500 Jahre Reformation

Der Bergler, der im Tempo Teufel eine Stadt umpflügte

Zwinglis Denkmal steht einen Steinwurf entfernt von seiner alten Wirkungsstätte, dem Zürcher Grossmünster.

Zwinglis Denkmal steht einen Steinwurf entfernt von seiner alten Wirkungsstätte, dem Zürcher Grossmünster.

Vor 500 Jahren schob Huldrych Zwingli in Zürich die Reformation an. Über ein Jahr lang wird jetzt gefeiert.

Irgendetwas stimmte nicht an dieser Gestalt. Stimmte ganz und gar nicht. Oder dann war die Geschichte falsch. Zum Beispiel die Geschichte vom Keuschheitsgelübde und der nackten Verführung. Vom Gottesmann und der Dirne, Tochter eines Barbiers – eine Einsiedler Variante des Pariser Dramas um Diakon Frollo und Esmeralda, die Zigeunerin von «Notre-Dame».

Solche Geschichten passten einfach nicht zur Gestalt hier. Hier gefror ein vielgestaltiges Leben zu einem Bronzeblock, erstarrten vielerlei Wesenszüge, auch milde, zu einem Kriegerblick. Der Betrachter, klein zu Füssen des Mahnmals, blinzelt hoch zur ehernen Miene des Recken, der hinausschaut über alles Gekreuch, ohne Gnade selbst für den geringsten Ungläubigen noch den fernsten Feind.

Genau so hätte Leni Riefenstahl die Kamera draufgehalten – und die Bibel nicht beachtet, die der Held auch noch in Händen trug, tatsächlich eher beiläufig hinter dem Schwert. Lackiert man diesen Krieger schwarz, wird Darth Vader draus, nicht Huldrych Zwingli aus Zürich. «Star Wars» statt Reformation. Vielleicht würde das Denkmal dann auch öfter von Touristen fotografiert. Aktuell ist das kaum der Fall.

Kein wirklich stürmischer «Sturm»

Lange standen wir gestern allein vor dem Bronze-Zwingli bei der Wasserkirche in Zürich. Uns wurde wirklich nicht warm im Schatten des Finsterlings. Zwingli selber kann nichts dafür, dass ihn eine heldentümelnde Zeit, drei Jahrhunderte später, nach diesem Bild erschuf bzw. ein mediokrer Bildhauer namens Natter.

Warum wird die Statue dieses Komturs, frei nach Zwinglis Geist, nicht auch mal gestürmt und geschleift wie zu seiner Zeit die Heiligenbilder und Skulpturen in den Kirchen? Oder verkauft mit Erlös, der an die Armen ging, was mit jenen Bildern geschah, deren Besitzer oder Spender nicht ausfindig gemacht werden konnten – so «stürmisch» war jener Bildersturm nämlich nicht. Die Rede davon, den Darth-Vader-Zwingli an der Limmat endlich zu entfernen, ist jedenfalls schon lang.

Das Denkmal steht einen Steinwurf entfernt vom Grossmünster, das Zwinglis Wirkungsstätte gewesen war. Gestern Nachmittag wurde da der Deutschschweizer Auftakt gefeiert zu 500 Jahren Reformation. Mit Lichtspektakel, Sondermünze und Bundesrat. Wie neulich bei Calvin in Genf. Ins Grossmünster kam Johann Schneider-Ammann. Weiter waren da Regierungsvertreter von Kanton und Stadt und – natürlich – Spitzenleute der evangelischen Kirche, im Sinn der Reformation nicht papal-hierarchisch strukturiert, sondern als Bund.

Vom Grossmünster aus hatte Zwingli eine ganze Stadt umgekrempelt, mit Tempo Teufel in nur zwölf Jahren. Anders als Luther, «der germanische Herkules», der sachte ans Werk ging. Luther war wohl vom Temperament her feuriger, Zwingli dafür politisch umtriebiger.

Ohne Zwingli zwinglianischer

So wirkte dieser Bergler aus Wildhaus. Der fünfzehnjährige Student in Wien, immatrikuliert als «Udalricus Zwinglij de Glaris». Der Feldprediger in der Schlacht von Marignano. Der Bücherwurm noch spätnachts in der Klause, der das biblische Wort nahm zu seinem Fels. Schänder einer Barbiersmaid in Einsiedeln, reuiger Sünder trotz Ironie und nie erlahmendem Scharfsinn für die Heuchelei der Sittenrichter, die ihn nur verhindern wollten als Prediger in der Stadt (Zwinglis Konkurrent damals hatte sechs uneheliche Kinder). Sie warfen dem Hochmusikalischen sogar seine Freude an Gesang und dem Spielen von sechs Instrumenten vor.

