«Der Kanzler ist das Herzstück»

Hans Ulrich Mathys ist seit 40 Jahren Gemeindeschreiber in Holziken. Im Interview verrät er, was ihn an diesem Beruf fasziniert und wie sich seine Arbeit verändert hat.

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Aargauer Zeitung

Nadia Rambaldi

Eine Aussage des Volkes lautet: «Der Gemeindeschreiber ist der Kommandant einer Gemeinde.» Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Hans Ulrich Mathys: Es gibt ein Gedicht von Robert Stäger, das er vor fünfzig Jahren geschrieben hat und genau das anspricht: Es geht einfach nicht ohne Gemeindeschreiber. Das ist auch heute nicht anders, von dem her kann ich diese Aussage nicht von der Hand weisen.

Gab es während Ihrer Tätigkeit für die Gemeinde Holziken auch Schattenseiten?

Mathys: In meiner Rolle als Gemeindeschreiber eigentlich nicht. Aber die Publizität, der ich als Präsident der SVP Aargau und als Nationalrat ausgesetzt war, ist nicht immer segensreich gewesen. Im Nachhinein würde ich vieles anders machen.

Was genau würden Sie anders machen?

Mathys: Wenn ich zurückgehen könnte, würde ich das Projekt Reithalle Holziken ganz klar nicht mehr in die Hand nehmen. Dann hätten wir heute keine Reithalle, was für die Gemeinde und alle Beteiligten besser gewesen wäre. Ich hoffe, dass die Personen, die nun am Ruder sind, weiterhin viel Herzblut und Engagement in die Halle stecken und sie wieder zur Blüte bringen.

Aus welchem Grund sind sie vor 40 Jahren Gemeindeschreiber geworden?

Mathys: Ich habe auf der Gemeindeverwaltung Uerkheim die Verwaltungslehre absolviert. Das war eigentlich Auslöser für eine klassische Beamtenkarriere: 1969 wurde auf der Gemeindeverwaltung Holziken die Stelle des Gemeindeschreibers frei, nachdem Max Basler nach 49 Jahren als Gemeindeschreiber in Pension ging. Ich habe mich beworben und wurde gewählt.

Was fasziniert Sie auch nach 40 Jahren noch an Ihrem Beruf?

Mathys: Ich bin stets gerne zur Arbeit gekommen und bin immer noch mit Leib und Seele Gemeindeschreiber, wie am ersten Tag. Ich gestalte und verwalte gerne. Die Aufgabe ist für mich eine Herausforderung geblieben. Der Kontakt mit der Bevölkerung ist mir wichtig. Es gefällt mir, einer effizienten Verwaltung vorzustehen.

Wie hat sich Ihr Beruf in dieser Zeit verändert?

Mathys: Die Gemeinde ist gewachsen. Als ich 1969 angefangen habe, hatte Holziken 500 Einwohner. Nun sind es über 1200. Auch die Gesetzesfülle hat zugenommen. Heute ist man eingebunden in ein Korsett von bundes- und kantonsrechtlichen Vorschriften, früher war der Gestaltungsfreiraum für eine Gemeinde wesentlich grösser. Diese Vorschriften sind nicht unbedingt hinderlich, aber man arbeitet anders als früher.

Was änderte sich noch?

Mathys: Nicht nur der Beruf, auch die Bevölkerung hat sich verändert: Früher waren es die Ortsbürger, alte Holziker Familien wie Lüthys, Lüschers und Ernsts, welche die Gemeinde trugen und sie prägten. Heute ist die Durchmischung anders und die Ortsbürger sind nur noch ein Element des Ganzen.

Gab es auch klar negative Veränderungen in Ihrem Beruf?

Mathys: Ich habe keine Veränderungen negativ erfahren. Der Zeitgeist heute ist einfach ein anderer. Früher hatten wir mehr Verwaltungsabteilungen zu betreuen und konnten auf unserem Zivilstandsamt auch Trauungen durchführen. Mein Beruf ist immer noch sehr interessant.

Wie erlebten Sie die Modernisierung in der Bürotechnik?

Mathys: Spannend zu beobachten war die zunehmende Technisierung, eine ungeheure Entwicklung, die nicht nur zu unser aller Vorteil war. Das Kopiergerät beispielsweise ist heute nicht mehr wegzudenken. Es wird aber auch missbraucht: Für jeden Seich macht man heute eine Kopie, was zu einem enormen Papierverschleiss führt. Das ist meiner Meinung nach mehr Fluch als Segen.

Wie sehen Sie die Zukunft dieses Berufes?

Mathys: Der Beruf wird weiterhin seine uneingeschränkte Bedeutung haben. Solange eine Gemeinde besteht, braucht es einen Gemeindeschreiber, sonst kann der Gemeinderat nicht regieren. Der Kanzler ist das Herzstück und die Schlüsselposition einer Gemeinde. Auch im heutigen Zeitgeist, in dem viele kleinere Gemeinden fusionieren, wird das nicht anders sein.

Was war und ist Ihr oberstes Ziel in Ihrem Engagement als Gemeindeschreiber?

Mathys: Mein Ziel war es, stets gute Arbeit zu leisten und dem Gemeinderat brauchbare Entscheidungsgrundlagen vorzulegen.

Hat die Gemeinde etwas geplant für Ihr Jubiläumsjahr?

Mathys: Ich habe dem Gemeinderat gesagt, dass ich keine Lobhudelei will oder sonstige abdankungsähnliche Prozedere. Sie haben aber zu meiner Überraschung einen Apéro organisiert und alle meine Lehrlinge, die ich ausgebildet habe, eingeladen. Von insgesamt 30 Lehrlingen sind 25 gekommen. Das war ein schöner Anlass.

Was steht bei Ihnen in Zukunft noch auf dem Programm?

Mathys: Ich werde Mitte 2011 pensioniert. Bis dahin möchte ich, sofern ich gesund bleibe, arbeiten und mein Hobby als Reiseleiter ausführen. Ich reise seit 40 Jahren ins südliche Afrika, nach Botswana, Simbabwe und Südafrika. Nächstes Jahr sind wieder zwei Reisen geplant.

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