Extremisten
Der Dschihadist unter uns - Bundesanwaltschaft ermittelt in 20 Verfahren

Sie fliegen Gleitschirm, mögen Fussball und propagieren den Dschihad – die Schweizer «Gotteskrieger». Die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt in 20 Verfahren gegen IS-Kämpfer.

Daniel Fuchs
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Bei den Schweizer Ermittlungen machen Dschihadisten, die nach Syrien gereist sind, nur einen Teil aus. (Archiv)

Bei den Schweizer Ermittlungen machen Dschihadisten, die nach Syrien gereist sind, nur einen Teil aus. (Archiv)

Keystone

Seit Montag steht in Deutschland erstmals ein Mann vor Gericht, weil er in Syrien für die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) gekämpft hat. Der 20-jährige Deutsche mit kosovarischen Wurzeln war gut integriert, ehe er im Juli 2013 für ein halbes Jahr nach Syrien reiste. Dort soll er an Kampfhandlungen des IS beteiligt gewesen sein, nur Monate, nachdem er in der Heimat Fussball gespielt hatte. Und das in einem jüdischen Verein.

Die deutsche Bundesanwaltschaft ermittelt in 140 Verfahren gegen IS-Kämpfer. Hierzulande sind es nur 20, wie die hiesige Bundesanwaltschaft zum «Tages-Anzeiger» sagte. Zu einem Gerichtsprozess wegen der Mitgliedschaft bei der Terrormiliz IS kam es in der Schweiz bislang nicht.

Er mag Kuchen und Fussball

Bei den Schweizer Ermittlungen machen Dschihadisten, die nach Syrien gereist sind, nur einen Teil aus. Die Bundeskriminalpolizei ermittelt auch wegen der Verbreitung von IS-Propaganda im Internet. Der Blick auf Social-Media-Plattformen genügt: Weder die Facebook-Seite des von Schweizer Konvertiten und Salafisten geprägten Islamischen Zentralrats (IZRS) noch der Facebook-Auftritt aufgeschlossener Muslime ist gefeit vor den verstörenden Kommentaren der Extremisten.

In einem auf der Facebook-Seite des IZRS geposteten Beitrags distanziert sich ein muslimischer Gelehrter von «Denken und Methode» der IS-Milizionäre, jedoch nicht ohne das Eingreifen der USA aus «Eigeninteresse» gegen dieselben zu geisseln. Ein gewisser Sadri S. aus Bern kommentiert den Beitrag mit den Worten: «Wir sollten uns nie distanzieren von unseren Brüdern. Traurig, dass so etwas passiert.»

Mit seinen Brüdern meint der vom Balkan stammende Sadri die Kämpfer im IS-Kalifat. Auf der Facebook-Seite des jungen Mannes sieht man Dschihadisten in Kampfmontur, schwarze IS-Flaggen und andere Sympathie-Bekundungen. Sadri mag aber auch Kuchen und er outet sich als ganz normaler Fussball-Fan. Von Clubs wie Bayern-München oder Manchester United scheint er besonders angetan zu sein. Offensichtlich ist er jüngst Vater geworden: Stolz posiert Sadri vor dem neugeborenen Kind, nur um weiter unten ein Kalifat im Kosovo zu propagieren und zu fordern, dem diebischen Direktor der albanischen Zentralbank seien die Hände abzuhacken.

Die Wurzeln auf dem Balkan

Zwar gibt es keine Anzeichen, dass der Berner ins Kriegsgebiet gereist ist oder sich demnächst dorthin aufmacht. Jedoch scheint der junge Mann ein typisches Muster der wachsenden Schweizer Dschihad-Community zu erfüllen: In einem Bericht vom Juli schreibt der ETH-Sicherheitsexperte Lorenzo Vidino, dass die für Schweizer Verhältnisse grosse Anzahl Dschihadreisender von auffällig vielen jungen Menschen mit Wurzeln auf dem Balkan geprägt ist.

Dass es aber nicht nur Secondos sowie Abkömmlinge muslimischer Familien sind, die sich von den Allmachtsfantasien der IS-Terroristen verleiten lassen, zeigt das Beispiel des Westschweizer Professorensohns Mathieu A. Obwohl die Indizienlage für dessen Reise in den Dschihad kaum besser sein könnte, ist das Verfahren gegen den 29-jährigen Gleitschirmpiloten und Konvertiten noch nicht abgeschlossen. Der Unterwalliser darf seinen Gleitschirm unbehelligt weiterfliegen.