Schienenverkehr

Der Güterzug hat bald Vorfahrt vor dem Regionalzug

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Güter- und Personenverkehr sollen künftig auf der Schiene gleich behandelt werden. Kleine Unregelmässigkeiten im Regionalverkehr sollen den Güterverkehr nicht mehr behindern, wie es bis jetzt der Fall war.

In den nächsten 20 Jahren wird der Güterverkehr auf den Schienen um 35 Prozent wachsen – nach Region unterschiedlich. Dies zeigt eine Studie, welche der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) in Bern vorgestellt hat. Der Personenverkehr dürfte gemäss Prognosen des Bundes gar um bis zu 83 Prozent zunehmen. Diese Entwicklung führt zu Engpässen und Verteilproblemen auf den Schienen. Wolle der Güterverkehr nicht völlig abgehängt werden, müssen Netznutzungspläne dem Güterverkehr vor allem auf den Achsen Basel-Mittelland, Genf-Lausanne, Jurasüdfuss, Lötschberg, Gotthard und Aarau-Zürich minimale Trassenpaar-Zahlen garantieren, teilte der VöV mit.

Mehr Trassen verschaffen Luft

«Bei der Netznutzung hatten wir schon immer Konkurrenz zwischen Personen- und Schienenverkehr», sagte VöV-Direktor Ueli Stückelberger auf Anfrage. Deshalb sei es wichtig, dass neben dem Bahninfrastrukturausbau mit Fabi und der Güterverkehrsvorlage auch der 4-Meter-Korridor am Gotthard realisiert werde. «Je mehr Trassen wir in der Schweiz aber haben, desto mehr Luft haben Personen- und Güterverkehr.»

Stückelberger, aber auch der Verband der verladenden Wirtschaft, stören sich an der Bevorzugung des Personenverkehrs. Auf der Schiene hat dieser immer Vorrang. Wenn ein Regionalzug mit wenigen Fahrgästen Verspätung hat, muss ein Güterzug auf einem Nebengleis eine Stunde warten. Auf eine ganze Fahrt aufsummiert, können sich lange Wartezeiten ergeben. Solche kleinen Unregelmässigkeiten im Regionalverkehr, die sehr oft auftreten, sind laut Stückelberger «ein Problem für den Güterverkehr». Eine Aufweichung dieser Priorisierung sei deshalb nötig.

«Wenn die Ursache für die Verspätung bei einem anderen Zug liegt, sollten die Güterzüge gemäss Plan fahren können», so Stückelberger. Wenn der Regionalzug dann ein paar Minuten mehr Verspätung habe, sei dies nicht immer schlimm. «Die Folgen der leicht stärkeren Gewichtung der Güterzüge sind für die Zugreisenden minim, für den Güterverkehr wäre der Nutzen aber gross», so Stückelberger. Zu Stosszeiten solle diese Vorfahrt für Güterzüge aber nicht gelten.

Wie sich diese Neuerung konkret auswirken könnte, erklärte Dirk Bruckmann vom Institut für Verkehrsplanung an der ETH Zürich gestern gegenüber Radio SRF. Personenzüge würden zwei, drei Minuten später fahren – und damit nicht mehr 100-prozentig im Takt verkehren. «Im Extremfall könnte es passieren, dass ein Personenzug durch einen Bus ersetzt werden könnte», so Bruckmann.

Pro Bahn ist kompromissbereit

Dass Zugreisende auf Busse umsteigen müssen, geht für Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der Kunden des öffentlichen Verkehrs, zu weit. «Zu verpassten Anschlüssen darf es aber auch nicht kommen», sagte Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz. Das widerspreche der Vorgabe der vollständigen Transportkette vom Arbeitsort zum Wohnort.

Es sei aber durchaus möglich, dass der Personen- und Güterverkehr gut aneinander vorbeikomme. «Wir haben nichts dagegen, wenn ein Güterzug vor einer S-Bahn in die Strecke einfädelt und damit die S-Bahn für kurze Zeit zurückhält», so Schreiber. Wartezeiten von drei bis fünf Minuten seien noch im Rahmen, wenn so die Güter auf die Bahn gebracht werden könnten. «Da müssen die Bahnreisenden auch einen Kompromiss eingehen.»

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