Coronavirus

Der langsame Weg aus dem Corona-Lockdown: «Ab heute gestalten wir unsere Zukunft neu»

Der Bundesrat kündigt einen schrittweisen Ausstieg aus den Corona-Massnamhen an.

Der Bundesrat kündigt einen schrittweisen Ausstieg aus den Corona-Massnamhen an.

Per 27. April öffnen Arztpraxen, Coiffeure und Baumärkte wieder, ab Mai dann auch die Schulen. Generell gilt jedoch weiterhin: zu Hause bleiben. Für Gastronomie- und Kulturbranche, aber auch für die Schulen bleiben viele Fragen offen.

Schrittweise und vorsichtig zurückfinden in eine Art Normalität, soweit das eben möglich ist: Das war die Botschaft und ist das Kernanliegen des Bundesrates, wie er an der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz vom Donnerstag mitteilte. Die Landesregierung stellte nun, genau einen Monat nach dem Einläuten der «ausserordentlichen Lage», eine Ausstiegsstrategie aus dem Corona-Lockdown vor. In drei Schritten.

Der Plan soll greifen, sofern die Fallzahlen weiter zurückgehen, die Sicherheit der Bevölkerung garantiert bleibt – und oberste Priorität: sofern die betroffenen Betriebe und Branchen «überzeugende Sicherheitskonzepte» vorlegen können. Sprich: Abstand und Hygiene garantieren.

Phase 1: Spital, Coiffeur, Gartencenter

Noch zehn Tage, dann können die Gartencenter wieder öffnen.

Noch zehn Tage, dann können die Gartencenter wieder öffnen.

Läuft alles nach Plan, können Spiẗäler per 27. April wieder sämtliche, auch nicht-dringliche Eingriffe vornehmen. Auch ambulante medizinische Praxen wie Zahnärzte oder Physiotherapeuten sowie Coiffeur-, Massage- und Kosmetikstudios dürfen ihren Betrieb wieder aufnehmen. Baumärkte, Gartencenter, Blumenläden und Gärtnereien können wieder öffnen.

Ab dem 27. April werden zudem die Sortimentsbeschränkungen in Lebensmittelläden aufgehoben. Wenn sich Güter des täglichen Bedarfs und weitere Güter auf der Verkaufsfläche der Lebensmittelläden befinden, dürfen sie verkauft werden. «Inakzeptabel» findet dies der Schweizerische Gewerbeverband: Den grossen Händlern würden alle Frei­heiten gegeben, der KMU-Handel werde hingegen noch geschlossen gehalten.

Phase 2: Schulen und Läden

Mitte Mai dürfen die Schüler wieder ins Klassenzimmer.

Mitte Mai dürfen die Schüler wieder ins Klassenzimmer.

Am 11. Mai 2020 werden die obligatorischen Schulen und die Läden wieder geöffnet – wenn es die Lageentwicklung zulässt. Den Entscheid darüber will der Bundesrat am 29. April fällen.

Dagmar Rösler, die oberste Lehrerin der Schweiz, zeigt Verständnis für das Vorgehen des Bundesrats. «So haben die Schulen auch die nötige Zeit, sich auf die Wiedereröffnung vorzubereiten», sagt sie. Sie warnt jedoch vor falschen Hoffnungen: «Die Situation an den Schulen wird nicht so schnell wieder so sein wie vor der Schliessung.»

Problematisch sei, dass noch viele Fragen offen sind. «Wir wissen nicht, unter welchen Bedingungen die Schulen wieder geöffnet werden. Und es wird eine riesige Herausforderung, den Schutz für Schüler und Lehrer zu gewährleisten.» So ist beispielsweise unklar, ob ab dem 11. Mai in Halbklassen, Kleingruppen oder ganz normal unterrichtet wird.

Silvia Steiner, Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und Zürcher Regierungsrätin, begrüsst den Entscheid des Bundesrates. In den kommen Tagen gehe es nun darum, die Rahmenbedingungen zu klären. Es brauche jetzt ein gutes Schutzkonzept für die Schulen. Die EDK werde den Verbänden und Gemeinden Vorschläge unterbreiten und mit ihnen diskutieren, was pädagogisch sinnvoll und umsetzbar ist.

Auch die Frage des Schulabschlusses beschäftigt Eltern, Lehrer und Schüler seit Wochen. Der Bundesrat entschied nun: Für alle praktischen Lehrabschlussprüfungen wurde schweizweit eine durchführbare Variante beschlossen. Die schulischen bzw. schriftlichen Prüfungen fallen aus. Sie werden durch Erfahrungsnoten ersetzt. Wie genau die Maturitätsprüfungen geregelt werden, wird laut Bund spätestens Anfang Mai entschieden.

Diese Regelung betrifft rund 75'000 Jugendliche, die diesen Sommer ihre Grundausbildung abschliessen werden. Trotz der Coronakrise erhalten sie so das anerkannte eidgenössische Fähigkeitszeugnis.

Phase 3: Hochschulen, Zoo, Museen

Die Tiere im Zoo Zürich müssen sich einige Zeit gedulden, bis wieder Besucher kommen.

Die Tiere im Zoo Zürich müssen sich einige Zeit gedulden, bis wieder Besucher kommen.

Ab dem 8. Juni 2020 sollen Mittel-, Berufs- und Hochschulen sowie Museen, Zoos und Bibliotheken wieder öffnen. Die Details zu dieser Etappe will der Bundesrat am 27. Mai beschliessen. Der Bundesrat betonte nochmals: Die Sicherheit der Bevölkerung hat oberste Priorität. Deshalb beziehen sich die Massnahmen und die Lockerungen auf Bereiche, die keine grösseren Menschenansammlungen voraussetzen.

