Dimitri ist so gestorben, wie er sich das gewünscht hat: Ruhig im Schlaf. Er habe sich am Mittwoch um 21.45 Uhr ins Bett gelegt, weil ihm unwohl war und sei eingeschlafen, für immer. So bestätigte die Familie den Tod des berühmtesten Schweizer Clowns.

Doch was ist der Tod? Für Dimitri nichts Schreckliches. Er habe die Gewissheit, dass es danach weitergehe. «Man wird nicht einfach unter dem Boden von den Würmern gefressen.» Diese Idee sei anthroposophisch: «Der grösste Teil dessen, was uns ausmacht, ist nicht materiell: unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Träume.»

Clown Dimitri ist tot

Clown Dimitri ist tot

Fast sechs Jahrzehnte lang begeisterte er Gross und Klein. Der Clown mit Leib und Seele ist gestern im Alter von 80 Jahren gestorben.

Das sagte er mir im Februar vor einem Jahr. Wir trafen uns zum Interview, weil sein 80. Geburtstag anstand (am 18. September) und ein neues Familienprogramm «DimiTRIgenerationes» startete. Das Gespräch mit dem begnadeten Komiker war erstaunlich ernsthaft. Älterwerden, die Veränderungen in der Gesellschaft, die Intoleranz in der Politik – das beschäftigte ihn enorm.

«Der Liebe wegen» - Porträt über Clown Dimitri bei ARD, August 2013

«Der Liebe wegen» - Porträt über Clown Dimitri bei ARD, August 2013

Getragen waren Dimitris Rückblick und sein Blick in die Zukunft aber von Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass in seinem Leben alles so kam, wie es kam. Oft durch Zufälle, aber immer gepaart mit einem grossen Willen und einer noch grösseren Sehnsucht. Der Sehnsucht, dem Leben das Beste abzugewinnen, Freude zu haben und Freude zu verbreiten. «Das Schönste ist es, die Menschen zum Lachen zu bringen – denn was ist Lachen anderes als Freude», brachte er sein Berufs-Ethos auf den Punkt.

Ein Clown der alten Schule

Dimitri war kein Schenkelklopfer-Humorist, kein Comedian der auf Kosten anderer Lacher provoziert, sondern ein Clown der alten Schule, ein Weiss-Clown. Grock war für ihn der beste, das grosse Vorbild. So gut sei er nie gewesen, aber irgendwann sei ihm klar geworden, dass er anders sei und kein Grock werden wolle.

Dann erzählte er, wie er schon als Erstklässler in Ascona nach einem Besuch des Zirkus Knie gewusst habe, dass er Clown werde wolle. Auf dem See-Geländer habe er balanciert, habe spielerisch ausprobiert, was er gesehen habe. Dass er einst selber in der Knie-Manege brillieren wird, sich in den 1970er-Jahren dort in die Herzen der Besucherinnen und Besucher spielt, ahnte der kleine Jakob Dimitri Müller noch nicht. Ebenso wenig, dass sein Gesicht mit dem breiten Mund und dem Pagenschnitt zu einer landesweit bekannten Marke würde.

Clown Dimitri solo auf der Bühne – die Highlights.

Clown Dimitri solo auf der Bühne – die Highlights.

Video von Beat D. Hebeisen

Er brauchte ein paar Umwege, bis es soweit war. Nach den Schulen im Tessin und in Zürich machte er eine Töpferlehre bei Margrit Linck in Biel. Etwas mit seinen Händen zu schaffen, zu entwerfen, habe ihn fasziniert. Dieses Talent und seine kindliche Fantasie setzte er später als Maler und für die Gestaltung seiner Plakate ein. Und doch, der Traum Clown zu werden, aufzutreten, war stärker. Noch als Lehrling besuchte er Theater-, Akrobatik- und Schauspielkurse, lernte Klarinette und Gitarre spielen, tanzen… Der junge Mann mit dem Kasperligesicht lernte und lernte.

Erfolg über alle Sprachgrenzen

Prägend sind die Kurse beim französischen Mimen Etienne Decroux – und ab 1958 bei seinem grossen Vorbild Marcel Marceau. Nach ersten Auftritten – unter anderem im Zirkus Medrano – kreiert er 1959 sein erstes Soloprogramm. Seine erste Produktion im Theater Kramgasse Bern muss gleich um 3 Monate verlängert werden, und auch im Hechtplatz und selbst im Schauspielhaus Zürich tritt der junge Clown 1960 erfolgreich auf. Bald führen ihn Tourneen um die Welt.

Dimitris Kunst – sein Mix aus Clownerie, Akrobatik und Musik, die Poesie der kleinen Momente – begeistert die Menschen über alle Sprachgrenzen hinaus. Er ist der geschickte, liebenswerte Tolpatsch, scheitern ist stets Teil seines Programms. Er kann jonglieren, mit wenigen Gesten Geschichten erzählen und singen. Er spielt unzählige Instrumente– wie ein Anfänger und doch souverän mit Witz und Perfektion.