In Zürich heiratete Zwingli, nach lange geheimer Liaison, eine Dame aus der lokalen Dünkelschicht, was ihm sofort den Zorn derselben eintrug. Selbst mit diesem Schritt krempelte er gleich alle Regeln um. Die Stadt liess fortan Scheidungen zu, ermöglichte der Jugend die eigene Wahl eines Bräutigams oder einer Braut, stärkte die Rolle der Frau, irreversibel für die kommenden Jahrhunderte. Es ist paradox: Ohne Zwingli wäre Zürich heute eine zwinglianischere Stadt.

Doch mit Zwingli will Zürich nichts mehr zu tun haben. Man gebärdet sich da heute hedonistisch, cool und mediterran. Es ist Nachahmung des Lebens als Lifestyle, Pose und Getue – alles wie gehabt: die einzige lokale Kulturerrungenschaft dieses Weltdorfs an Prätention. Harte Münze, falscher Glanz.

Ausgerechnet das aber passt in gewissem Mass wieder zu Zwingli, den sie belächeln. Auch Zwingli war sozusagen Eklektiker. Manche europäische Reformidee verschmolz in seinem Kopf zu einem eigenen, recht kristallin scheinendem Überzeugungsstoff. Darüber tauschte sich Zwingli europaweit in Briefen rege aus. Lebenslang geschätzte Geistesväter waren Erasmus von Rotterdam (1467–1536), der Humanist der Renaissance. Und Pico della Mirandola (1463–1494), der Florentiner Philosoph, der die Willensfreiheit des Menschen hervorhob, ausserdem ein Mann grosser Beredsamkeit.

Sechs wurden ertränkt

«Leutpriester» hiess in Zürich Zwinglis Amt. Also nicht Hauptpriester – dafür war Zwingli ungleich näher beim Volk. Ohne klerikale Filterblase, hatte er das Ohr stets bei den Leuten. Das bildete auch den Zungenschlag, vorteilhaft für einen Prediger, der rasch und breit wirken will. Das ganze Land wollte er reformieren und scheiterte schon in Kappel am Albis, am Rand der Innerschweiz. Da vierteilten und verbrannten sie ihn, den «Erzketzer».

Zwingli brauchte lange, bis in ihm gereift war, was er fortan «Wahrheit» nannte, angerufen und beschworen wie eine gottgleiche Instanz: «Die Wahrheit ist für mich, was die Sonne für die Welt.» Die Wahrheit stand in der Bibel, nirgends sonst. Über die Auslegung des Worts aber geriet er mit Deutschlands Reformator Luther dermassen in Streit, dass sich die beiden nach nur einem Treffen nie mehr sahen im Leben (auch Calvin in Genf war nicht unbedingt ein Bruder im Kampf).

«Bedeutete» Brot beim Abendmahl den Leib Christi, oder «war» es der Leib Christi? Diese haarspalterische Frage kostete Ströme von Blut. Heute neigt die Mehrheit, restlos aussäkularisiert, zu Zwinglis Auslegung, offen oder – wo noch immer anders bestimmt – insgeheim.

Da gäbe es aber weiter einen Mann, der bei der jetzigen Feier zu Ehren des Reformators sehr bitter sehr weit abseits stehen würde: Felix Manz. Manz wurde 1527 in der Limmat ersäuft. Nicht wegen Zwingli direkt, aber Zwingli sagte: «Es muss halt nun mal sein.» Das ist lau. Das leistet dem Verbrechen im Namen von irgendwas Übergeordnetem Vorschub.

Manz war Täufer, und die Täufer waren eigentlich Anhänger Zwinglis. Einfach radikaler als er. Wenn Zwingli keinen erhöhten Chor mehr wollte in der Kirche, noch einen erhöhten Altar, sondern einen Tisch für alle «im Gefletz», auf dem Boden im Kirchenschiff, für alle auf gleicher Augenhöhe, dann wollten Täufer gleich keinen Chef oder Vorprediger mehr. Das empfand die Obrigkeit als Aufruhr. Vor allem auch die politische Obrigkeit, mit der Zwingli in bestem Einvernehmen zusammenspannte – ohne Zürcher Ratsherren hätte es keine Reformation gegeben in Zürich. Also wurden die Täufer vor den Kadi gezerrt, gefoltert und – neben Manz – noch weitere fünf an der Schipfe ertränkt.

