Die Kantone entlang der deutsch-französischen Sprachgrenze gehen ihren Weg unbeirrt weiter. «Wir stehen voll und ganz hinter unserer Strategie», betont der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver. Gleiches gilt für seinen Stadtbasler Kollegen Christoph Eymann. Der Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz spricht von einer mutigen und visionären Idee.

Das Fremdsprachenprojekt «Passepartout» strebt etwa an, dass die Schüler Fremdsprachen spielerischer erlernen und sie ohne Angst vor grammatikalischen Unkorrektheiten gebrauchen. Ab der dritten Klasse starten sie mit Frühfranzösisch, ab der fünften Klasse kommt Frühenglisch dazu.

Seit einem Jahr wird in den sechs Kantonen Bern, Solothurn, Freiburg, Wallis und den beiden Basel nun auch an der Oberstufe mit neuen Lehrmitteln Französisch und Englisch unterrichtet. Dies nutzten die beteiligten Regierungen gestern vor den Medien in Bern für eine Zwischenbilanz und einen Ausblick. Fazit: Sie wollen vor allem bei den französischen Lehrmitteln nachbessern.

«Das Projekt ist gescheitert»

Das hat seinen Grund: Die Kritik wird immer lauter. Besonders in den beiden Basel ist der Widerstand gross. In Baselland wurden Ende April gleich zwei Initiativen eingereicht für den Projektausstieg sowie für das Verschieben der zweiten Fremdsprache auf die Sekundarstufe.

Den Schülern werde kein praxistauglicher Wortschatz beigebracht, kritisiert Initiant Jürg Wiedemann. Lehrer dürften bei falscher Schreibweise oder Aussprache nicht korrigieren. Die Lernstrategien überforderten die Kinder und verunmöglichten das Erreichen der Lernziele. «Die neuen Lehrmittel sind unbrauchbar, das Projekt gescheitert», bilanziert Wiedemann.

Auch in Basel-Stadt wird die Kritik lauter, wie Regierungsrat Eymann diese Woche bei einer Orientierung am eigenen Leib erfahren musste. Lehrpersonen und Eltern zeigen sich zunehmend besorgt. Ohne fehlende Intensität des Unterrichts seien die Lernziele nicht zu erreichen. Eymann dagegen verteidigte das Lehrmittel: Viele Eltern würden die neue Methodik nicht verstehen, weil sie Fremdsprachen anders gelernt hätten. Mittlerweile kritisieren auch Politiker eine mangelnde Einsicht der Regierung und fordern, den eingeschlagenen Weg neu zu prüfen.

Regierungen bitten um Geduld

So weit wollen die sechs Erziehungsdirektoren nicht gehen. Sie seien aber zu Korrekturen bereit, sagte der Solothurner Remo Ankli. «Es braucht nun Ruhe, Geduld und Ausdauer», ergänzte die Baselbieter Regierungsrätin Monica Gschwind. «Wir bieten dort Hand, wo es Verbesserungen braucht.» Bereits fürs kommende Schuljahr wurden erste Ergänzungen erarbeitet. Verstärkt wird etwa die Vermittlung grammatikalischer Kenntnisse.

Den Kritikern aber reicht das nicht: Es brauche mehr als einzelne Nachbesserungen, sagt Wiedemann, der im Kanton Baselland selber als Sekundarlehrer unterrichtet. «Das Problem ist systemisch. Es braucht einen Übungsabbruch.» Freiwillig aber würden die Regierungen sicher nicht soweit gehen. «Für sie wäre das der Super-GAU», sagt Wiedemann. Die Erziehungsdirektoren müssten dann nämlich zugeben, «dass sie einen Riesenbock geschossen und viele Millionen in den Sand gesteckt haben. Sie können nicht mehr zurück.»

Erziehungsdirektor Pulver sieht das natürlich anders: Die Nachbesserungen seien keine Bastelei an einem unausgereiften Lehrmittel. Es werde gerade eben auf Kritik reagiert und das Lehrmittel weiterentwickelt. Zudem ist bis 2018 eine Evaluation in Auftrag gegeben worden, die den Erfolg der Methode überprüfen soll. Dann kommt der erste Jahrgang von Schülern, die mit den neuen Lehrmitteln unterrichtet werden, aus der Schule. «Wir wollen wissen, ob die Kinder unsere Ziele erreichen können», sagt Gschwind.