Mindestens so entscheidend für sein Leben wird die Wiederbegegnung mit seiner einstigen – nur einseitigen – Jugendliebe Gunda Salgo. 1961 wird in Zürich standesamtlich geheiratet und 1964 in Paris nach dem Ritus der anthroposophischen Christengemeinschaft. Warum zweimal, wollte ich beim Gespräch von Dimitri wissen. «Weil wir uns beide für Anthroposophie und geistige Werte interessieren und in Paris einen sehr netten Priester kennen gelernt haben.» Dann geriet er ernsthaft ins Schwärmen. Über die Anthroposophie und Rudolf Steiner. «Wenn man einmal die Schriften von Rudolf Steiner gelesen hat, kommen einem alle anderen religiösen Schriften blass vor. Rudolf Steiner hat die Pädagogik revolutioniert und mit der Homöopathie auch die Medizin. Für mich das Allerwichtigste: Er hat eine Philosophie begründet, die einen total frei lässt.»

Ab 50 kein Salto mehr

Mit seiner Überzeugung hat Dimitri nie missioniert. Seine Mission hiess «Clown-Sein», Freude verbreiten. Dafür hat er hart gearbeitet – noch mit 79 trainierte er drei Stunden täglich. Mit 50 allerdings entschied er, keinen Salto mehr zu machen. «Ein solcher Entscheid betrübt einen im ersten Moment. Denn wenn ich den Salto ein Jahr nicht mehr übe, dann ist es aus. Das ist ein Entscheid fürs Leben.» Sagte es und meinte lächelnd, man könne als Clown allerdings aus dem Nicht-Können etwas Neues kreieren.

Dimitri bei Roger Schawinski, Sendung «Schawinski» vom 13. April 2015

Dimitri bei Roger Schawinski, Sendung «Schawinski» vom 13. April 2015

In «Schawinski» blickt der berühmteste Schweizer Clown auf sein Lebenswerk zurück und erklärt, weshalb er noch nicht ans Aufhören denkt.

Etwas Neues wagten Dimitiri und Gunda 1971 an ihrem Wohnort Verscio: Sie gründeten das Teatro Dimitri und bald eine Theaterschule. Wer in der Schweiz Pantomime oder Clown werden wollte, musste nach Verscio. Heute ist sie Fachhochschule und Teil der Universität Tessin. Die Scuola Dimitri erhielt 1998 den ersten Kulturpreis der AZ Medien, Dimitri selber wurde vielfach ausgezeichnet: 1976 erhielt der den Hans-Reinhart-Ring, die wichtigste Schweizer Theaterauszeichnung, 2000 einen Ehren-Prix-Walo sowie 2009 und 2014 einen Swiss Award.

Ohne Gunda ging nichts

Gunda war für Dimitri die starke Kraft im Hintergrund, sie managte Scuola, Teatro wie die Familie und sie erzog die vier Kinder David, Nina, Masha und Ivan. Windeln gewechselt habe er nie, gestand Dimitri, aber fürs Spielen sei er ein guter Vater gewesen. So gut, dass drei der vier Kinder heute selber auf der Bühne stehen, in den Familienprogrammen mit dem Vater – und bei «DimiTRIgenerationes» war mit Enkel Samuel erstmals die dritte Generation dabei. Dimitri war dabei Mittelpunkt, auch wenn er sich selber nur als Pausenclown sah. «Wenn wir im Ausland spielen würden, wo mich niemand kennt, würde man vielleicht – hoffentlich – sagen: Das sind fünf ganz unterschiedliche Leute und der Grossvater ist schon alt, aber gar nicht schlecht.»

Das klingt bescheiden, typisch für Dimitri. Der Erfolg hat ihn nicht stolz gemacht, ihm aber Freude bereitet. So stand er bis zuletzt auf der Bühne – am Sonntag im Teatro Monte Verità und am Montag in Verscio mit dem Familienprogramm. Bis 2017 war seine Agenda voll. Ebenfalls im nächsten Jahr wollte er mit Regisseur Mohammed Soudani einen Film drehen: Dimitri in der Hauptrolle als Bahnwärter.

Kunst von Herzen

Dimitri war aktiv, nicht unterzukriegen, auch nach Unfällen nicht. Er habe sich oft vorgestellt: «Was wäre, wenn ich blind wäre? Malen könnte ich nicht mehr, aber ich könnte singen, Musik machen, Geschichten erzählen…» Ein Multitalent war er – und selbst wenn er einfach dasass und alleine oder mit Begleitung ein Tessiner Lied sang, so war das so schlicht wie überzeugend. Denn es war echt, kam von Herzen – und erreichte so die Herzen der Zuhörer.

Nein, mit dem baldigen Tod hat Dimitri nicht gerechnet. Auch wenn er sich oft damit beschäftigte. «Wissen Sie, es gibt Kulturen, wo man selbst dem Tod mit Humor begegnet. Die Mexikaner sind Weltmeister darin. Sie machen sich lustig über den Tod, an ihrem Karneval sehen Sie vor allem Skelette und Totenschädel. Der grosse Münchner Komiker Karl Valentin hatte panische Angst vor dem Tod. Sein letzter Satz war: ‹Ach wenn ich g’wusst hätt, dass des so schöön ist…› und dann ist er entschlafen. Das sind für mich Beispiele und Vorbilder, wie man den Humor bis zuletzt bewahren kann. Es ist wohl schwierig, aber schön.»