In einem Punkt «Taliban»

Zwingli also doch ein «Gotteskrieger»? Der so herzlos war und das Betteln auf den Strassen verbot? Ja, um die Versorgung der Armen ganz neu zu organisieren, um das Soziale fortan zu einer Aufgabe der Allgemeinheit zu machen. Der ein Wort wie «Sozialhilfe-Schmarotzer» nie geprägt hätte. Der Reichtum duldete – ja, aber keinen Reichtum, der ohne Mass angehäuft worden war. Der für linke Publizisten wie Franz Rueb, nach der roten Götterdämmerung, ein Mensch des Beispiels geworden war und beispielhaft blieb. «Zwingli», schrieb Rueb in seinem Zwingli-Buch (Verlag Hier+Jetzt), «war kein Mann, dessen Horizont an der nächsten Felswand seine Grenze fand.»

Es ist nicht erstaunlich, wenn konservative Kreise heute – quasi im Gegenschnitt zu 500 Jahren Reformation – eine Gedenkfeier planen zu 600 Jahren Bruder Klaus, dem Heiligen aus der Hardcore-Schweiz. Der Frau und Kinder floh, um allein im Ranft zu leben. Neben dem Staatsakt eine zusätzliche nationale Gedenkfeier im August, woran alt Bundesrat Christoph Blocher und der Churer Bischof Vitus Huonder teilnehmen wollen. Es ist schon eher erstaunlich, wenn Roger Köppel gestern Zwingli positiv würdigt in der «Weltwoche».

In der Tat war Zwingli kein «Sitten-Taliban», wie ihm nachgeredet wird. In einem Punkt allerdings lässt er sich vergleichen mit heutigen Gotteskriegern – vergleichen kann man immer, wenn man die erheblichen Unterschiede nicht übersieht: Zwingli bestand vehement auf die Verquickung von Staat und Religion. Erst die Aufklärung hat diese Sphären getrennt und konnte damit gewissermassen einen schnellen Brüter nachhaltig kühlen, der viel zu häufig unkontrolliert durchglühte – und heute noch in der Welt brennt.

Zwingli war kein brennender Heiliger, wie wahrscheinlich Bruder Klaus. Eine Kriegserfahrung genügte (Marignano), um aus ihm einen Pazifisten zu machen. Um dann doch wieder in den Kappeler Krieg zu ziehen, wo er prompt sein Leben verlor. Er war nicht in jeder Regung selbstgerecht «konsequent» wie Robespierre, der Tausende moralisch hinfälliger Zeitgenossen unter die Guillotine schickte.

Zwingli war wach, alles andere als despotisch. Er hatte ein Auge für die menschlichen Schwächen und Stärken, nicht zuletzt, um sie politisch geschickt zu nutzen. Und aus eigener Erfahrung. Etwa in Einsiedeln, nach seinem Abenteuer mit der Barbierstochter. Sein «Bekennerbrief» von damals ist lesenswert, eindrücklich und ergötzlich, eine Charakterstudie zwischen den vielen historischen Dingen, die über das Wesen Zwinglis herzlich wenig sagen.

Rührend ist seine – sicher gespielte – Naivität, wo Zwingli bekennt, sich geschworen zu haben, «drei Jahre lang kein Weib mehr zu berühren, weil Paulus gesagt hat, es sei gut, wenn man kein Weib berühre. Aber es ist nicht gut gelungen.» Als Leutpriester in Glarus schraubte er darum die Kasteiung auf sechs Monate ohne Sex herunter. Und hielt in Einsiedeln nicht mehr durch, «weil ich da niemanden fand, der diese Lebensweise mit mir teilte.»

Das klingt auf ersten Blick etwas feige, ist aber schlau, weil er in dieser Passage beiläufig der ganzen bigotten klerikalen Mischpoke gegen das Schienbein tritt. Es folgt ein hübscher Scherz über die Geliebte: «Dass die Tochter einem mächtigen Mann gehört, will ich nicht leugnen; denn allerdings ist die Sorte Menschen mächtig, die ungestraft so gar dem Kaiser an den Bart greifen dürfen – die Barbiere.» Und dann die Beichte an den Freund in aufrichtiger Zerknirschung ...

... wiewohl ein politischer Freund. Zwingli wusste bestens, wem er das «Bekenntnis» nach Zürich schickte, mit der ambivalenten Bitte, es für sich zu behalten, bei den wesentlichen Stellen aber in geeigneter Form zu streuen. Zwingli wollte diesen einflussreichen Job, unbedingt. Und er hat ihn bekommen. Einen Fähigeren hätten die Zürcher kaum gefunden.

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