«Fast jeder fünfte Schweizer leidet unter einer Pollenallergie», berichten die Allergiespezialisten Barbara Ballmer-Weber vom Universitätsspital Zürich und Arthur Helbling vom Inselspital Bern in der aktuellen Ausgabe des Fachblattes «Schweizerisches Medizin-Forum». Anfang der Dreissigerjahre waren es nur etwa ein Prozent der Bevölkerung, die unter Heuschnupfen litten. Woher kommt dieser immense Anstieg? Forscher sind sich einig: Alles deutet auf den Klimawandel.

Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts erwarten Forscher eine globale Erwärmung von bis zu 4,8 Grad. Bis zum Jahr 2100 rechnet man gegenüber 1990 mit einer Zunahme der Schweizer Sommertemperaturen um 3,5 bis 7 Grad Celsius – wenn die Treibhausgasemissionen nicht rasch gesenkt werden.

Umso wärmer es wird, desto länger dauert auch die Pollensaison. Die häufigsten allergieauslösenden Baumpollen sind Buchengewächse – dazu gehören Birken, Erlen und Hainbuchen. Auf der Nordhalbkugel wachsen allergene Pflanzen seit den letzten Jahrzehnten bis zu acht Tage länger als davor, in den mittleren und nördlichen Breiten sind es sogar zwei Wochen mehr. Bei wärmeren Temperaturen und höherem CO2-Gehalt produzieren die Pflanzen zudem zwei- bis viermal mehr Pollen.

Die Birken blühen früher

Die Folgen der Erwärmung zeigen sich deutlich: In der Schweiz blühen allergene Pollenarten immer früher. «Die Birken in Basel, Zürich und Neuchâtel blühten im Jahr 2003 15 bis 30 Tage früher als noch 1982», berichtet der Allergologe Brunello Wüthrich vom Spital Zollikerberg. «In Basel haben Haselnusssträucher und Birken im Jahr 1969 am 19. März respektive am 16. April zu blühen begonnen, während 1995 die Haselnusssträucher schon am 7. Februar und die Birken acht Tage früher blühten. Heute erblühen die Haselnusssträucher sogar bereits um den 20. Januar herum.» Für Pollenallergiker bedeutet dies eine Verlängerung ihrer Leidenszeit.

Gefahr durch Ambrosia

Ein EU-Projekt namens «Atopica» beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Klimaveränderungen und der Luftqualität auf die menschliche Gesundheit. Als Pflanze des Projektes, welche diese Zusammenhänge perfekt illustriert, dient die «Ambrosia artemisiifolia», ein Asterngewächs, das hoch allergen ist und dessen Pollen als Auslöser von Beschwerden wie Heuschnupfen oder Asthma gelten.

Laut dem kürzlich veröffentlichten Bericht des Projektes wird sich die Zahl der Europäer, die aufgrund von Ambrosia-Pollen unter Heuschnupfen leiden, mehr als verdoppeln: Von derzeit 33 Millionen auf 77 Millionen. Die Forscher befürchten, dass der Klimawandel für zwei Drittel dieses Anstiegs verantwortlich ist. Höhere Konzentrationen an Ambrosia-Pollen und eine längere Pollensaison könnten ausserdem nicht nur die Anzahl Kranker, sondern auch den Schweregrad ihrer Symptome verstärken.

Traubenkraut

Die Pflanze, die auch unter dem Namen Ragweed oder Traubenkraut bekannt ist, produziert vom Hochsommer bis zum ersten Frost immense Mengen an Pollen, die zu den aggressivsten Inhalationsallergenen gehören. Diese Substanzen schwirren in der Luft herum und legen sich auf die Schleimhäute von Nasen und Augen. Untersuchungen an über 5,800 Schweizern zeigen, dass acht Prozent der Schweizer Bevölkerung auf Ambrosiapollen allergisch reagiert. Fachleute schätzen, dass Ragweed weltweit für mehr Allergien verantwortlich ist als alle anderen Allergie auslösenden Pflanzen zusammen.

Doch die Leiden der Ambrosia-Allergiker liegen nicht nur in der Luft: Auch vor bestimmten Lebensmitteln müssen sie sich in Acht nehmen. Je nach Reaktionen müssen Bananen, Gurken, Melonen, Zucchini, Sellerie und echte Kamille vom Speiseplan gestrichen werden.

Todesursache Hitze

Die weltweite Allergieorganisation WAO hat bereits 2015 auf die gesundheitlichen Gefahren der Klimaerwärmung hingewiesen. Doch nicht nur Allergiker spüren die Auswirkungen der Erwärmung: Extreme Hitze ist global gesehen eine der wichtigsten wetterbedingten Todesursachen.

Manche dieser Qualen haben viele von uns am eigenen Leib erfahren: Der Hitzesommer 2003 war in zwölf europäischen Ländern einer der heissesten der letzten fünf Jahrhunderte. Die Temperaturen lagen in grossen Teilen Mitteleuropas zwischen drei und fünf Grad Celsius über dem langjährigen Mittelwert.

Statistische Erhebungen zeigen, dass die Hitzewellen dieses Sommers in Gesamteuropa zu einer stark erhöhten Sterblichkeitsrate führte. In diesen Monaten starben in der Schweiz 975 Personen mehr als in einem durchschnittlichen Sommer. Davon betroffen waren verschiedene Bevölkerungsgruppen: Zum einen Kleinkinder und über 65-Jährige, da sie ihre Körpertemperatur schlechter regulieren können: Sie schwitzen weniger und haben ein vermindertes Durstgefühl. Auch Patienten mit Atemwegserkrankungen gehören zu den Betroffenen. Jeder Anstieg um ein Grad Celsius erhöht das Risiko eines vorzeitigen Todes unter diesen Patienten um das Sechsfache gegenüber der gesunden Bevölkerung.

Mehr Hitze, mehr Allergie

Von Hitzewellen wird die Schweiz in Zukunft stark betroffen sein: Temperaturen steigen hier stärker an als im globalen Durchschnitt. «Wir gehen von einer Erwärmung zwischen 1,1 und 3,7 Grad Celsius bis 2050 aus», sagt Geograf Jörg Rentsch von der Pädagogischen Hochschule Schwyz. Die Niederschläge werden im Winter um geschätzte 10 Prozent zunehmen und im Sommer um 20 Prozent abnehmen.