Wer von Kandersteg, dem Geburtsort von alt Bundesrat Adolf Ogi (SVP), hinauf ins malerische Gasterntal wandert, der kommt bald einmal am Betongebäude vorbei, das aussieht wie eine überdimensionierte Autogarage. Es ist der untere Eingang zum geheimen, vor knapp 20 Jahren fertiggestellten Bundesratsbunker, der tief im Berg im Berner Oberland steckt. Ein etwa mannshoher Stahlzaun mit einem Gittertor umgibt die Anlage, die direkt an der Kander liegt. Am Stahltor ist eine unspektakuläre schwarze Verbotstafel aus dem Jahr 1994 angebracht. Darauf steht: «Verboten wird insbesondere unbefugtes Betreten und Befahren des Areals sowie das Beschädigen sämtlicher Installationen.» Auch wenn Wanderer schnell feststellen, dass das Areal durch Kameras überwacht wird: Der Zaun kann leicht überstiegen werden. Ist das alles? Ist das Volksvermögen nicht besser gesichert?

Kidnapper ohne Chance

Hinter der «Garage», etwa zwei Kilometer tief im Berg, in einem Annexbau des Bunderatsbunkers, befindet sich ein riesiger Tresor. Etwa 6000 Tonnen Gold passen in die Schatzkammer, die der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gehört. In Kandersteg ist es ein offenes Geheimnis, dass die Schweizer Zentralbank hier ihre Goldreserven aufbewahrt.

Es wäre allerdings wohl keine sehr gute Idee, das Gold klauen zu wollen.

Der Stollen, der hinter dem Garagentor in den Berg führt, gilt als extrem gesichert. Eine Einzelperson kann nicht durch die Schleusen in die Anlagen gelangen. Es braucht mindestens zwei Personen gleichzeitig, erzählt man sich in Kandersteg. Beide Berechtigte müssen sich mehrfach ausweisen, mit biometrischen Daten und mit einem Zugangscode. Nur dann öffnet sich der Berg.

Auch für den Fall, dass Gangster auf die Idee kommen, zwei berechtige Personen zu kidnappen, um sich auf diese Weise Zugang in die Anlage zu verschaffen, ist vorgesorgt. Dann kommt, so erzählt man sich, eine ziemlich rabiate und radikale Methode zum Einsatz. Die nicht berechtigte Person wird in der Schleuse automatisch erkannt und von einer Selbstschussanlage durchsiebt. «Im Stollen kommst du nicht weit», belehrte ein Oberländer dieser Tage den Journalisten.

Die Bunker im Berg gelten nicht nur als atombomben- und erdbeben-, sondern auch als einbruchsicher.

Ein Barren wiegt zwölf Kilo

Der Goldschatz kann auch aus ganz praktischen Gründen nicht so leicht geklaut werden: wegen seines Gewichts. Ein einziger Barren wiegt zwölf Kilo. Zwei oder drei davon könnte ein Einzelner theoretisch noch rausschleppen, falls er genügend weit käme. Aber grössere Mengen durch den zwei Kilometer langen Tunnel und die Schleusen nach aussen zu schaffen, das gilt als unmöglich. Zumal bis dann längst Sicherheitskräfte vor Ort wären.

Der Aufbewahrungsort der Goldreserven wird in der Schweiz wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Im Berner Oberländer Dorf Kandersteg wissen Einheimische aber längst, dass die Nationalbank im Bundesratsbunker ihr Gold lagert: Die häufigen, in gepanzerten Konvois durchgeführten Goldtransporte aus dem Unterland sind längst Dorfgespräch.

Andere Staaten geben sich mittlerweile offener, was ihre Goldreserven betrifft. Die Banca d’Italia etwa gibt an, dass sie die Hälfte der Goldreserven, etwa 1200 Tonnen, in einem als «Sakristei» benannten Keller unterhalb des Nationalbankgebäudes in Rom aufbewahrt. Einen weiteren Teil ihrer Goldreserven lassen die Italiener von der Schweizer Nationalbank bunkern. Die Banque de France lagert laut eigenen Angaben Goldreserven von 2435 Tonnen in einem Tresor in Paris, der sich 27 Meter unter Strassenniveau direkt unter einem ehemaligen Auditorium der Bank befindet.

Die Schweizer Nationalbank besitzt heute noch 1040 Tonnen Gold, davon gut 700 in der Schweiz. Sie bewahrt auch Gold für andere Zentralbanken auf. Details zu Mengen und Ländern will Banksprecher Walter Meier nicht verraten. Die Österreichische Nationalbank (OeNB), die schon sechs Tonnen in der Schweiz hat, teilte im Frühling mit, dass sie bis 2020 weitere 50 Tonnen Gold von England in die Schweiz umlagern will. Es ist davon auszugehen, dass auch dieses Gold in Kandersteg im Stollen verschwindet, der zum geheimen Bundesratsbunker und zum SNB-Tresor führt.