Kinder
Der Götti braucht eine Lizenz

Bürokratie und staatliche Kontrolle halten auch in der privaten Kinderbetreuung Einzug. Nach Ansicht des Bundes soll es keine Rolle mehr spielen, wer ein Kind ausserfamiliär betreut. Damit muss eine staatliche Lizenz haben, wer ein Kind regelmässig mehr als 20 Stunden pro Woche hütet – auch Tante, Götti und Nachbarin.

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Grosi Kind

Grosi Kind

Keystone

Karen Schärer

Am Ziel vorbei Kommentar von Karen Schärer Eltern, die ihr Kind Unbekannten anvertrauen, sind froh um Kontrolle. Was der Bund jetzt aber bei der ausserfamiliären Kinderbetreuung fordert, bieten viele Institutionen schon heute: Kinderkrippen arbeiten nach Qualitätsstandards, und Tagesmütter, die in Vereinen organisiert sind, absolvieren Schulungen.  Eltern, die ihr Kind hingegen Tanten, Göttis und Grosseltern anvertrauen, üben die Kontrolle selbst aus. Diese Kontrolle kann versagen -- wie jüngst beim Unglück in Nidwalden, bei dem eine Mutter die Aufsichtspflicht über zwei ihr anvertrauter Kinder nicht wahrnahm. Eine «Hüte-Lizenz» hätte daran nichts geändert: Da die Mutter die Kinder erstmals beaufsichtigte, hätte sie keine Bewilligung benötigt.  Die staatliche Kontrolle soll Missbrauchsfälle verhindern. Doch eine Bewilligungspflicht ist nicht die Lösung. Wie sollte ein Beamter oder eine Kursleiterin das gewalttätige Potential der Nachbarin, die pädophile Neigung des Onkels erkennen, wenn es selbst die Eltern nicht sehen?  Die Vorgaben des Bundesrats zur ausserfamiliären Kinderbetreuung schiessen dort am Ziel vorbei, wo es um privat organisierte Betreuung geht. Noch immer ist die Nachfrage nach Betreuungsplätzen grösser als das Angebot. In dieser Situation hohe Hürden für hütewillige Bekannte einzubauen, ist falsch. Was es hingegen braucht, sind Auffangnetze und vertrauenswürdige Angebote für Eltern in Notsituationen, so dass sie ihre Kinder nicht dem nächstbesten Willigen anvertrauen müssen.  karen.schaerer@azag.ch

Am Ziel vorbei Kommentar von Karen Schärer Eltern, die ihr Kind Unbekannten anvertrauen, sind froh um Kontrolle. Was der Bund jetzt aber bei der ausserfamiliären Kinderbetreuung fordert, bieten viele Institutionen schon heute: Kinderkrippen arbeiten nach Qualitätsstandards, und Tagesmütter, die in Vereinen organisiert sind, absolvieren Schulungen. Eltern, die ihr Kind hingegen Tanten, Göttis und Grosseltern anvertrauen, üben die Kontrolle selbst aus. Diese Kontrolle kann versagen -- wie jüngst beim Unglück in Nidwalden, bei dem eine Mutter die Aufsichtspflicht über zwei ihr anvertrauter Kinder nicht wahrnahm. Eine «Hüte-Lizenz» hätte daran nichts geändert: Da die Mutter die Kinder erstmals beaufsichtigte, hätte sie keine Bewilligung benötigt. Die staatliche Kontrolle soll Missbrauchsfälle verhindern. Doch eine Bewilligungspflicht ist nicht die Lösung. Wie sollte ein Beamter oder eine Kursleiterin das gewalttätige Potential der Nachbarin, die pädophile Neigung des Onkels erkennen, wenn es selbst die Eltern nicht sehen? Die Vorgaben des Bundesrats zur ausserfamiliären Kinderbetreuung schiessen dort am Ziel vorbei, wo es um privat organisierte Betreuung geht. Noch immer ist die Nachfrage nach Betreuungsplätzen grösser als das Angebot. In dieser Situation hohe Hürden für hütewillige Bekannte einzubauen, ist falsch. Was es hingegen braucht, sind Auffangnetze und vertrauenswürdige Angebote für Eltern in Notsituationen, so dass sie ihre Kinder nicht dem nächstbesten Willigen anvertrauen müssen. karen.schaerer@azag.ch

Aargauer Zeitung

Wieder einmal ein paar Tage zum Götti in die Ferien? Kein Problem - falls der Götti eine behördliche Bewilligung dafür eingeholt hat. Wochenendbesuche bei der Tante? Kein Problem - falls die Tante eine Bewilligung dafür hat. Diese Szenarien könnten ab 2011 Realität sein, wenn die bundesrätliche «Verordnung über die ausserfamiliäre Betreuung von Kindern» in Kraft tritt. Mit der Totalrevision der Pflegekinderverordnung erlässt der Bundesrat Mindeststandards auch für die private Kinderbetreuung sowie die Betreuung in Kindertagesstätten und Tagesfamilien. Die Vernehmlassung dauert bis Mitte September. Doch schon jetzt ist klar: Die Kritik gegen den Entwurf ist gross.

Ziel der Vorlage ist - zum Schutz und im Interesse des Kindes - die Professionalisierung der Kinderbetreuung. Während das Bedürfnis nach Regulierung etwa im Bereich von Pflegekindern, die dauerhaft in fremden Familien platziert sind, anerkannt wird, gibt es Widerstand gegen die Punkte, welche die privat organisierte Kinderbetreuung regeln: Nachbarschaftshilfe, Hütedienst durch Verwandte oder Vertrauenspersonen der Familien. Denn nach der Vorstellung des Bundesrats soll neu Folgendes gelten:

  • Wer ein Kind regelmässig mehr als zwei Tage und zwei Nächte oder mehr als 20 Stunden pro Woche hütet, soll eine behördliche Bewilligung einholen und Kurse besuchen müssen.
  • Auch Verwandte brauchen eine Bewilligung, ausgenommen sind einzig Eltern und Grosseltern. Letztere sollen sich aber, wie alle anderen Betreuungspersonen oder -stellen auch, sta- tistisch erfassen lassen.
  • Verbringt ein Kind regelmässig Ferien oder Wochenenden bei einer Person, braucht auch diese dafür eine Bewilligung - auch ein Götti oder eine Tante.
  • Wer anlässlich einer alljährlich stattfindenden, nicht angemeldeten Kontrolle der kantonalen Behörden keine Bewilligung vorweisen kann, muss mit einer Busse von bis zu 5000 Franken rechnen.

Zentralisierte Kontrolle

In der Verordnung ist nicht geregelt, welche Inhalte die Aus- und Weiterbildungen transportieren sollen und wer diese anbieten kann. Die Umsetzung der Kinderbetreuungsverordnung wird bei den Kantonen liegen. Statt dass sich wie heute kantonale und kommunale Stellen um die Erteilung von Bewilligungen sowie um die Aufsicht im Bereich der Fremdbetreuungen der Kinder kümmern, soll neu eine zentrale kantonale Behörde die Aufgaben übernehmen. Die Kosten dafür sind noch nicht bekannt; der Bund lädt die Kantone ein, in ihrer Vernehmlassungsantwort eine Schätzung der künftig anfallenden Kosten anzugeben. Beim Bund rechnet man für die statistischen Erhebungen mit einem zusätzlichen Personalbedarf von zwei Vollzeitstellen. Hinzu kommen 500 000 Franken Sachkosten während der ersten zwei Erhebungsjahre und 80 000 Franken in den folgenden Jahren.

Während sich die grossen Parteien zurückhaltend bis ablehnend zur «Hüte-Lizenz» für Verwandte, Götti und Vertrauenspersonen äussern, stehen Betreuungsverbände dem Entwurf mit Blick auf den Kinderschutz positiv gegenüber. Doch auch sie finden, dass die Verordnung punktuell zu weit geht. So sagte Nadine Hoch vom Verein Tagesfamilien Schweiz gegenüber der «NZZ», eine Bewilligung bei gegenseitiger unentgeltlicher Nachbarschaftshilfe oder bei privat angestellten Kindermädchen sei «unsinnig». Und Philipp Oechsli von der Pflegekinderaktion Schweiz hält es für «verfehlt», dass regelmässige Wochenendbesuche bewilligungspflichtig werden sollen.

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