Seit 2001 habe es in der Schweiz keinen Zwischenfall bei therapeutischen Ausgängen von Sexualstraftätern gegeben. Das sagt der stellvertretende Leiter der Forensik des Zürcher Justizvollzugs Jérôme Endrass. Gut möglich, dass die Bluttat an der Genfer Sozialtherapeutin hätte verhindert werden können.

Wie kam es zum folgenschweren Entscheid, dass dem zweifach verurteilten Vergewaltiger Fabrice Anthamatten Vollzugslockerung gewährt worden war?

Wieso wurde ihm für die therapeutische Reitstunde sogar der Kauf eines Messers gewährt? Wird die Untersuchung der Genfer Behörden solche Fragen beantworten?

Politiker und Vollzugsexperten überbieten sich mit Forderungen nach einer Vereinheitlichung des Strafvollzugs, nach einem zentralen Täterregister oder nach einer automatischen Verwahrung von Wiederholungstätern. Noch weiss niemand: Würde die eine oder andere Massnahme das im Fokus stehende Merkmal, die Rückfallquote, vermindern?

Vorbereitet in die Freiheit

99 Prozent der Sexualstraftäter verbüssen endliche Haftstrafen. Werden sie nicht nachträglich von einem Gericht verwahrt, kommen sie nach Verbüssung ihrer Haftstrafe wieder frei. Zur Vorbereitung auf die Freiheit dienen Vollzugslockerungen; begleitete und unbegleitete Freigänge, Hafturlaube, Therapien bis hin zu Reitstunden. «Es ist gefährlich, jemanden von einem Tag auf den anderen unvorbereitet aus dem Gefängnis zu entlassen», erklärt der Zürcher Forensiker Jérôme Endrass.

Der böse Täter im  braven Rössli-Gilet: Hier verlässt Fabrice A. die Staatsanwaltschaft in Stettin, Polen.

Der mutmassliche Täter von Adeline

Der böse Täter im  braven Rössli-Gilet: Hier verlässt Fabrice A. die Staatsanwaltschaft in Stettin, Polen.

Je länger die Zeitspanne auf freiem Fuss, umso höher auch das Risiko eines Rückfalls. Endrass nennt Zahlen für den Kanton Zürich: Zurzeit betrage die Rückfallquote von behandelten Straftätern 3 Prozent – gemessen über die der Entlassung folgenden vier Jahre. Zum Vergleich die Referenzgruppe jener Täter, die frei kommen, ohne therapiert zu werden: Gemessen am selben Zeitraum beträgt sie 8 Prozent.

Marc Graf, Chefarzt der forensisch-psychiatrischen Klinik Basel, nennt eine andere Zahl, die der Realität über die gesamte Schweiz näher kommt: 20 Prozent. Diese hohe Quote gelte für Deutschland, betreffe eine Zeitspanne von fünf Jahren und könne auf die Schweiz übertragen werden. «Das ist der normalalltägliche Wahnsinn», so Graf. Die hohe Zahl betreffe vor allem «normale» Vergewaltiger, Leute also, die von den Gerichten als ungefährlich eingestuft würden.

Aufgeweichte Schweigepflicht

Jérôme Endrass begründet die verhältnismässig tiefen Zürcher Zahlen mit dem auf Rückfallprävention ausgerichteten Justizvollzug. Daraus entstanden ist auch das Pilotmodell Risikoorientierter Sanktionenvollzug (ROS), das neben dem Kanton Zürich auch in St. Gallen, Thurgau und Luzern zur Anwendung kommt. ROS verbessere den Informationsfluss unter den einzelnen Strafvollzugsakteuren, so Endrass.

Begünstigend käme in Zürich hinzu, dass auch die Forensik Teil des Justizvollzugs sei. «Moderne Forensik schützt potenzielle Opfer, es ist nicht ein Wellness-Programm für die Täter», sagt er. Ein Forensiker dürfe im Täter nicht vorwiegend einen Patienten sehen. In der welschen Schweiz sehe aber manch ein Arzt im Täter nur den Patienten und klammere sich am Arztgeheimnis fest.

Die welsche Schweiz – hat sie nun ihren eigenen Fall Hauert? Erich Hauert hatte 1993 im Hafturlaub in einem Waldstück bei Zollikerberg eine junge Frau zu vergewaltigen versucht und sie ermordet. Im Deutschschweizer Justizvollzug hatte der Fall ein Umdenken zur Folge. Vollzugslockerungen werden seither restriktiver gewährt als in der Welschschweiz.

Marc Graf spricht wie sein Zürcher Kollege die Mentalitätsunterschiede in der Forensik in den Landesteilen an. Letztere sei geprägt von Transparenz, Erstere von Verschwiegenheit, etwa der Ärzte. Eines sei aber unabdingbar: «Die relevanten Informationen müssen zwischen den Akteuren immer fliessen.»