Die Schweiz brauchte gerade mal 75 Tage, um ihre Energiepolitik umzukehren: Bis am 11. März war der Bau von neuen AKW auf bestem Weg zur Realisierung, am 25. Mai beschloss der Bundesrat den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie. Dieses Tempo ist umso beachtlicher, als die Mühlen der Schweizer Politik normalerweise langsam malen. Ein verärgerter Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer nannte den Entscheid «oberflächlich, unseriös und unrealistisch».

Dabei trägt der Bundesrat bloss der politischen Realität Rechnung. Fukushima war eine Zäsur. Es wäre naiv zu glauben, dass neue Atomkraftwerke in den kommenden Jahren in einer Volksabstimmung nur schon den Hauch einer Chance hätten. Experten können noch so sehr erklären, wie sicher AKW heutzutage seien - man glaubt es ihnen nicht mehr. Schliesslich galten auch die AKW im Hightechland Japan als besonders sicher.

Abgesehen davon ist es nicht verboten, aus Erfahrungen zu lernen. Und zu erkennen, dass die unbestreitbaren Vorteile der Atomkraft die Risiken nicht aufwiegen, die - wie uns nun vor Augen geführt wurde - eben nie ganz zu eliminieren sind. Gerade in der dicht besiedelten Schweiz ist eine 30-Kilometer-Sperrzone um eines unserer AKW eine Horrorvorstellung.

Der Bundesrat hat pragmatisch entschieden, dass neue AKW für die Zukunft keine Option mehr sind - und zugleich, dass es schlicht unmöglich ist, die bisherigen sofort vom Netz zu nehmen. Das ist ein Grundsatzentscheid, auf dem sich aufbauen lässt. Der wirklich steinige Weg jedoch steht noch bevor.

Widerstand der Wirtschaft.

Am schärfsten eingefahren ist Economiesuisse, und ihre Bedeutung ist nicht zu unterschätzen. Denn für eine tragfähige Lösung muss die Wirtschaft mit an Bord sein. Dazu muss es gelingen, mit den energieintensiven Branchen Lösungen zu finden, um massive Strompreiserhöhungen abzufedern. Denn der Wirtschaftsstandort Schweiz darf nicht an Attraktivität verlieren.

Widerstand im Parlament.

Bereits im Juni werden sich National- und Ständerat ein erstes Mal mit dem Ausstieg auseinandersetzen. Ob wirklich eine Mehrheit dahinter steht, ist ungewiss. Und erst recht, wie viele Parlamentarier auf Druck der Wirtschaft kippen werden, wenn die Wahlen im Oktober erst mal überstanden sind.

Widerstand im Bundesrat.

Auch hier könnten die Mehrheitsverhältnisse nach den Wahlen kippen. Am Mittwoch waren die vier Bundesrätinnen für den Ausstieg, die drei Bundesräte dagegen. Falls Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) im Dezember durch einen Vertreter der SVP ersetzt würde, wäre es gerade umgekehrt.

Widerstand der Grünen.

Um den Atomstrom zu kompensieren, braucht es mehr Wind-, Sonnen- und Wasserkraft. Umweltschutzorganisationen haben in der Vergangenheit manches Projekt mit Einsprachen torpediert. Tun sie das weiterhin, dann erhalten jene Kreise Auftrieb, die AKW für unersetzlich halten.

«Der Ausstieg wird nicht einfach werden! Das ist ein sehr ehrgeiziges Projekt.» Das sagt Energieministerin Doris Leuthard im heutigen az-Interview. Recht hat sie. Gut zu wissen, dass in der Schweiz der Stimmbürger das letzte Wort hat. So kann Leuthard ihr Projekt selbstbewusst vorantreiben.