Sozialgipfel

Der Gipfel der Enttabuisierung

Die Armut halbieren: Im Kanton Bern leben 90 000 arme Menschen. Am Sozialgipfel wurden Massnahmen der Armutsbekämpfung diskutiert.

Sozialgipfel

Die Armut halbieren: Im Kanton Bern leben 90 000 arme Menschen. Am Sozialgipfel wurden Massnahmen der Armutsbekämpfung diskutiert.

Die Bekämpfung der Armut war Thema des 1. Berner Sozialgipfels. Am hilfreichsten gegen Armut ist Erwerbstätigkeit – nur sind die Zeiten für viele gerade nicht so günstig.

Johannes Reichen

In der reichen Schweiz sei Armut ein wenig bekanntes Phänomen, sagte Philippe Perrenoud (SP) gestern am Berner Sozialgipfel des Kantons. Und so verfolgte der bernische Gesundheits- und Fürsorgedirektor mit dem erstmals durchgeführten Anlass zwei Ziele. Er soll dazu beitragen, dass Armut erstens in der öffentlichen Diskussion auftaucht - und zweitens aus dem wirklichen Leben vieler Menschen verschwindet.

Vom Sozialgipfel erhoffe er sich Anregungen und Vorschläge, sagte Perrenoud vor den Teilnehmern und zuvor vor den Medien. Rund 150 Personen von Behörden, Wirtschaft, Politik und sozialen Institutionen waren im «UniS»-Gebäude der Universität Bern zugegen und verfolgten Referate von Fachleuten und besuchten verschiedene Workshops.

«Schockierend und beunruhigend»

Vor einem halben Jahr präsentierte Perrenoud den ersten Berner Sozialbericht. «Schockierend und beunruhigend» seien die Zahlen. Jede zehnte Person im Kanton Bern lebt in Armut, wies der Bericht aus. Um Armut zu bekämpfen, brauche es eine demokratische Auseinandersetzung. Und in dieser sei der Berner Sozialgipfel ein «Meilenstein», so der Regierungsrat.

Unterstützung erhielt er von Partei- und Regierungsratskollege Andreas Rickenbacher. «Wo der Reichtum verbreitet ist, herrscht eine versteckte Armut», sagte der Volkswirtschaftsdirektor. Und «gerade in dieser Phase» der Wirtschaftskrise sei es wichtig, dass man sich um die Armen kümmere.

«Die Schwächsten bedroht»

Die Erwerbsarbeit war dominierendes Thema des Sozialgipfels. Ziel sei es, «möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich in die Arbeitswelt zu integrieren», sagte Perrenoud. Wie der Sozialbericht ausgewiesen hatte, ist ein Drittel der Sozialhilfeempfänger im Kanton Bern berufstätig.

Die Wirtschafts- und Arbeitspolitik seien zentrale Instrumente im Bestreben, die Armut zu bekämpfen, sagte Rickenbacher. Das Problem müsse über die fachlichen Grenzen hinweg angegangen werden. «Die massive aktuelle Wirtschaftskrise bedroht besonders die Schwächsten im Arbeitsmarkt.»

«Ein Ensemble von Massnahmen»

Neben den beiden Regierungsräten referierten weitere Fachleute. Die mit dem Sozialgipfel verbundene «Enttabuisierung» sei eine wichtig Grundlage für Lösungen, sagte Roland A. Müller vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Die Arbeitgeber unterstützten eine aktivierende Sozialpolitik mit Teillohn-Modellen, Sozialfirmen und Beschäftigungsprogrammen. Ein existenzsicherndes Einkommen ohne Eigenleistung des Betroffenen sei dagegen der falsche Ansatz.

Eine «umfassende und kohärente Strategie» ist für Hans-Peter Furrer, Präsident der Menschenrechtsbewegung ATD Vierte Welt Schweiz, wichtig. Sie müsse den Schutz der Familie, ein zureichendes Einkommen, den Zugang zu Bildung und Arbeit und den Gesundheitsschutz umfassen.

Für Ludwig Gärtner, Vizedirektor des Bundesamts für Sozialversicherungen, sind drei Faktoren entscheidend für das Armutsrisiko: soziale Infrastrukturen wie etwa familienergänzende Kinderbetreuung, der Arbeitsmarkt und die soziale Sicherheit wie etwa Sozialleistungen. «Ein Ensemble von Systemen und Massnahmen» sei nötig für die Bekämpfung von Armut.

«Gegen die Misere ankämpfen»

Ein paar Vorschläge wurden gestern gemacht: mehr familienergänzende Kinderbetreuung, existenzsichernde Löhne, Ergänzungsleistungen für Familien. Bis in zehn Jahren will Philippe Perrenoud die Armut im Kanton Bern halbieren - und in ein paar Monaten einen Aktionsplan vorlegen. Die Ergebnisse des Gipfels seien eine «ausgezeichnete Grundlage».

Man dürfe nicht vergessen, dass sich hinter der Armut «individuelle Existenzen verbergen, die jeden Tag gegen die Misere ankämpfen».

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