Baggercrash
Der jähe Infarkt einer Lebensader bringt Kosten in Millionenhöhe

Der Bagger, der in die Brücke der A1 donnert, verursachte ein Verkehrsdesaster. Rund 120 000 Autos passieren die Stelle normalerweise. Doch die komplette Sperrung der Autobahn bringt auch Kosten in Millionenhöhe.

Daniel Fuchs
Merken
Drucken
Teilen
Die beschädigte Autobahnbrücke.
32 Bilder
Der Anhänger mit dem beschädigten Bagger.
Die beschädigte Autobahnbrücke.
Die Autobahn ist komplett gesperrt.
Der Schaden an der Brücke in der Nahaufnahme.
Verkehrschaos: Nach der Sperrung der A1 ist Geduld gefragt.
Verkehrschaos: Nach der Sperrung der A1 ist Geduld gefragt.
Lastwagen um Lastwagen passiert Mellingen.
Verkehrschaos: Nach der Sperrung der A1 ist Geduld gefragt.
Der ganz Autobahnverkehr rollt nun durch Mellingen.
Stau zwischen Mägenwil und Mellingen.
Stau in Richtung Mellingen um 17 Uhr.
Stau: Auf der A1 kurz vor Ausfahrt Mägenwil müssen sich die Verkehrsteilnehmer gedulden
Die beschädigste Stelle der Brücke
Die Autobahn ist komplett gesperrt
Der Anhänger mit der Baumaschine, die mit der Brücke kollidierte
Die Baumaschine, die mit der Brücke kollidierte
Die A1 ist komplett gesperrt, die Aufräumarbeiten gehen voran
Verkehrschaos: Nach der Sperrung der A1 ist Geduld gefragt.
Verkehrschaos: Nach der Sperrung der A1 ist Geduld gefragt.
Die Autobahn muss für die Aufräumarbeiten gesperrt werden.
Der Verkehr staut sich zumindest zeitweise bis nach Wettingen.
Die Brücke über die Autobahn ist gesperrt

Die beschädigte Autobahnbrücke.

Peter Rippstein

«Fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn», sang 1974 monoton die deutsche Elektropop-Band Kraftwerk. Die Autobahn als Inspirationsquelle - auch in der Schweiz: «I rusche grad hie im Chare am Grauholz verbi», singt Kuno Lauener von Züri West Jahrzehnte später im Lied «Göteborg», «Richtig Züri Flughafe, uf der Outobahn.»

Dabei fallen dem Liedermacher ein paar neue Akkorde und Melodiefragmente ein, doch hat er keine Zeit, sie aufzuschreiben. Wäre er gestern nach Zürich gefahren, so hätte er sich spätestens im Aargau Zeit nehmen können, als es nach dem Unfall mit dem Unglücksbagger an einer Betonbrücke kein Durchkommen mehr gab.
Wie eine Lebensader schlängelt sich die A1 durchs Schweizer Mittelland: Mit 421 Kilometern von Genf bis nach St. Margrethen ist sie die längste Autobahn hierzulande.
Veränderte Gewohnheiten
Den Beginn markierte der von Züri West besungene Abschnitt, die Grauholzautobahn. 1962 wurde die A1 dem Verkehr übergeben. Abschnitt um Abschnitt kam hinzu. Die Autobahn veränderte das Leben vieler - und damit deren Gewohnheiten. Schweizweit bekannt sind etwa der «Fressbalken» oder Cindy's Diner bei Deitingen, wo hungrige Autofahrer Hamburger bestellen, ganz unter dem Eindruck der Kulissen eines amerikanischen Road Movies.
Nur wenige Länder verfügen über ein dichteres Autobahnnetz als die Schweiz. Doch erst im Jahr 2001 wurde das letzte Teilstück zwischen Murten und Yverdon eröffnet und die Verbindung zwischen Ost und West komplett. Ausgerechnet diese pulsierende Ader des Mittellands und Transitverkehrs wurde gestern jäh abgeschnitten.

120 000 Fahrzeuge passieren die Stelle täglich, an der ein nicht ordnungsgemäss befestigter Bagger Brückenteile auf die Fahrbahn riss. Die A1 komplett unterbrochen - ausser an den wegen der Ölkrise angeordneten autofreien Sonntagen der Siebziger und einem Hochwasser vor 20 Jahren rollte der Verkehr immer über die A1, die damals noch N1 hiess.
Statt über die Autobahn quälte die Blechlawine sich diesmal aber über zweispurige Landstrassen und verstopfte die Dörfer. Die Nordwestschweiz hat es kalt erwischt und mehr als das: als Lebensnerv die ganze Schweiz.

Ausgerechnet einen der frequentiertesten Abschnitte überhaupt traf es: am Stau-Hotspot Baregg - während Jahren Sinnbild des Grauens für jeden Berufspendler. Auch 2012 - Jahre nach der Eröffnung der entlastenden dritten Röhre - bildete sich am Baregg an exakt 337 Tagen Stau.

2012 verging also fast kein Tag, an dem sich der Verkehr nicht staute. Schlimmer war die Situation nur noch beim nahen Gubristtunnel und auf Zürichs Nordring.
Geschädigte Wirtschaft

Unabhängig vom Ärger, den Pendler in Situationen wie dieser schlucken müssen und von Rettungsfahrzeugen, die stecken bleiben können - ein solcher Superstau kostet. Ob Angestellte oder Warenlieferungen - all die Verspätungen verursachen Kosten in Millionenhöhe.

Verkehrsplaner bezifferten diese im Jahr 2005 im Auftrag des Bundesamts für Raumentwicklung auf eine Höhe von 1,24 Milliarden Franken. Fünf Jahre zuvor lagen sie noch unter einer Milliarde, wobei die Hälfte der Kosten Staus auf Autobahnen anzurechnen sind. Neuere Berechnungen fehlen, sollen aber für dieses und das kommende Jahr erhoben werden.
Vergleicht man die Stauprobleme hierzulande mit jenen im Ausland, so relativiert sich ein wenig das Bild. Länder wie Grossbritannien und Deutschland haben grössere Staus. Ein solcher regte auch Herbert Grönemeyers Fantasie an, ehe er sang: «Wir wollen vom Ruhrpott nach Wien, wir fahr'n 180 im Schnitt, ab Stuttgart dann leider nur noch im Schritt.»