Erst fuhr der Verteidigungsminister im Interview mit der «Weltwoche» seinem Bundesratskollegen Didier Burkhalter an den Karren. Gleich nach Erscheinen des Magazins publizierte er im Internet einige Zeilen des Bedauerns.

Noch am gleichen Donnerstagmorgen sah man Maurer mit breitem Grinsen durch Bern stolzieren. Bedauern sieht anders aus. Hier freute sich jemand über einen PR-Coup an der SVP-Heimatfront.

Was das Interview mit der «Weltwoche» ebenfalls offenbart: Maurer gehört zu den Putin-Verstehern, deren es in Westeuropa einige gibt. So spricht er im Interview zwar der Neutralität das Wort.

Auch bezeichnet er Putins Vorgehen auf der Krim pflichtschuldig als unzulässig. Im Übrigen äussert er indes viel Verständnis für Moskau. «Beim Fall der Mauer hat man die Russen gnadenlos blossgestellt», sagt er einmal.

«Dass sie heute so reagieren, kann ich nachvollziehen. Immerhin sind die Mehrheit der Krim-Bewohner Russen.»

Für Maurer stellt Russland also lediglich seine vom Westen geraubte Ehre wieder her. Tatsächlich aber ist die Krim-Annexion bloss das jüngste Glied in einer langen Kette russischer Aggressionen.

Seit seinem Auftauchen auf der Moskauer Politbühne vor 15 Jahren betreibt Putin eine Aggressionspolitik, die sich nach aussen wie nach innen richtet.

Dieser Autokrat ist definitiv niemand, der Verständnis oder gar Bewunderung verdient – zuallerletzt von einem Regierungsmitglied der demokratischen und freiheitsliebenden Schweiz.

Fairerweise sei festgehalten: Mit seiner Unzufriedenheit über Didier Burkhalters Vorgehen in der Krim-Krise steht Maurer nicht allein da.

Einige Kritikpunkte werden selbst von Micheline Calmy-Rey geteilt. Auch die frühere Aussenministerin hätte es lieber gesehen, wenn die Schweiz unter eigener Flagge als Mediatorin zwischen Russland und der Ukraine aufgetreten wäre und nicht im Namen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der OSZE, der Bern derzeit vorsitzt.

So hat es Calmy-Rey diesen Mittwoch am Rande eines Auftritts in Olten formuliert.

Und wie Maurer hält auch Calmy-Rey den Schweizer OSZE-Sondergesandten Tim Guldimann für eine Fehlbesetzung: Seit seinem diplomatischen Engagement in Tschetschenien Mitte der Neunzigerjahre sei Guldimann in Moskau schlecht angeschrieben.

Laut Calmy-Rey hat diese Personalie die Chancen auf einen Verhandlungserfolg von vornherein gemindert.

Ebenso wahr indes ist: Bis jetzt hätte die Geschichte mit jedem anderen Sondergesandten den gleichen Verlauf genommen. Der Kreml hätte sich die Krim in jedem Fall gekrallt. – Vor diesem Hintergrund ist die Idee keineswegs abwegig, Didier Burkhalter habe bei seinem OSZE-Engagement nicht nur den Weltfrieden im Sinn, sondern verfolge auch eine zweite Agenda.

Bei seinen Auftritten als OSZE-Vorsitzender wirkte der Neuenburger nach aussen hin zuweilen naiv. Ein blosses Telefonat mit Putin etwa stellte er wie einen Erfolg dar, obwohl der russische Präsident darin null Zusagen machte. Dank des OSZE-Einsatzes sowie der Ernennung Guldimanns – der im Hauptberuf immerhin als Schweizer Botschafter in Berlin amtet – ergeben sich für unser Land mittel- bis langfristig womöglich aber auf einem ganz anderen Feld Vorteile: So nah wie bei den aktuellen gemeinsamen Bemühungen innerhalb der OSZE wären sich Burkhalter und der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier unter anderen Umständen nie gekommen.

Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative sind solche Kontakte wichtiger denn je. Insofern hat Burkhalter als Schweizer Europapolitiker klug gehandelt.

Das ist dem Antieuropa-Politiker Ueli Maurer natürlich nicht entgangen. Und obschon eigentlich auch er ein Interesse daran haben müsste, dass Bern die Kurve mit der EU trotz Masseneinwanderungsinitiative doch noch irgendwie kriegt – trotzdem also haben bei Maurer die isolationistischen Instinkte obsiegt, und er brachte im Gespräch mit der «Weltwoche» viel Verständnis für Putin auf und keines für Burkhalter.

Fazit: Maurer kommt sich als Putin im Kleinstaatenformat zwar schlau vor. Der nach aussen hin vielleicht etwas gar arglos wirkende Burkhalter darf in Sachen Schlauheit allerdings gleichfalls nicht unterschätzt werden.