Kirche
Der Kirche fehlen nicht nur Mitglieder, sondern auch Seelsorger

Die Landeskirchen klagen über Mitgliederschwund. Doch dies ist längst nicht die einzige Sorge, die Pfarrer beschäftigt. Der Berufsstand kämpft um seine Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt.

Milena Caderas
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Die Reformierte Kirchgemeinde Saas im bündnerischen Prättigau braucht einen neuen Pfarrer. Bereits zum zweiten Mal hat Kirchgemeindepräsident Daniel Hansemann die Stelle ausschreiben lassen. Obwohl die Bewerbungsfrist Mitte Monat abläuft, ist bislang erst eine Bewerbung eingegangen.

Bis ins Jahr 2025, so lange reicht der Planungshorizont, rechnet Matthias Bachmann, Projektleiter zur Förderung des Theologiestudiums, mit einem Mangel an Pfarrkräften. Der Grund ist simpel: Es gibt mehr Pensionierungen als Pfarramtsanwärter. Die reformierten Kirchenverantwortlichen wollen in den kommenden Jahren zwischen 60 und 80 Personen pro Jahrgang für ein Theologie-Studium begeistern. Um dieses Ziel zu erreichen, unternehmen die katholische und die reformierte Seite einiges.

36 reformierte Maturanden haben im vergangenen Jahr am Campus Kappel teilgenommen. Nach der fünftägigen Theologiewoche speziell für interessierte Maturanden haben sich 16 der 36 Teilnehmenden für ein Theologie-Studium entschieden - das Camp-Erlebnis und das Resultat: ein voller Erfolg.

Wer jetzt aber glaubte, bei der Kirche besonders schnell eine sichere Stelle zu finden, wurde vorletztes Wochenende durch eine Nachricht aus dem Kanton Bern enttäuscht. In Bern, dem einzigen Kanton, wo Pfarrer direkt aus der Staatskasse entlöhnt werden, sollen 30 Stellen gestrichen werden. Andreas Zeller, Präsident des Synodalrats der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn, läuft gegen die Sparübungen Sturm und bezeichnet die Dienstleistungen der Kirche - besonders auf dem Land - als «Service public».

Viele Seelsorger, wenig Gläubige

In ihren Kirchen stehen die von (Nachwuchs-)Sorgen geplagten Seelsorger immer weniger Gläubigen gegenüber. Von 2010 bis 2012 hat die evangelisch-reformierte Kirche 200 000 Mitglieder verloren (erfasst werden nur Personen über fünfzehn Jahre). In dieser Zeit hat die Zahl der Pfarrpersonen leicht zugenommen - von 1957 auf 2034. Das Bundesamt für Statistik publizierte diese Zahlen erst kürzlich und bestätigt damit einen langjährigen Trend.

Beim Evangelischen Kirchenbund stellt man die Zahlen jedoch infrage. Die eigenen Register sprächen von höheren Mitgliederzahlen. Entscheidend sei auch nicht die Anzahl Pfarrpersonen, sondern Stellenprozente.

Auf katholischer Seite ist der Anteil der Mitglieder an der Gesamtbevölkerung von 30,9 auf 26,9 Prozent zurückgegangen und liegt jetzt bei 2,5 Millionen. Aktuell liegt die Zahl der Pfarrstellen bei etwa 1700. Wegen umständlicher Zählweisen der einzelnen Bistümer kann keine definitive Zahl festgelegt werden.

«Die Entwicklung der Anzahl Pfarrstellen muss man immer im Verhältnis zur Entwicklung bei den Gläubigen sehen», meint auch Giuseppe Gracia, Medienbeauftragter des Bistums Chur. Der Rückgang sei auf beiden Seiten proportional etwa gleich, heute gebe es sogar weniger Gläubige pro Seelsorgende als vor 20 Jahren.

Und Sabine Rüthemann, Kommunikationsverantwortliche des Bistums St. Gallen, ergänzt: «Die Seelsorge wird nicht allein durch die Priester gewährleistet: Teams mit Pastoralassistenten, kirchlichen Jugendarbeitern, Katecheten arbeiten zusammen.» Rüthemann räumt aber ein, dass es auch immer schwieriger werde, diese Stellen zu besetzen.

Die Kirche als Arbeitgeberin steht in Konkurrenz zur Privatwirtschaft. Effizienzdenken und Strukturwandel haben die Kirchen längst erreicht. Allein bei den aktuellen Sparübungen im Kanton Bern gehen inoffizielle Szenarien davon aus, dass jede zweite eigenständige Kirchgemeinde verschwinden wird.
Der schönste Beruf überhaupt

Meistens kommen solche Entwicklungen nicht so überraschend, dass Pfarrpersonen überrumpelt werden. «Was nicht heisst, dass eine Verschiebung des Lebensmittelpunktes auf die leichte Schulter genommen werden kann», betont Werner Naef, Kommunikationsverantwortlicher des Schweizerischen Reformierten Pfarrvereins. «In keinem anderen Beruf hat man so umfassend mit dem Leben zu tun, feiert oder bespricht eine Taufe, bevor man zu einer Beerdigung muss», so Naef weiter. Deshalb ist für ihn das Pfarramt immer noch der schönste Beruf überhaupt - allen Strukturreformen zum Trotz.