«Trinkerkinder»

Der lange Schatten alkoholkranker Eltern – ein eindrücklicher Dokumentarfilm zeigt die Realität

Alkoholsucht ist verbreiteter als angenommen. Darunter leiden die Kinder. (Symbolbild)

Alkoholsucht ist verbreiteter als angenommen. Darunter leiden die Kinder. (Symbolbild)

Kinder sind nicht nur im Bauch der Mutter gefährdet, sie leiden auch später unter Eltern, die alkoholabhängig sind.

Laut einer Schätzung von Sucht Schweiz leben rund 100'000 Kinder und Jugendliche in Familien, in denen die Mutter oder der Vater oder beide schwer alkoholabhängig sind. Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse stammen aus einer alkoholbelasteten Familie. Dabei wird angenommen, dass die tatsächliche Zahl der betroffenen Kinder viel höher und die Folgen von Alkoholismus in der Familie schwerwiegender sind.

Nun hat sich die Dokumentarfilmerin Ursula Brunner dem Thema angenommen und einen eindrücklichen Film für SRF produziert. In «Trinkerkinder» wird sie, als Tochter eines alkoholkranken Vaters, selber zur Protagonistin. Sie sitzt am Tisch, blättert in Fotoalben, erinnert sich. Sie war 16, als der Vater im Alter von 47 Jahren starb. «Ich habe geweint, weil es mir nichts ausmachte, dass er tot war.» Brunner hatte insofern Glück, als sich die Mutter schon zehn Jahre vorher von ihrem Vater getrennt hatte und sie seinen Zerfall nicht mehr direkt mitbekam. «Er ist für mich ein Fremder geworden.»

Sie findet, bei Kindern von drogensüchtigen Eltern werde heute schneller interveniert als früher. «Doch wenn schwerer Alkoholkonsum im Spiel ist, werden die Auswirkungen auf die Kinder auch heute verharmlost.» Ursula Brunner will nicht legale gegen illegale Drogen ausspielen, sondern schlicht darauf hinweisen, das Familien mit einem Alkoholproblem in unserer Gesellschaft zu wenig Beachtung geschenkt wird, obwohl damit sehr vielen Kindern und Jugendlichen ein normales Leben erschwert oder gar verunmöglicht wird.

Im Film zeigt Brunner die siebzehnjährige Magdalena. Ihre Mutter trank schon während der Schwangerschaft, der Vater machte sich früh aus dem Staub. Mit 13 Jahren sagte sie der Mutter: entweder ich oder der Alkohol. Die Mutter sagte: Dann geh. Schuldgefühle, ein Suizidversuch und Stationen in mehreren Heimen haben die Jugendliche geprägt. Der Film zeigt, wie sie versucht, mit einer Lehre als Automobil-Fachfrau neuen Boden unter die Füsse zu bekommen. Und überhaupt Vertrauen zu fassen zu Erwachsenen.

Betroffen macht auch die Geschichte von Monika (58), die einen Leidensweg von Gewalt und Stigmatisierung hinter sich hat und sich mit bewundernswerter Hartnäckigkeit davon befreien konnte. Mit ihren sieben Geschwistern verbrachte sie eine raue Kindheit, erlebte Ausgestossensein, Verachtung und Minderwertigkeit. Prompt heiratete sie – auch das ein häufiges Muster – einen alkoholkranken Mann, von dem sie sich wieder trennte. Heute kann sie sagen: «Ich bin sehr froh, dass sich diese Biografie bei meinen Kindern nicht wiederholt hat und sie es geschafft haben, Männer zu heiraten, die keine Alkoholprobleme haben.»

Nur ein Drittel schafft es

Der Film «Trinkerkinder» zeigt, wie verloren Kinder und Jugendliche sind, wenn sie in der Familie Alkoholismus erleben, und wie diese Erfahrungen sie ein Leben lang prägen. Nur ein Drittel der betroffenen Kinder und Jugendlichen schafft es, ein Leben ohne Sucht und schwerwiegende Beeinträchtigungen zu führen. Ein Drittel wird selber abhängig oder wählt einen abhängigen Partner, ein weiteres Drittel leidet an psychischen Störungen.

Ursula Brunner hat aufgrund ihres alkoholkranken Vaters keine Folgen davongetragen und das Leben gut im Griff. Aber auch sie beugt vor: Jede Woche macht sie mindestens drei Striche in ihre Agenda. Das sind die Tage, an denen sie keinen Alkohol trinkt.

Hinweis

«Trinkerkinder» wird am 6. Februar um 20.05 Uhr in der Sendung DOK auf SRF 1 zu sehen sein.

Infos für Kinder aus suchtbelasteten Familien gibt es unter www.mamatrinkt.ch oder www.papatrinkt.ch.

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