Energiewende
Der Bundesrat rechnet die Energiewende schön

Die Botschaft des Bundesrates zur Energiestrategie lässt wichtige Punkte offen. Die Marktöffnung macht viele gewohnte Geschäftsmodelle obsolet. Beim Ausbau des Netzes dürfte es zudem Einsprachen hageln.

Matthias Niklowitz
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Unterschätzt der Bundesrat die Kosten des Netzausbaus?

Unterschätzt der Bundesrat die Kosten des Netzausbaus?

Keystone

Das Netz ist ganz zentral für die Energiestrategie. Denn nur mit einem Netz, das auf die neuen zusätzlichen Quellen ausgerichtet ist, diese möglichst optimal mit den Verbrauchern verbindet und dann auch zeitgemässg gesteuert wird (Stichwort «Smart Grid») lässt sich die Strategie möglicherweise umsetzen.

Der Bericht des Bundesrates geht von rund 18 Milliarden Franken Netzkosten bis zum Jahr 2050 aus. Diese Schätzung dürfte laut Analysten massiv zu tief sein. Aus den Erfahrungen mit dem Umbau anderer europäischer Stromnetze lassen sich für einen grossen Umbau des Hochspannungsnetzes Kosten im hohen zweistelligen Milliardenbereich berechnen. Ein guter Anhaltspunkt ist der britische Netzbetreiber National Grid. Der hat sein 25 000 Kilometer langes Hoch- und Mittelspannungsnetz mit umgerechnet 67 Milliarden Franken in den Büchern. Von Energiewende sprechen die Briten erst leise. Aber alleine für die laufenden Investitionen in die Erschliessung der Windparks in der Nordsee kalkulieren die sparsamen Briten aktuell 3,3 Milliarden Pfund oder etwa 8 Prozent des Wertes ihres Netzes.

Zum Vergleich: Die Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid bewertet ihre 6700 Kilometer mit 2,6 Milliarden und gab 2011 129 Millionen Franken respektive 5 Prozent des Wertes für Investitionen aus. Zu den 2,6 Milliarden waren die Assets von den einzelnen Netzbetreibern in die Bücher von Swissgrid transferiert worden.

Alleine diese einfache Überschlagsrechnung zeigt eine krasse Unterbewertung der Schweizer Netze. Oder umgekehrt formuliert: Einen hohen Nachholbedarf beim Ausbau und Unterhalt.

Einsprachen erwartet

So oder so wird es ab jetzt teuer: Beim Ausbau im dicht bebauten Mittelland zu schweizerischen Preisen wird es Einsprachen wie seinerseits bei den AKW hageln. Einsprachen lassen sich mit unter den Boden verlegten Leitungen teilweise vermeiden, aber das verteuert den Ausbau weiter. Und auf der Ebene der Gemeinden, bei den lokalen Verteilnetzen, besteht ebenfalls viel Nachholbedarf. Viele kleinere EW haben jahrelang von der Substanz gelebt. Experten rechnen denn auch mit hohen zweistelligen Milliardensummen für den Um- und Ausbau des Hochspannungsnetzes und mit ebenso viel für das Verteilnetz.

Die Finanzprobleme bei Alpiq waren erst der Anfang, weitere Stromkonzerne werden laut Analysten folgen: Kraftwerke sind meist viel zu teuer in den Büchern, hohe Abschreiber sind unausweichlich und mit den ständig schrumpfenden Einnahmen aus dem laufenden operativen Geschäft lässt sich das nicht bewältigen. Stromkonzerne ähneln mit ihren grossen, illiquiden Anlagen teilweise eher den Zombie-Banken. Man kann sie nicht pleite gehen lassen.

Der Bundesrat spricht indes von 126 Milliarden Franken «für die ohnehin anstehende Erneuerung und den Betrieb des bestehenden Kraftwerkparkes.» Nur: Wie sollen die finanziert werden, wenn sich Investitionen gar nicht mehr lohnen? Über den freien europäischen Markt funktionieren die Spielregeln des Energiemarktes nicht mehr.

Anreiz für Import

Die Marktöffnung bringt vor allem einen Anreiz: Billiger Importstrom ersetzt teure einheimische Produktion. Wenn die schweizerischen Kraftwerke zu teuer produzieren, rechnet sich der Betrieb nicht mehr. Selbst der Betrieb von Wind- und Solarkraftwerken lohnt sich nur, wenn es eine Quersubventionierung durch die Einspeisevergütung gibt. Stromkonzerne könnten zwar den Stromhandel forcieren, aber das ist ein ganz anderes Geschäftsfeld mit eigenen Risiken.

Ein grosses Asset hat die Schweiz: Das Potenzial von Pumpspeicherwerken. Bisher gibt es keine so zweckmässige Speicherform mit hoher Energiedichte. Allerdings liegen die Spitzenstrompreise heute unter den Betriebskosten von Pumpspeicherwerken. Die Berner BKW verzichtet aus guten Gründen vorläufig auf ihr Grimsel-3-Projekt.