Am Anfang war ein Briefkasten. Eine Scheinfirma an bester Adresse in London. Ihr Name: Vector Aerospace LLP.

Dass die Firma öffentlich bekannt wurde, hat mit Österreich zu tun. Unser Nachbarland beschloss 2002, Eurofighter-Kampfjets von EADS (heute Airbus) zu kaufen. Bald kam Schmiergeldverdacht auf, 2007 stiess der Untersuchungsausschuss des österreichischen Parlaments unter Peter Pilz (Grüne) auf die Vector. Sie hatte eine Zahlung an einen Waffenhändler geleistet.

In seiner jüngsten Ausgabe spricht der deutsche «Spiegel» davon, dass der Londoner Geldbriefkasten nicht nur beim Kampfjetgeschäft in Österreich zum Einsatz kam. Sondern weltweit als «Schmiernippel» diente, gerade auch beim Verkauf von Passagierjets. Als Verdachtsfälle nennt der «Spiegel» Sri Lanka, Indonesien, China, Tunesien, Kasachstan, Mali. Demnach wäre die Vector eine schwarze Kasse, gefüllt mit über 100 Millionen Euro von EADS.

Irreführender Firmenname

Die These, dass es bei der Vector nicht nur um Österreich ging, ist nicht ganz neu. Und sie lässt sich sogar an offiziellen Unterlagen festmachen.

Die Vector wurde 2004 im britischen Handelsregister eingetragen, wie Recherchen der «Nordwestschweiz» zeigen. Gegründet wurde sie seltsamerweise von einer Anwaltskanzlei in Washington DC, USA. Und der Name Vector Aerospace war kein Zufall: In Kanada gab es eine Firma gleichen Namens, die im Flugzeugunterhalt tätig war und später von EADS übernommen wurde. Auf den ersten Blick sah die Vector also unverfänglich aus, wie der Ableger eines real existierenden Unternehmens, das mit EADS zusammenarbeitete.

Verräterischer Firmenzweck

Verräterischer ist der Zweck der Firma, der im Handelsregister angegeben wurde: Er veränderte sich im Lauf der Jahre.

Im Geschäftsbericht 2005, Anfang 2007 eingereicht, lautete der Zweck: Management und Koordination von Gegengeschäften. Vector entwickle «Offset im Kontext mit Ausrüstungsverkauf an die Republik Österreich». Ein Hinweis auf EADS erschien nicht.

Anfang 2007 begann der «Blick» den Vector-Hintergrund zu recherchieren, weil der Eurofighter auch in der Schweiz im Rennen als neuer Kampfjet war. Hinter der Vector fand er ein Geflecht von Briefkastenfirmen, das auf den British Virgin Islands endete und stellte Fragen an EADS: Wem gehört die Vector, was macht sie? EADS antwortete: «Wir sind nicht an Vector beteiligt.»

Doch parallel dazu begann sich die deutsche EADS abzusichern. Im Vector-Geschäftsbericht 2006, im November 2007 abgeliefert, stand nun plötzlich: Die Vector arbeitet im Auftrag von EADS. Der Rüstungskonzern gab sich also als Auftraggeber zu erkennen.

Plötzlich weltweit tätig

Ab 2008 machte die Vector gewaltig Schlagzeilen. In der Schweiz. Aber vor allem in Österreich, wo Leute wie Pilz Druck auf Aufklärung machten.

Und siehe da: Im Geschäftsbericht 2008 (eingereicht 2009) stand nun zum Zweck der Vector: «Während sie ursprünglich geschaffen wurde, um Vertragsrisiken eines Hauptkunden zu erwerben und zu verwalten, hat die LLP ihr Geschäftsmodell signifikant ausgeweitet.» Sie sei jetzt «weltweit über ein Netzwerk von gut etablierten internationalen Partnern» tätig. Plötzlich war die Vector also global tätig.

Im gleichen Geschäftsbericht wurde auch ein anderer Eigentümer der Vector genannt. Zuvor waren immer zwei Briefkastenfirmen mit Sitz in London als «kontrollierende Partei» aufgeführt worden. Doch nun war plötzlich ein Trust auf der Isle of Man «die letztlich kontrollierende Partei».

Die Schlinge zog sich zusammen. Vollends düster wurde es für EADS/Airbus im März 2011. Die italienische Justiz verhaftete Gianfranco Lande, den «Manager» der Vector. Verhaftet wurde er indes nicht, weil er für Airbus womöglich eine schwarze Kasse geführt hatte. Sondern weil der Italiener ein Anlagebetrüger im Stile von Madoff war. Er hatte vornehmlich im Römer Nobelviertel Parioli Tausende von reichen Italienern um Millionen erleichtert.

Eurofighter ist erneut im Schweizer Kampfjet-Rennen. Ob der Fall Vector Ableger zu uns hat, ist unklar. Airbus dementiert die meisten Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft am Airbus-Sitz München dürfte bald Anklage erheben. «Wir ermitteln seit 2012 wegen Verdachts der Untreue und anderem gegen nunmehr 16 Beschuldigte», sagt Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl.