Lengnau
Der letzte Antrag traf Mitten ins Herz

Auftakt und Schlusspunkt waren in der Aula des Schulhauses Dorf harmonisch. Dazwischen gab es hitzige Diskussionen um die Absetzung des alten und die Anstellung des den neuen Burgerschreibers. Den Glanzpunkt des Abends setzte Ruedi Renfer mit dem Antrag, die Amtszeit des Burgerschreibers per Reglement zu limitieren.

Merken
Drucken
Teilen
Renfer

Renfer

Grenchner Tagblatt

Hans Peter Schläfli

Zunächst vernahm man, dass sich Hans Gilomen, der noch bis Ende Jahr Burgerschreiber ist, krankheitshalber entschuldigen liess. Dann stellte Präsident Hans A. Renfer den Burgern die neue
Finanzverwalterin Monika Gribi vor. Diese konnte ein Budget für das Jahr 2010 präsentieren, das einen Überschuss von knapp 11 000 Franken vorsieht. Dies, obwohl es im nächsten Jahr weniger Holz zu schlagen und zu verkaufen geben wird und eine neue Maschine gekauft werden muss, wie Förster Jonas Walther erklärte. Das Budget wurde von den Burgern einstimmig genehmigt.

Auch bei den Wahlen folgten die Lengnauer brav den Vorschlägen des Burgerrats. Hans A. Renfer hat die Amtsdauerlimite erreicht und wird deshalb als Präsident durch den jetzigen Vize, Franz Renfer abgelöst. Unbestritten waren die weiteren Wahlen. Ruedi Rüfli, Peter Abrecht, Samuel Schlup, Holger Kaletsch, Max Renfer und Käthi Abrecht sind die weiteren Mitglieder des Burgerrates.

Plötzlich gab es rote Köpfe

Doch beim Traktandum drei, den Orientierungen, ging die Post ab: «Was hat Hans Gilomen falsch gemacht, dass ihn der Burgerrat einfach als Burgerschreiber abgeschossen hat?», fragte einer zornig. Dafür gab es kräftigen Applaus. Da der abtretende Präsident Hans A. Renfer der neue Burgerschreiber wird, übernahm Noch-Vizepräsident Franz Renfer dazu das Wort. Aus Gründen des Amtsgeheimnisses und des Persönlichkeitsschutzes könne er nicht so zu einem Bewerber Stellung nehmen, erklärte Franz Renfer.

Er erinnerte: «Es war die letzte Burgerversammlung im Sommer, die eine Änderung des Reglements beschlossen hat. Jetzt wird der Burgerschreiber nicht mehr von der Burgerversammlung gewählt, sondern vom Burgerrat mit einem Vertrag nach Obligationenrecht angestellt», erklärte Franz Renfer. Die Stelle sei öffentlich ausgeschrieben worden, und der Burgerrat habe den besten Kandidaten angestellt.

Da kam der Vorwurf aus der Versammlung, Hans A. Renfer habe das alles arrangiert, um Hans Gilomen abzuschiessen und sich selber die Teilzeitstelle zuzuschanzen. «Das ist eine böswillige Unterstellung», entgegnete Hans A. Renfer sichtlich erregt - aber ohne Gegenargument. Weitere Vorwürfe und Vergleiche mit Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi folgten. Erstaunlich viele ehemalige Mitglieder des Burgerrats verlangten das Wort. Es wurde in den Voten klar, dass die Zusammenarbeit mit Hans Gilomen nicht immer einfach war, aber der Grossteil der Burger meinte: Gilomen hätte nach 18 Jahren als Burgerschreiber einen schöneren Abgang, einen mit Blumen und Geschenken verdient gehabt.

Ruedi Renfers Schachzug

Die unzufriedenen Burger machten die Faust im Sack und nahmen sich gleichzeitig mit der anderen Hand selber an der eigenen Nase. Bis sich beim Traktandum Verschiedenes Ruedi Renfer, selber ehemaliger Burgerratspräsident, zu Wort meldete. Er verlangte, dass Angesichts der allseits herrschenden Arbeitslosigkeit die Stelle des Burgerschreibers in Zukunft nicht mehr von Pensionierten ausgeübt werden darf. Er beantragte, dass die Burgerversammlung dem Burgerrat den Auftrag gibt, das Reglement entsprechend abzuändern und ein neues Reglement der nächsten Burgerversammlung zur Genehmigung vorzulegen sei. So war es eine der letzten Amtshandlungen des zurücktretenden Präsidenten und angehenden Burgerschreibers Hans A. Renfer, diese Abstimmung durchzuführen. Mit 59 gegen 11 Stimmen wurde Ruedi Renfers Antrag deutlich angenommen. Interessant: Fast nur Mitglieder des Burgerrats waren dagegen.

Obwohl sich Ruedi Renfer mit seinem Antrag nicht explizit gegen den neuen Burgerschreiber und abtretenden Präsidenten gewendet hatte, traf er diesen damit Mitten ins Herz: Im August 2010 wird Hans A. Renfer seinen 65. Geburtstag feiern. Wenn im Sommer bei der nächsten Lengnauer Burgerversammlung Ruedi Renfers Antrag im neuen Reglements nochmals bestätigt wird, muss Hans A. Renfer am 1. September in Pension gehen.

So löste sich dank Ruedi Renfers Schachzug bei vielen Burgern die Faust im Sack. Und da sie sich mit der anderen Hand auch nicht mehr an der eigenen Nase nehmen mussten, konnten sie beim abschliessenden Auftritt des Jodlerklubs Bözingen kräftigen klatschen.