Missbrauch
Der CVP laufen die Schäfchen davon

Die CVP legt Wert auf ihre Unabhängigkeit von der Kirche. Trotzdem: Die Partei ist nach wie vor katholisch geprägt. Entsprechend nervös reagiert mancher Christdemokrat auf den Pädophilen-Skandal.

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Gieri Cavelty

Christophe Darbellay ging als erster in die Offensive: Vor allen anderen forderte der CVP-Präsident eine schwarze Liste für pädophile Priester. Darbellay agierte dabei durchaus glaubhaft: Der Walliser wollte aktenkundigen Pädophilen schon vor Jahren den Umgang mit Minderjährigen per Gesetz verbieten, und er unterstützte die Volksinitiative für die Unverjährbarkeit pornographischer Straftaten an Kindern.

Trotzdem: «Die Debatte um die pädophilen Priester und die Rolle der Kirche wird der CVP schaden», seufzt CVP-Ständerat Bruno Frick. «Unsere Partei wird nach wie vor stark mit dem Katholizismus assoziiert.» Diese Befürchtung äussert auch Daniel Kast - er leitet für die CVP den Wahlkampf im Kanton Bern, wo dieses Wochenende Regierung und Parlament neu bestellt werden: «Die eine oder andere wichtige Stimme werden wir wegen der Verfehlungen der Kirche fraglos verlieren.»

77 Prozent der Wähler sind katholisch

Bis 1971 bildeten die Katholisch-Konservativen den politischen Arm des Vatikans in der Schweiz. Dann taufte sich die Partei in Christlichdemokratische Volkspartei um. Seither bemüht sie sich um eine politische Öffnung, und sie ist in verschiedenen Fragen auch offen auf Konfrontationskurs zur Kirche gegangen. Katholisch ist die CVP gleichwohl geblieben: Von den 46 Bundesparlamentariern ist die Aargauer Nationalrätin Esther Egger-Wyss die einzige Nicht-Katholikin. Ebenso eindeutig ist ein Blick auf das Elektorat bei den eidgenössischen Wahlen 2007: Nach den Berechnungen des Politologen Georg Lutz waren 77 Prozent der CVP-Wähler Katholiken, bloss 13 Prozent Protestanten.

Lutz weist zwar auf eine sanfte Entkoppelung zwischen Katholizismus und Partei hin: Bei den Wahlen von 1995 kamen auf 87 Katholiken 9 Protestanten. Gerade um diese neuen, von der Kirche unabhängigen Wählerschichten bangt nun aber CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener. Er sagt: «Wir werden besonders jene Sympathisanten verlieren, welche die Partei in den letzten Jahren mit ihrem Öffnungskurs gewonnen hat.»

2004 liess die damalige CVP-Führungsriege einen Versuchsballon steigen: Parteipräsidentin Doris Leuthard und Generalsekretär Reto Nause dachten halblaut darüber nach, das hohe «C» aus dem Parteinamen zu streichen. Allerdings wurde die Debatte so rasch beendet, wie sie angestossen wurde: Das Echo in der Fraktion war zu eindeutig negativ. Im Hinblick auf die Wahlen 2011 will die Partei das «C» nun wieder diskutieren. Von einer Streichung ist indes nicht mehr Rede, im Gegenteil: «Gemäss unserer Überzeugung ist das ‹C› ein wertvoller Kompass in Umbruchszeiten», sagt Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz, welche die zuständige Arbeitsgruppe leitet. Wenn sich die Basis nun in einer breit angelegten Umfrage zum «C» äussern soll, dann zur Frage nach dessen Bedeutung in aktuellen Themenbereichen. Zu Deutsch: Die Arbeitsgruppe um Meier-Schatz möchte das «C» ein Stück weit ins Zentrum des CVP-Wahlkampfes 2011 stellen. Die aktuelle Diskussion um pädophile Priester bringt Meier-Schatz von diesem Weg keineswegs ab. Ihr ist es vielmehr ein Anliegen, die Hoheit über die Begriffe «christlich» und auch «katholisch» nicht der Kirche zu überlassen.

CVP-Nationalrätin Kathy Riklin graut es zwar unüberhörbar vor einer Hervorhebung des «C». Eine Streichung des Buchstabens aus dem Parteinamen kommt für sie allerdings auch nicht in Frage - wenigstens nicht heute: «Aus der Not heraus darf man keine so wichtige Diskussion führen», sagt sie. «Wenn schon, soll man über das ‹C› diskutieren, wenn sich die Situation beruhigt hat.»

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