Auch Bundesrätin Doris Leuthard trug sie am Jackett: eine kleine Schlaufe aus getrockneten Kokosnuss-Palmwedeln. Tony de Brum, der bei der Klimakonferenz in Paris zum Wortführer aufgestiegene Aussenminister des gerade mal 50000 Einwohner zählenden Inselstaates Marshallinseln, hatte das Symbol seines Landes an die Repräsentanten der «Koalition der Ehrgeizigen» verteilt. Als Zeichen, dass sie es jetzt wirklich ernst meinten mit dem Kampf gegen den Klimawandel, dass sie sich verbindliche Ziele setzen und das hierfür benötigte Geld sprechen wollten. 

Es nutzte: Die erst letzte Woche gebildete Koalition, der sich auch die Schweiz anschloss, war der Garant für den von vielen Beobachtern als «historisch» bezeichneten Erfolg der UNO-Klimakonferenz. «Es ist ein riesiger Erfolg, dass eine Einigung erzielt wurde, die für alle beteiligten Länder verbindlich ist», sagte Leuthard. «Das Abkommen ist zwar nicht perfekt, aber ein guter Kompromiss.» 

Im Mittelpunkt des Vertrages steht das Ziel, die durch Treibhausgase verursachte Erderwärmung bis Ende Jahrhundert auf höchstens zwei Grad, besser aber auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Die Industrieländer versprechen, hierfür ab 2020 jährlich 100 Milliarden Franken zur Verfügung zu stellen.

CO2-Reduktion im Ausland

Auch die Schweiz ist gefordert, will sie ihren Beitrag leisten. Längst hat sie sich verpflichtet, ihren CO2-Ausstoss bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent zu reduzieren.

Zwischen 2020 und 2030 sollen nun weitere 30 Prozent dazukommen, wobei allerdings bloss 10 Prozent im Inland erreicht werden sollen. Mit anderen Worten: 1 Prozent pro Jahr.

«Das ist viel zu wenig», kritisiert Patrick Hofstetter, Leiter Klima- und Energie bei WWF Schweiz. «Die Ansage an die Staaten ist klar: Die CO2-Emissionen müssen von allen auf nationaler Ebene um drei Prozent pro Jahr reduziert werden.»

Den Löwenanteil der Reduktion möchte die Schweiz mit dem Handel von Emissionszertifikaten erreichen. Das heisst: Sie finanziert Klimaprojekte im Ausland. 

Passt das zu einem Abkommen, das neu alle Länder verpflichtet? «Nein», findet Hofstetter, welcher der Schweizer Verhandlungsdelegation in Paris angehörte. «Es geht nicht an, sich aus der Verantwortung zu kaufen und auf Anstrengungen im Inland zu verzichten.»

Der Zürcher Grünen-Nationalrat Bastien Girod pflichtet ihm bei: «Diese Strategie ist billig. Die Schweiz würde besser aufzeigen, dass unser Wohlstand erhalten werden kann, ohne den Klimawandel weiter zu beschleunigen.»

Gegenteiliger Ansicht ist der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen: «Im preisgünstigeren Ausland kann mit einem Franken ein viel grösserer Effekt erzielt werden als hier.» Ohnehin sei die Schweiz global gesehen vernachlässigbar, sagt der Freisinnige. «Wir sind für gerade mal rund 0,1 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich.» 

Energiewende in Gefahr?

Im kommenden Sommer geht die Revision des CO2-Gesetzes in die Vernehmlassung, 2017 wird sie das Parlament beraten. Nach dem Rechtsrutsch im Nationalrat bei den Wahlen vor zwei Monaten könnten bisherige Mehrheiten bröckeln – und auch die aufgegleiste, aber noch nicht endgültig beschlossene Energiewende gestoppt werden. 

«Es ist kein Widerspruch, nachhaltige Klimapolitik zu betreiben und wirtschaftsfreundlich zu sein», sagt Hofstetter. «Bisher konnten sich FDP und SVP darauf beschränken, stets Nein zu sagen. Nun sind die Bürgerlichen dank ihrer Mehrheit erstmals in der Pflicht, selber Lösungen aufzuzeigen.»

Girod nimmt insbesondere die FDP in die Pflicht: «Ich hoffe, dass ihr das Abkommen von Paris die Augen öffnet», sagt er. «Der Schweizer Kampf gegen Klimawandel kann seit diesem Wochenende nicht mehr länger als Alleingang diskreditiert werden.»

Wasserfallen allerdings drosselt die Erwartungen von Links-Grün. «Die Schweiz muss kein Super-Musterschüler sein», sagt er. «Jetzt sind erst einmal jene Länder in der Pflicht, die noch nichts gemacht haben.» Der FDP-Vizepräsident kritisiert das Abkommen von Paris. «Es macht keinerlei Sinn, politisch Grenzwerte festzulegen, welche die Erdtemperatur in ein paar Jahrzehnten auf keinen Fall übertreffen soll. Die Physik lässt sich von der Politik nämlich nicht beeindrucken.»