Könige der Schweiz
Der «Burgerking» führte Zermatt aus den Schuldenelend in den Erfolg

2001 wurde Andreas Biner, Anwalt, Notar und Partner einer Kanzlei in Zermatt, erstmals von den Burgern zu ihrem Präsidenten gewählt. Er führte die Burgergemeinde aus der Überschuldung in den Erfolg.

Roman Seiler, Zermatt
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Andreas Biner: «Unsere Betriebe waren am Boden.»

Andreas Biner: «Unsere Betriebe waren am Boden.»

Mathias Marx

Der König der Alpen will dem «Burgerking» unten im Dorf die Show nicht stehlen. Das Matterhorn verbirgt sich hinter weissem Gewölk. Andreas Biner (47) thront in der von den Apfelschimmeln «Manuela» und «Pepe» gezogenen schwarzen Kutsche «seines» «Zermatterhofs». Eine filmreife Szene: Dutzende von Touristen aus aller Welt knipsen wie wild Biner mit der Krone.

Andreas Biner thront in der schwarzen Kutsche «seines» «Zermatterhofs».

Andreas Biner thront in der schwarzen Kutsche «seines» «Zermatterhofs».

Mathias Marx

Den etwas untersetzt wirkenden Anwalt, Notar und Partner einer Kanzlei in Zermatt VS wählten die Burger 2001 erstmals zu ihrem Präsidenten. «Verhältnismässig jung und unbedarft», sagt er. Heute nennen ihn die Jungen scherzhaft «Burgerking». Ein Titel, der ihm schmeichelt.

Der verheiratete Vater von zwei Kindern gehört zu einem der rund 30 alteingesessenen Clans, die in Zermatt das Sagen haben. Die können ihrem «King» heftig einheizen, wenn ihnen etwas nicht passt. Den Aufdenblattens, Julens, Perrens, Taugwalders oder Zurniwens gehören entweder die meisten Hotels und Gewerbebetriebe, oder sie sind Bergführer und Skilehrer. Ihre Wappen zieren die Bar des Fünf-Sterne-Hotels Zermatterhof, den die Burger zwischen 1876 und 1879 in Fronarbeit gebaut haben. Sie wollten auch vom aufkommenden Tourismus profitieren, wie der aus dem Goms eingewanderte Hotelpionier Alexander Seiler mit seinen Betrieben im Ort.

Rund 1500 Burger gibt es in Zermatt heute. Das entspricht einem knappen Viertel aller Einwohner. Sie verstehen ihre Burgergemeinde als «Tourismusmotor» der Destination. Sie ist ein Unternehmen mit bis zu 300 Mitarbeitern und 33 Millionen Franken Umsatz. Biner ist Verwaltungsratspräsident und CEO der Managementgesellschaft. Er regiert über drei Hotels und fast alle Bergrestaurants im Skigebiet. «Mit eiserner Faust», unken Einheimische.

Bei seinem Antritt war die Burgergemeinde «faktisch überschuldet», so Biner: «Unsere Betriebe waren am Boden und die Schuldenlast mit gegen 100 Millionen Franken extrem hoch. Zuvor sei die Burgergemeinde in einen Wachstumsrausch geraten.» Den «Burgernutzen», ein paar 100 Franken für jeden Burger pro Jahr, bezahlte Biners Vorgänger zuletzt mit gepumptem Geld.

Der «Burgerking» macht das günstiger: Jeder Burger erhält einen Konsumationsgutschein von 50 Franken, den er in einem der Betriebe des Unternehmens einlösen kann.

Das kann sich die Burgergemeinde leisten. Das Fremdkapital beläuft sich noch auf 58 Millionen Franken. «Wir sind finanziell gesund», sagt deren «King»: «Wir haben in den letzten Jahren 70 Millionen Franken investiert, ohne neue Schulden zu machen.» Neben der Restrukturierung hat der «Burgerking» die Burgergemeinde entpolitisiert und professionalisiert: «Das war die «Perestroika» von Zermatt.»

Dies war bitter nötig. Denn taumelt die Burgergemeinde in eine Krise, leidet die ganze Destination. Das sei man sich im Dorf bewusst geworden, sagt Biner. Heute ziehen alle am gleichen Strick, um Zermatt weiterzubringen. 1,2 Milliarden Franken will man im kommenden Jahrzehnt in die Destination investieren.

So ist Biners Titel eben nicht ererbt, sondern erarbeitet. Für seine vierte, Ende 2017 auslaufende Wahlperiode wählten ihn die Burger erneut mit rund 80 Prozent der Stimmen. «Insofern nehme ich für mich schon Anspruch, dass das Vertrauen da ist», sagt der «Burgerking» auf seine trockene Art und fügt an: «Wortspielereien wie ‹Burgerking› sind verrückt heikel.» Könige seien «absolute Herrscher»: «Das bin ich nicht. Ich versuche, meine Entscheide unter Berücksichtigung unterschiedlicher Meinungen zu treffen.» Er bemühe sich um eine Kultur der offenen Diskussion im Dorf. Er habe auch kein «ausserordentliches Sendungsbewusstsein»: «Ich mache, was ich machen muss.»

Nur eines wurmt ihn. Die Nachfahren von Alexander Seiler fügten ihm letztes Jahr eine herbe Niederlage zu. Sie kauften sich die Betriebsgesellschaft ihrer Hotels zurück, die heute einem Immobilienfonds der Credit Suisse gehören. Biner bot für die Burgergemeinde vergeblich mit. «So wie das abgelaufen ist, führte das nicht zu einer Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen», sagt Biner. Welch ein Coup wäre das gewesen: Dank des «Burgerkings» hätten die Burger die Hotels des «auswärtigen Parvenüs» geführt. So nannten die Alteingesessenen den Hotelkönig. Dessen Nachfahren waren dieses Mal die Schlaueren.