Schönbühl BE
Der grosse Schacher um die gequälten Pferde

Die Pferde von Ulrich K. haben nun neue Besitzer. Die Versteigerung geriet zum Showdown zwischen Züchtern und Tierschützern.

Pascal Ritter
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Ein Rekrut führt ein Pferd auf den «Laufsteg» während der Versteigerung der Tiere von Ulrich K.ANTHONY ANEX/Keystone

Ein Rekrut führt ein Pferd auf den «Laufsteg» während der Versteigerung der Tiere von Ulrich K.ANTHONY ANEX/Keystone

KEYSTONE

Es ging los wie an jeder Schweizer Grossveranstaltung auf dem Lande. Zuerst wurden die Nummernschilder der falsch parkierten Autos vorgelesen. Uri, Genf, Baselland, Zürich, Luzern, Waadt, nochmals Zürich und Jura. Die Versteigerung der Tiere von Pferdequäler Ulrich K., die vergangene Woche aus dem Skandalhof in Hefenhofen TG befreit wurden, lockte Interessierte aus dem ganzen Land ins Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere im bernischen Schönbühl.

Vor einem Gant-Pult aus Holz mit Schweizerfahne ist eine Art Laufsteg abgesteckt. Rekruten der Armee führen die Pferde diesen Catwalk rauf und runter. In der Menge stehen ältere Männer mit karierten Hemden neben jungen Frauen mit pinken T-Shirts. Später sollte es noch zum Konflikt zwischen ihnen kommen. Direkt vor dem Gantpult gibt es ein Gatter für Journalisten. Die Kameras der TV-Sender haben dort den besten Winkel auf die Show von Henri Spychiger. Er ist Ehrenpräsident des schweizerischen Freibergerverbandes, der sich für die Erhaltung die- ser Schweizer Pferderasse einsetzt. Er leitet den Verkauf.

Beschiss bei Versteigerung

Gleich am Anfang gibt er die Spielregeln durch. Zuerst wird der Mindestpreis ausgerufen, dann darf das Publikum in 100er-Schritten mitbieten. Nach fünf Gebotserhöhungen ist Schluss. Die verbleibenden Bieter müssen Lose ziehen. Vereinzelte Buhrufe aus dem Publikum, dann Applaus für die Rekruten. Sie haben die Pferde in der letzten Woche aufgepäppelt, ihnen die Hufe ausgeschnitten und sie neu beschlagen. Die Versteigerung des ersten Pferdes geht schnell. Es gibt nur sieben Höchstbieter. Am meisten Losglück hat eine 61-jährige Frau aus dem Jura. Sie ersteigert ein Freibergerpferd für 1200 Franken. Die nächsten Verkäufe laufen weniger geschmeidig. Nun haben die Frauen in Pink ihren Auftritt. Neben jedes karierte Hemd, das ansteht, um ein Los zu ziehen, stellen sich drei pinke T-Shirts. Für einen abgemagerten Gaul boten 49 Personen den Höchstpreis. Die Pferdefreundinnen nutzen ihre grosse Zahl dazu, ihr Losglück zu erhöhen. Die Ermahnungen von Verkaufschef Spychiger nützen nichts. Es kommt zum grosse Schacher um die Pferde. Den Tierschützern gelingt es, Pferd um Pferd zu ersteigern. Eine junge Frau notiert die Käufe. Sie gehört zur Organisation «Pferde in Not» welche im Vorfeld nach neuen Besitzern für die Pferde gesucht hat, die in ihren Augen gut zu den Tieren schauen.

Das treibt Menschen wie Pferdezüchter Hans-Ruedi Arn die Wut ins Gesicht. Er ist Präsident des Verbandes des reinrassigen Freibergerpferdes. Der Mann im Pensionsalter trägt ein weisses Vereins-Leibchen mit einem aufgedruckten Pferd und der Aufschrift «Ein echter Eidgenosse». Er würde gerne einen reinrassigen Freiberger ersteigern, aber wegen der Pferdefreundinnen in Pink ist das ein schwieriges Unterfangen. Wütend ist er aber auch auf die Thurgauer Behörden, welche die Freibergerpferde hier zu Schnäppchenpreisen an Laien verschleudern würden. Gar nicht gut für die Erhaltung der Patriotenrasse. Die Herren mit den karierten Hemden stänkern gegen die Damen in Pink. Sie haben den Verdacht, dass die Tierschützerinnen mehr Pferde kaufen, als sie versorgen können. Die Koordinatorin von «Pferde in Not» widerspricht: «Wir haben für jedes Pferd einen geeigneten Platz.»

Nicht nur die Tierfreunde tricksen beim Kauf der Pferde, auch die Züchter verkaufen sich ersteigerte Pferde noch auf dem Gelände per Handschlag weiter. Auch Hans-Ruedi Arn kommt so noch zu einem reinrassigen Freiberger für 2100 Franken. Der Erlös fliesst grundsätzlich in die Kasse von Tierquäler Ulrich K. Beim Kanton Thurgau heisst es, man wolle ihm die Kosten von Polizei und Armeeeinsatz in Rechnung stellen. Wie viel die Armee vom Kanton Thurgau zurückverlangen wird, konnte ein Sprecher noch nicht sagen.

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In einer früheren Version dieses Artikels hiess es, die Organisation „Pferde in Not“ habe im Vorfeld der Versteigerung Geld gesammelt, um möglichst viele Tiere an Halter zu vermitteln. Dabei konnte der Eindruck entstehen „Pferde in Not“ kaufe selbst Pferde. Richtig ist, dass "Pferde in Not" zwar für ihre eigenen Aktivitäten Geld sammelt, nicht aber für den konkreten Kauf von Tieren von Ulrich K. Die Organisation suchte private Käufer und half ihnen bei der Auktion ein Pferd zu erwerben. Als Organisation hat „Pferde in Not“ keine Pferde gekauft.