Schädlinge

Der Gast, der Gärtner und sein Gift

Buchsbaumzünslerraupe (Archiv)

Buchsbaumzünslerraupe (Archiv)

Die Abnehmer von putzigen Bäumchen sind die Armee, die dem Buchsbaumzünsler die Invasion besorgen. Die Käufer des billigen China-Importgrüns verteilen den Zünsler übers Land, schreibt der Pflanzenbiologe Andreas Diethelm.

«Der Buchsbaumzünsler breitet sich momentan überdurchschnittlich aus», war kürzlich zu lesen. Da stellt sich zunächst die Frage nach seiner durchschnittlichen Ausbreitung: Die weiblichen Kleinfalter fliegen einfach so weit, bis sie eine saftige Weide, also frischen Buchs für ihre Brut vorfinden, wo sie dann ihre Eier zum optimalen Schutz im Innern des Geästs an die Unterseite der Blätter kleben. Nach bisherigen Beobachtungen geschieht dies kaum mehr als drei bis vier Kilometer entfernt.

Diese Nachtfalter mit nur 25 Millimeter Flügelspannweite sind zwar gute Flieger, aber nichts deutet darauf hin, dass sie dieses Jahr schneller oder weiter flögen als ehedem. Wer oder was ist also verantwortlich für ihre übernatürliche Ausbreitung? Es ist der globale Freihandel. Oder verbindlicher: Etwa Sie, liebe Kundin, lieber Kunde? Die Abnehmer der putzigen Bäumchen sind nämlich die Armee, die dem Zünsler die Invasion besorgen. Die Käufer des billigen China-Importgrüns verteilen den Zünsler übers Land.

Raupen werden kostenlos mitgliefert

Während die kugelförmig oder sonst wie getrimmten Bäumchen alljährlich im Sonderangebot stehen, werden die Raupen kostenlos mitgeliefert, aber nicht ohne Kostenfolgen. Der Anbieter kann darauf zählen, dass der Kunde wiederkommt und sich für das abgeweidete Exemplar Ersatz beschafft und gleichzeitig nach Gift fragt. Die Regulierungsbehörde hätte diesen kapitalen Unsinn schon vor 5Jahren stoppen können, der Zünsler Diaphania perspectalis steht immerhin seit 2007 auf der Frühwarnliste der Internationalen Pflanzenschutzorganisation EPPO.

Das Bundesamt möchte aber dem «grünen» Gewerbe das Geschäft mit dem Importgewächs und dem teuren Schweizer Gift – euphemistisch Pflanzenschutz genannt – nicht vermiesen und nimmt damit bedeutende Kalamitäten bewusst in Kauf, denn die Raupen ernähren sich nicht allein von den Bäumchen, auf denen sie eingereist sind, sondern mindesten so gern von alten Park- und raren Wildbuchsbeständen.

So etwa von der botanischen Sehenswürdigkeit am Südhang des Dinkelbergs, dem Grenzacher Buchswald. Unter diesem Namen bekannt ist – oder war – das bedeutendste cisalpine Buchsrelikt aus römischer Zeit. Das dichte, harte, dunkle Laub des mitunter vier Meter hohen strauchartigen Baums verbreitete bis vor wenigen Jahren eine Ahnung von Ligurien am Rheinknie. Auf dem Kühwegle mochte die Seele des Spaziergängers der Hektik des Alltags enthoben, die bloss einen Steinwurf entfernten Anlagen der Basler Chemischen Industrie zurücklassend, in südliche Gefilde driften, in lombardische Gärten, in Veroneser Nächte.

Virtuoser Breakdance am Hochseil

Nurmehr graue Gerippe sind von Buxus sempervirens, dem «immergrünen» Buchs zurückgeblieben. Da und dort begegnet man auf dem Kühwegle einer grün-schwarz-gelben zwischen Himmel und Erde schwebenden Raupe, sie seilt sich ab, wenn es oben nichts mehr zu futtern gibt oder Ungemach droht. Bei Berührung führt sie einen virtuosen Breakdance am Hochseil auf. Die Raupen des Zünslers haben mit dem gravitätischen Buchsbestand radikal aufgeräumt.

Während das Bundesamt zuschaut, könnten wir den Gemeinde- und Stadtgärtnern besser auf die Finger schauen. Letztere sind nicht unschuldig an der gegenwärtigen Entwicklung, und gerade sie hätten Vorbildfunktion. Und als Privatkunde gescheiter werden steht ja andererseits nicht unter Strafe. Es gibt nämlich Alternativen zum Buchs, vom unsäglichen Kirschlorbeer abgesehen. Wenn schon ganzjähriger Sichtschutz gewünscht wird, so bieten sich neben Liguster etwa Blutbuche und Eibe an.

Die Raupen sind Überlebenskünstler

Fachleute, die gegen die Raupen zu Bienengiften raten, und solche sind die gegen den Zünsler wirksamen Gifte, disqualifizieren sich selber. Die Raupen sind ausserdem wahre Überlebenskünstler, man erreicht sie kaum, es sei denn, man ertränke jede einzeln im Gift. Da kann man sie aber geradeso gut ablesen, oder an einem noch kühlen Morgen herunterschütteln und einsammeln, und wenn nötig die restlichen mit einem Wasserstrahl wegspülen. Bei diesem Vorgehen werden die Verfolger des Zünslers aber nicht mitvernichtet. Und der Aufwand ist mässig, die meisten Privatleute umgeben sich ja nicht mit einer ausgewachsenen Buchsplantage. Und wer’s tut, kann schlimmstenfalls die Infektion mit dem Bakterium Bacillus thuringiensis in Betracht ziehen.

Wer aber die Eliminierung alles Störenden mit Gift unbedingt für angemessen hält oder selber betreibt, kann als Eigentherapie sich mit einem Feldstecher, und vor allem etwas Zeit, in einen Naturgarten setzen, oder an einen Teich, und sich vom geschäftigen Treiben faszinieren lassen. Die Lust, den sich offenbarenden Mikrokosmos aus Ordnungsliebe zu vergiften, dürfte sich in Staunen auflösen und der Erkenntnis Platz machen, dass diese über Jahrmillionen geknüpften und bewährten Wechselbeziehungen wohl effizienter gestaltet sein müssen, als unsere (Spritz-)Pläne es verheissen.

*Andreas Diethelm ist Pflanzenbiologe, Pflanzenschutz- und Umweltberater aus Zürich

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