Bisher unter Verschluss gehalten

Der Kampfjet-Wunschzettel der Schweizer: Das wollen sie bei den Amerikanern kaufen - umstrittene Bomben inklusive

Kampfjet-Geschäfte mit der USA: Da steht so einiges auf dem Wunschzettel. (Symbolbild)

Kampfjet-Geschäfte mit der USA: Da steht so einiges auf dem Wunschzettel. (Symbolbild)

Die USA publizierten Eckwerte aus den Kampfjet-Offertanfragen der Schweiz - darin finden sich einige Überraschungen.

Veröffentlichungen in den USA legen Details der Kampfjetbeschaffung in der Schweiz offen, die bisher unter Verschluss gehalten wurden. Das US-Aussenministerium, das den Kampfjet-Herstellern damit grünes Licht für den möglichen Verkauf an die Schweiz gab, publizierte Eckdaten der Offerten für die Kampfjets F-35 und F/A-18 Super Hornet.

6,58 Milliarden US Dollar oder umgerechnet knapp 6 Milliarden Franken. Mit diesem Angebot steigt der US-Konzern Lockheed Martin ins Schweizer Kampfjet-Rennen. Im Paket, das die Amerikaner anbieten, sind 40 Tarnkappenbomber enthalten. Laut US-Veröffentlichung wurde der mögliche Verkauf «von 40 F-35 und zugehörige Ausrüstung für geschätzte Kosten von 6,58 Milliarden Dollar bewilligt».

Aus dem publizierten Akt geht auch hervor, dass die Schweiz bis zu 46 Pratt & Withney F-135-Triebwerke offerieren liess, also Reserven-Motoren will.

Super Hornet teurer als F-35

Das publizierte Paket von Konkurrent Boeing ist teurer. 40 Super Hornet inklusive Ausrüstung generieren demnach geschätzte Kosten von 7,452 Milliarden Dollar, was etwa 6,7 Milliarden Franken entspricht. Aus der Veröffentlichung geht hervor, dass die Schweiz bis zu 36 Einsitzer und 4 Zweisitzer offerieren lässt plus 16 Reservetriebwerke. Die Schweiz will maximal 6 Milliarden für die Jets ausgeben.

Kaj-Gunnar Sievert, Sprecher vom Armasuisse, sagt auf Anfrage, dass die US-Kongressbenachrichtigung, in der diese Details jetzt publiziert wurden, «die maximale Menge an Verteidigungsausrüstung und den maximalen Dollarbetrag festlege, welchen die USA einem Partner anbieten.» Für die Schweiz bedeute das, dass der Vertragswert nach den abschließenden Verhandlungen geringer sein wird, als in der US-Medienmitteilung publiziert sei.

Die in den USA gesetzlich vorgeschriebene, in Europa nicht existente Transparenz bei Verkäufen von Rüstungsgütern ins Ausland wird laut Insidern die europäische Konkurrenz um Rafale und Eurofighter freuen. «Die werden das sehr genau lesen», sagt ein Beobachter, «jetzt haben sie die Möglichkeit, ihre Offerten noch anzupassen». Bis am 19. November müssen die vier Konkurrenten Airbus, Dassault, Lockheed und Boeing ihre Offerten für ihre Kampfjets in Bern einreichen.

250 Kilo schwere Freifall-Bomben auf dem Einkaufszettel

Aus den US-Veröffentlichungen gehen auch andere Details hervor, die bisher hierzulande unter dem Deckel gehalten wurden. So zeigt sich, welche Lenkwaffen und Bomben für den Ernstfall das Schweizer Verteidigungsdepartement (VBS) von den beiden US-Herstellern Herstellern offerieren liess. Und da gibt es aus Sicht der Kampfjet-Kritiker eine böse Überraschung. Zum Gerät, das die Hersteller offerieren sollen, gehören   12 Freifallbomben des Typs MK-82. «Das sind Freifall-Eisen-Bomben von rund 250 Kilogramm mit Splitter- und Druckwirkung», sagt der langjährige SP-Militärspezialist Peter Hug. «Die MK-82 gibt es seit Anfang 50er Jahre, sie war für die unermesslichen Kriegsverbrechen der USA im Koreakrieg mitverantwortlich, weil ein gezielter Einsatz allein gegen Kombattante gemäss Genfer Recht technisch fast unmöglich ist.» Kollateralschäden würden in dieser «totalitären, auf Feindvernichtung zielenden Art der Kriegführung bewusst hingenommen», sagt Hug.

Offenbar will das VBS die MK-82 als gelenkte Waffe einsetzen. Auf dem Offertzettel findet sich auch ein entsprechender Umbau-Kit. Daneben lässt die Schweiz auch 12 Gleitbomben des Typs GBU-53B Small Diameter Bomb II offerieren sowie 40 Kurzstrecken-Lenkwaffen des Typs AIM-9x Block II Sidewinder. Die Luftwaffe, seit der Einmottung der Hunter-Jagdbomber 1994 nicht mehr erdkampffähig, verfügt derzeit über keine Bomben mehr. Die Wiedereinführung der Erdkampffähigkeit ist allerdings politisch noch nicht beschlossen.

Haarscharf stimmte die Bevölkerung am Wochenende dem 6-Milliarden-Kredit für neue Kampfjets zu. Nur Tage nach der Volksabstimmung publizierten die USA jetzt Details aus der Offertanfrage der Schweiz, die an die Hersteller Lockheed Martin und Boeing gingen. Demnach liess die Schweiz nicht nur Kampfjets offerieren, sondern auch umstrittene Waffen für den Erdkampf. Unter diesen Waffen befinden sich 12 gelenkte Gleitbomben. Kritikern stechen allerdings vor allem die 12 Freifall-Bomben des Typs MK-82 ins Auge, die von den Herstellern ebenfalls offeriert werden müssen. Die MK-82 ist eine rund 250 Kilogramm schwere, ungelenkte «Eisenbombe», die aber auch zu einem gelenkten Flugkörper umgerüstet werden kann.

Auch Umrüst-Kit auf dem Wunschzettel

Das Verteidigungsdepartement will die Bombe offenbar zu einer lenkbaren Waffen umbauen, jedenfalls stehen auf dem Einkaufszettel auch Umrüst-Kits. Armasuisse-Sprecher Kaj-Gunnar Sievert sagt: «Eine MK-82 Bombe, welche mit einem Guidance Kit ausgerüstet ist, wird als GBU-54 bezeichnet.»

Damit würde die Schweizer Luftwaffe jedenfalls nach fast drei Jahrzehnten wieder erdkampffähig. «Die GBU-54 und die GBU-53/B sind neue Gerätschaften, weil die Schweizer Luftwaffe seit Ausserdienststellung des Hunters 1994, ausser mit der Bordkanone des F/A-18, keine Fähigkeit mehr hat, die Bodentruppen direkt mit Feuer zu unterstützen», hält der Sprecher des Rüstungsbeschaffers Armasuisse fest.

SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf (ZH) ist «irritiert» über die in den USA publizierten Details der Offertanfrage, die selbst ihr als Sicherheitspolitikerin bisher nicht bekannt waren. Die Wiedereinführung der Erdkampffähigkeit ist hoch umstritten und politisch noch nicht entschieden. «Dass man dies jetzt überhaupt in Betracht zieht und offerieren lässt, finde ich bedenklich», sagt Seiler Graf. Die Kritiker stört auch, dass die ins Auge gefasste Beschaffung dieser Bomben-Typen im Vorfeld der Abstimmung über die Kampfjets unter dem Deckel gehalten wurde.

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