Syrien
Der Bürgerkriegs-Hölle entkommen: «Wir waren weniger wert als Tiere»

Die Flüchtlingsfamilie Al Husni erlebte die Hölle des syrischen Bürgerkriegs hautnah mit. Nun leben sie in der Schweizer Provinz und sind dankbar - für die Aufnahme und dafür, dass die Regierung hier Respekt vor dem Volk habe. Ein Besuch.

Antonio Fumagalli
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Familie Al Husni ist aus Homs, Syrien, in die Schweiz geflüchtet (von links nach rechts): Tochter Lelaf, Vater Fouad Al Husni, Sohn Mohamed, Tochter Douaa, Grossmutter Chloud Said, Tochter Maria, Mutter Fadija Arab und Tochter Natalie. Fotos: Daniel Rihs/Pixsil

Familie Al Husni ist aus Homs, Syrien, in die Schweiz geflüchtet (von links nach rechts): Tochter Lelaf, Vater Fouad Al Husni, Sohn Mohamed, Tochter Douaa, Grossmutter Chloud Said, Tochter Maria, Mutter Fadija Arab und Tochter Natalie. Fotos: Daniel Rihs/Pixsil

Eine Hand. Ein Kopf. Ein Bein. Alles einzeln. Und so verkohlt, dass man nichts mehr erkannte. Das war der Moment, als sich Fouad Al Husni entschied, mit seiner Familie die geliebte Heimat zu verlassen. Er nahm sich nur noch Zeit, seine seit Wochen verschollene Schwester Zayneb, oder was die Regierungstruppen von ihr übrig gelassen hatten, zu beerdigen.

Al Husni, ein Hüne mit treuem Blick, schluckt mehrmals leer, wenn er von den letzten Tagen im westsyrischen Homs erzählt. Seine fünf Kinder sitzen auf dem Sofa und hören still zu. Er muss die Gräuel nicht vor ihnen verbergen. Was sie mit eigenen Augen gesehen haben, ist schlimmer als jede Erzählung.

Seit jenen Sommertagen sind fast drei Jahre vergangen. Drei Jahre, in denen sich im Leben der Al Husnis so ziemlich alles verändert hat. Zum Ungewissen. Und zum Besseren. Drei Jahre aber auch, in denen sich die Hoffnungen auf einen Waffenstillstand in der Heimat zerschlagen haben. Den diplomatischen Bemühungen des Westens mögen sie nicht mehr vertrauen. Von ihrem Haus in der Altstadt steht mittlerweile keine Wand mehr.

Die Schweiz kannten sie nicht

Die libanesische Grenze ist von dort nur gut dreissig Kilometer entfernt. In Friedenszeiten keine Stunde Autofahrt durch hübsches Hügelland. Wenn hinter jeder Strassenecke ein Scharfschütze lauern könnte, ein Wagnis mit unsicherem Ausgang. Dank Schleppern und dem grosszügigen Einsatz von Schmiergeld gelang es der Familie, sich bis in die libanesische Hauptstadt Beirut durchzuschlagen.

Alleine waren sie dort nicht, der Libanon platzt aus allen Nähten. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat 800 000 Flüchtlinge aus Syrien registriert - bei einer Bevölkerung von viereinhalb Millionen. Für Familie Al Husni hiess das: Zusammenrücken. Sie hatte Glück, dass sie überhaupt eine Wohnung fand. Man wohnte darin auf engem Raum mit der Familie eines Bruders von Fouad. Eine Weile ging das gut, aber die Ersparnisse wurden schnell knapp. Und die libanesischen Hisbollah-Milizen, die auf der Seite des syrischen Diktators Assad stehen, bezichtigten die Familie, mit den Rebellen zu kooperieren. Sie drohten mit Gewalt, die Flucht musste weitergehen.

Die Schweiz. Die Al Husnis wussten kaum, wo sich das Land befindet, als es die UNHCR-Vertreter zum ersten Mal nannten. Es war ihnen auch egal. Am Flughafen Zürich wartete ein Bus, der sie ins Aufnahmezentrum brachte.

Berndeutsch als Geheimsprache

Vater Fouad nimmt einen Schluck Kaffee und hält inne. Bis jetzt hat fast nur er gesprochen, die Übersetzerin kam manchmal kaum nach. Mutter Fadija Arab wiegt ihre jüngste Tochter in den Armen, sie ist gerade mal sechs Wochen alt. Von den Kriegswirren, der Flucht, den Asylzentren hat Klein Maria nichts mitgekriegt. Nicht, dass die Familie zuerst im waadtländischen Vallorbe aufgenommen wurde. Nicht, dass sie sich in der nächsten Station Interlaken wohlfühlte. Nicht, dass sie mit der Hilfe des Roten Kreuzes schliesslich eine Wohnung im bernischen Schwarzenburg fand.