An diesem Donnerstag wurde klar: Der Bundesrat bemüht sich nach Kräften, in alle Richtungen Signale der Hoffnung zu entsenden. So sagte Guy Parmelin: «Wir haben bewiesen, dass wir trotz dieser schwierigen Zeiten stark sind. Ab heute gestalten wir unsere Zukunft neu.» Aussicht auf Normalität ist nun die Strategie, weil in der Realität nach wie vor gilt: Viele Bereiche des öffentlichen Lebens bleiben eingeschränkt.

Weiterhin gilt für den privaten Bereich: Menschenansammlungen ab fünf Personen sind verboten, der öffentliche Verkehr ist zu meiden, die Menschen sollen weiterhin zu Hause bleiben, es sei denn, sie müssen zur Arbeit oder Einkäufe tätigen. Auch sind Unternehmen angehalten, nach Möglichkeit Homeoffice anzubieten. Es sei nun in dieser Zeit wichtig, nichts zu überstürzen und mit der nötigen Vorsicht vorzugehen.

Bundesrat will vorsichtig lenken statt zurückrudern

Die Ansteckungskurve gehe derzeit zurück, das sei erfreulich, hiess es an der Pressekonferenz. Doch der Rückgang sei vor allem der Disziplin der Bevölkerung zu verdanken. Es müsse auf jeden Fall eine «Stop-and-go»-Politik vermieden werden, sagte Bundesrat Alain Berset.

Heisst: Dass man zurückrudern und die Massnahmen wieder verschärfen muss, weil die Ansteckungskurve wieder steigt. Denn: Noch immer sind sehr wenige Informationen zum Covid-19-Virus bekannt, auch Menschen, die genesen sind, sind nicht per se immun, es gibt noch keinen Impfstoff und sehr spärliche Informationen über Krankheitsverläufe. Auch deshalb hat der Bundesrat nun ein nationales Forschungsprogramm auf die Beine gestellt.

20 Millionen für ein nationales Forschungsprogramm

In den kommenden Jahren sollen der Erforschung des Virus 20 Millionen Franken zur Verfügung gestellt werden. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit bestätigte am Donnerstag immerhin: Kinder sind nach neusten Erkenntnissen nicht vom Virus betroffen und sind vergleichsweise auch schwache Verbreiter.

Die vulnerablen Personen hingegen sind weiterhin gefährdet. Deshalb bleibt ein generelles Besuchsverbot in Spitälern, Alters- und Pflegeheimen wohl noch einige Wochen Realität. Und auch Grossveranstaltungen wie Open Airs werden bei Lockerungsbemühungen erst sehr spät mit einbezogen, sagte der Bundesrat. Andere Länder hätten Grossveranstaltungen teils bereits bis Ende August untersagt, die Schweiz hat jedoch in diesem Punkt noch keine Entscheidung getroffen.

Auch in puncto Gastronomie blieb vieles unklar. Vorerst sind Bars, Restaurants und kulturelle Einrichtungen dem Status quo ausgeliefert – sie bleiben bis auf weiteres geschlossen. Bundesrätin Simonetta Sommaruga sprach an, dass man auch hier mit Hilfe von Sicherheitsmassnahmen entsprechende Schritte in Richtung Öffnung gehen könne – doch das ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Thema.

Medienförderung wird im Parlament Thema sein

Sommaruga sprach auch die Medienförderung an. Neu soll jedem Haushalt in der Schweiz eine Reduktion für die Serafe-Gebühren gewährt werden. Konkret konsumieren Schweizerinnen und Schweizer neu einen Monat im Jahr Radio und Fernsehen gratis – die Rechnung reduziert sich um entsprechende 30 Schweizer Franken.

Ob und wie die privaten Medien, die wegen fehlender Werbeeinnahmen teils Millionenverluste hinnehmen müssen, finanziell unterstützt werden sollen, werde bald das Parlament entscheiden, sagte Sommaruga. Es sei politisch grundsätzlich das Ziel, nun bald die Überführung ins ordentliche Recht zu planen, sagte die Bundesrätin – und das Parlament wieder stark in die politischen Prozesse mit einzubeziehen, «wie es in unserem Land üblich ist».

Während Wirtschaftsverbände und die SVP die getroffenen Massnahmen des Bundes als teils zu zögerlich kritisieren und eine schnellere Öffnung von Geschäften verlangen, legen CVP und EVP in ihren Mitteilungen zur Strategie des Bundes ihr Augenmerk auf den Schutz von Familien und die Sicherheit der Bevölkerung als oberste Priorität.

Epidemiologin: Strategie des Bundesrats ist richtig

Emma Hodcroft, Epidemiologin am Biozentrum der Uni Basel, erteilt der Regierung gute Noten. «Das schrittweise Vorgehen ist sicherlich der richtige Weg. Eine sofortige Rückkehr zur Normalität wäre falsch gewesen. Ganz wichtig ist jetzt, vorsichtig zu bleiben, die Entwicklung des Virus genau zu beobachten und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und die Strategie den Gegebenheiten anzupassen.»

Man müsse nun dazu übergehen, möglichst jeden einzelnen Krankheitsfall zu erkennen, die infizierte Person zu isolieren und ihre Kontaktpersonen möglichst lückenlos zu testen. «Dazu müssen die Testkapazitäten erhöht und die Kriterien dafür, wer getestet werden kann, ausgeweitet werden», sagt Hodcroft.

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