«Ich sage es ganz offen und ehrlich – ich habe nicht erahnt, was der Vorstoss auslösen wird», sagt Nationalrat Matthias Aebischer (SP/BE). Gemeint ist seine Motion für ein «Importverbot für tierquälerisch erzeugte Produkte», die in der grossen Kammer im Juni überraschend eine Mehrheit gefunden hatte. Neben der vereinigten Linken und grossen Teilen der CVP stimmte damals auch eine bäuerliche Minderheit der SVP für das Anliegen.

Seither hat der Wind gedreht: Im Ständerat wird die Motion am Mittwoch keine Chance haben. Die vorberatende Kommission setzt stattdessen auf ein Postulat. Ein Bericht soll aufzeigen, wie die obligatorische Deklaration der Herstellungsmethoden von Nahrungsmitteln verstärkt werden kann. Wenn zum Beispiel das Huhn nicht gemäss Schweizer Normen aufgezogen worden ist, soll dies auf der Packung speziell vermerkt werden. Mit anderen Worten: Von der ursprünglichen Absicht der Motion ist nicht viel übrig geblieben.

«Aggressives Lobbying»

Was ist zwischen Juni und November also passiert? Aebischer beklagt ein «überaus aggressives Lobbying», das von der zahlungskräftigen Uhren- und Nahrungsmittelbranche Genfs ausgegangen sei und seine Wirkung offenbar nicht verfehlt hat. Mehrere Parlamentarier, die im Juni noch den Ja-Knopf drückten, stellen sich nun dagegen: «Mir war nicht bewusst, dass die kulinarische Tradition der Romandie in Gefahr wäre», sagt etwa Alice Glauser (SVP/VD).

In der Tat hat in der Westschweiz jüngst eine virulente öffentliche Diskussion stattgefunden. Denn Aebischers Motion richtet sich nicht nur gegen Pelze oder Leder aus tierschutzwidriger Produktion, sondern unter anderem auch gegen den Import von Foie Gras (auf Deutsch: Stopfleber). Diese stammt von zwangsgemästeten Enten und Gänsen – und wird ennet der Saane bei festlichen Anlässen überaus gerne serviert. Im Vergleich zur Deutschschweiz ist der Konsum deutlich höher, ja es tut sich ein eigentlicher «Foie-Graben» auf. «Weihnachten ohne Foie Gras wäre schon ziemlich trist», sagt Glauser.

Die Stopfleber ist allerdings nur das offensichtlichste Nahrungsmittel, das die kulinarischen Unterschiede innerhalb des Landes unterstreicht. «Die Romands sind in kulinarischer Hinsicht den Franzosen näher», sagt Bernard Ravet, Besitzer des hochdekorierten Restaurants «L’Ermitage» in Vufflens-le-Château. Das beziehe sich auf Zutaten wie Foie Gras, Froschschenkel und Schnecken, die er häufig in seine Menus aufnehme. Aber nicht nur: «Die Sensibilität fürs Essen ist in der Romandie eine andere», sagt er.

Auch für Ständerätin Géraldine Savary (SP/VD) hat «das gute Essen» in der Westschweiz einen höheren Stellenwert. «Es gehört zu unserem kulturellen Erbe – mehr als in der Deutschschweiz», sagt sie. Savary präsidiert die Vereinigung AOP-IGP, die traditionelle Spezialitäten mit einer starken Verbindung zu ihrer Ursprungsregion auszeichnet. Von den 33 Produkten kommt eine Mehrheit aus der Romandie – für Savary kein Zufall.

Froschschenkel bald passé?

Dass sich der Ständerat heute nicht für das Importverbot für tierquälerisch erzeugte Produkte aussprechen wird, ist für Foie-Gras-Liebhaber ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. Die damit losgetretene Diskussion dürfte dennoch nicht so schnell beendet sein – zumindest nicht für Produkte, die auch in der Romandie nicht ganz so populär sind wie die Stopfleber. Motionär Aebischer wagt eine Prognose: «Ich bin überzeugt, dass man hierzulande in 20 Jahren keine Froschschenkel und keinen Pelz aus zweifelhafter Produktion mehr kaufen kann.»