Dort leben sie jetzt seit zehn Monaten. Und verbringen mehr Zeit in den eigenen vier Wänden, als ihnen lieb ist. «Ich würde gerne wieder arbeiten», sagt Vater Fouad, ein gelernter Taxifahrer. Als Chauffeur, in einer Bäckerei, er sei für Vieles offen. Doch zuerst müsse er gut Deutsch lernen.

Als Vorbild dienen die eigenen Kinder. Die zehnjährige Natalie, die neunjährige Douaa und der achtjährige Mohamed haben in der Schule bereits so viel aufgesogen, dass sie sich untereinander auf Berndeutsch unterhalten. «Es ist ihre Geheimsprache», sagt die Mutter. Sie sage ihnen manchmal, dass sie sie schon verstehe. Aber das sei geflunkert, sagt sie und lächelt nicht ohne Bitterkeit.

Respekt vor dem eigenen Volk

Ohne Kinder wären sie freilich noch viel hilfloser. Der Schulbrief mit den Informationen zur Masernepidemie? Die Tochter muss ihn übersetzen. Nachbarn, mit denen man mal abmachen könnte? Für den Sohn kein Problem, für die Eltern unmöglich. Doch die Al Husnis wollen nicht klagen. Zu dankbar sind sie, dass sie in der Schweiz Zuflucht finden konnten. Dass sie von Organisationen betreut werden, die sich um sie kümmern. Dass sie nicht einschlafen müssen mit der Angst, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen. Und sie empfinden als grösste Errungenschaft der Schweiz, was Abstimmungsgewinner regelmässig infrage stellen: dass die Regierung Respekt vor dem eigenen Volk hat. «In der Schweiz hat sogar ein Tier mehr wert als ein Mensch in Syrien», sagt Fouad.

Mohamed, der Erstklässler, mag nicht mehr stillsitzen. Er tippelt mit den Füssen auf den Boden. Da mischt sich zum ersten Mal die Grossmutter ein, die letztes Jahr im Rahmen des erleichterten Familiennachzugs in die Schweiz gekommen ist und während des ganzen Gesprächs regungslos in der Ecke sass. Mit strengem Blick schaut sie den Jungen an und murmelt ein paar Worte auf Arabisch. Sie wird etwas von Anstand und Respekt vor den Fremden gesagt haben, auf jeden Fall macht Mohamed keinen Mucks mehr.

Im gleichen Kanton - aber selten Besuche

Es ist der bedingungslose Zusammenhalt der Familie, der die Al Husnis die Gegenwart bewältigen lässt. An die Zukunft wagen sie nicht zu denken. Klar träumen sie davon, eines Tages in die Heimat zurückzukehren. Realistisch ist es in absehbarer Zeit nicht. Den Eltern ist bewusst, dass die Kinder mit jedem Tag in der Schweiz verwurzelter sind, auch wenn diese betonen, wie sehr sie ihre Spielkameraden von zu Hause vermissen. Als Ersatz könnten die zahlreichen Cousins dienen, schliesslich wohnen sie im gleichen Kanton - mehreren Brüdern von Fouad wurde in der Region Interlaken eine Bleibe vermittelt. Doch einige Verwandte haben sie seit dem Neujahrsfest nicht mehr gesehen. Der Kanton Bern ist gross und Schweizer Zugbillette sind teuer.

So tauschen sie sich übers Telefon aus. Schreiben, mit welchem Schweizer Mehl man das beste Fladenbrot herstellt. Geben sich Tipps, wenn ein Termin beim Migrationsamt ansteht. Und sie schicken sich die neusten Nachrichten von zu Hause. Es sind zumeist düstere Berichte, gerade erst wurde ihre Heimatstadt Homs wieder von den Regierungstruppen eingenommen. Da wirkte die Nachricht, die ihnen das UNHCR vor einigen Monaten übermittelte, so surreal, dass sie die Al Husnis am Anfang gar nicht glauben wollten: Man habe in einem jordanischen Flüchtlingslager eine Verwandte aufgegriffen. Es war Fouads Schwester Zayneb. Sie lebt.