb Jahren mit EU-Verordnung Nr. 244/2009, die «Anforderungen an die umweltgerechte Gestaltung von Haushaltslampen mit ungebündeltem Licht» stellte. Oder konkret: Den Glühbirnen den Garaus machte. Erst in Europa, bald auch in der Schweiz, welche die Gesetze adaptierte. «Gegen Religionen lässt sich nicht vernunftbasiert argumentieren», sagt Borner. «Und nichts anderes ist die Bewegung für Energieeffizienz.»

Statt sich in aussichtslosen und kräftezehrenden Auseinandersetzungen mit der Politik zu verharken, richtete er Righi Licht neu aus. Der Verkauf vieler Leuchtmittel war jetzt verboten, erlaubt nur noch, was niemanden stört. Seit Jahren verzichtet Borner auf Werbung für sein Unternehmen, um seine Gegner nicht zu provozieren. «Inverkehrbringen», wie das in Bürokratendeutsch heisst, darf er ohnehin nur noch sogenannt technische Lampen und Dekorationslampen. In Auflagen ab zehn Stück verkauft Righi Licht sie aus Immensee nach ganz Europa. Nun aber muss Borner in die Offensive. Soll die Glühbirne in Europa überleben – ausser in Immensee gibt es bloss noch eine dänische Fabrik für Schiffs- und eine deutsche Firma für Flughafenpistenbeleuchtung –, braucht Borner neue Kundschaft. In diesen Tagen überlegt der Mann, der sich als Patron alter Schule sieht, ob er seinen Angestellten das Ende verkünden soll. Oder doch den Aufbruch zu neuen Ufern. Aus der Fabrik würde dann eine Fabrik mit Museum. Besucher könnten live zusehen, wie eine Glühbirne entsteht, könnten die alten Maschinen und flinken Mitarbeiter bewundern. «Es gibt einen Markt dafür», ist Borner überzeugt. «Das warme Licht hat auch Jahre nach dem Verkaufsverbot unzählige Fans. Die Glühbirne ist ein Kulturgut, das es zu bewahren gilt.»

Borner, der die Verantwortung für das Tagesgeschäft letztes Jahr an seine Tochter Christina Taiana übergeben hat, wird die Entscheidung, ob und wie es weitergeht, nüchtern fällen. Erfolgreich, das weiss er seit Jahrzehnten, kann nur sein, wer die Zahlen im Griff hat. Egal, ob es um die Schokoladenfabrik Lindt & Sprüngli geht, bei der er während fünf Jahren Finanzdirektor war, um Unterwäsche oder Glühbirnen. Wenn er keine Zukunft errechnet, löscht Hans Borner für immer das Licht.

EU-Bürokratie– Von der Gurke bis zum Staubsauger

Ein Gegurke steht am Anfang: Die Verordnung, die EU-Bürokraten 1988 über das grüne Gemüse stülpen, enthält detaillierte Angaben zu Mindestgewicht, Färbung und Krümmung. Die «Gurke der Extraklasse» soll «praktisch gerade» sein und bei zehn Zentimetern Länge eine maximale Krümmung von zehn Millimetern aufweisen, jene der Handelsklasse I muss «ziemlich gut geformt» sein.

Was Kabarettisten freut, ärgert weite Teile der Bevölkerung – die Gurke dient ihr fortan als Symbol für eine EU-Bürokratie, die jedes Augenmass verloren habe. Zwar wird die Verordnung Nr. 1677/88/EWG zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken 2009 ausser Kraft gesetzt. Doch der lange Arm Brüssels wird damit nicht kürzer.

Zum Symbol der Befürworter eines EU-Austritts Grossbritanniens werden vor wenigen Monaten Toaster und Wasserkocher. Im Mai titelt die Zeitung «Daily Mail»: «Jetzt will die EU unsere Teekessel verbieten.» Auch wenn die Kommission umgehend dementiert – Toaster und Wasserkocher stehen auf dem Ökodesign-Arbeitsprogramm 2015 bis 2017. Das bleibt in den Köpfen haften. Und gilt als einer der Gründe für den Ende Juni von den britischen Stimmbürgern beschlossenen Brexit.

Als Nächstes nimmt sich die EU die Staubsauger vor. Vor drei Jahren bereits legte sie fest, dass ab September 2017 keine Geräte mehr verkauft werden dürfen, die mehr als 900 Watt aufbringen oder Lärm von mehr als 80 Dezibel verursachen.

Schweiz übernimmt Recht

Die Schweiz übernimmt das EU-Staubsauger-Gesetz, wie der Bundesrat im Juni 2014 beschloss. Das ist üblich: Vor vier Jahren kam eine Untersuchung der ETH Zürich zum Schluss, dass rund 40 Prozent der in den vorangegangenen 20 Jahren in Kraft getretenen Schweizer Gesetze EU-Recht entsprachen. (dbü)