Bergsturz in Bondo
Der Berg gibt keine Ruhe: In Bondo kam es erneut zu einer Schlammlawine

Bewohner mussten ihre Häuser nach der neuen Schlammlawine wieder verlassen – die Suche nach Vermissten geht weiter.

Ursina Straub
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Am Freitagnachmittag richtete ein weiterer Murgang im bündnerischen Dorf Bondo neuen Schaden an

Am Freitagnachmittag richtete ein weiterer Murgang im bündnerischen Dorf Bondo neuen Schaden an

Keystone

Am Freitagnachmittag konnten die ersten der rund 100 evakuierten Bewohner von Bondo in ihre Häuser zurückkehren. Aber nur kurz. Ein weiterer Murgang erreichte das Dorf um 16.27 Uhr, wie die Bündner Kantonspolizei gestern Abend mitteilte.

Der Murgang erfasste ausschliesslich jene Teile der Ortschaft, die innerhalb einer definierten Sperrzone liegen. Die Schlammlawine überflutete ein Firmengelände und erfasste bereits beschädigte Häuser. Gesperrt wurde zudem aus Sicherheitsgründen die Umleitungsstrasse. Sie war nach dem Bergsturz vom Mittwoch eingerichtet worden.

Personen wurden nach ersten Erkenntnissen der Kantonspolizei durch den neuen Murgang nicht verletzt. Und auch das seit Freitagnachmittag für die Bewohner wieder zugängliche Wohngebiet war nicht betroffen. Die zurückgekehrten Bewohner wurden jedoch aus Sicherheitsgründen erneut vorübergehend evakuiert.

Der Bergsturz von Bondo
18 Bilder
Am Piz Cengalo im Grenzgebiet zu Italien löste sich in der Nacht auf Freitag kein weiteres Gestein
Eine Schneise der Verwüstung zieht sich durchs Tal: Doch wie man sieht, ist das Dorf Bondo noch glimpflich davongekommen.
Der gewaltige Murgang streifte Bondo und überspülte die Hauptstrasse des Bergells.
Vier Millionen Kubikmeter Material waren am Mittwoch abgebrochen und in das Seitental Val Bondasca gestürzt, von wo aus ein Teil des Abbruchs bis ins Haupttal Bergell vor das Dorf Bondo geschoben wurde.
Eine weitere Million Kubikmeter soll am Berg in Bewegung sein, weshalb mit weiteren Bergstürzen gerechnet wird.
Wie die Polizei mitteilte, stammen die Vermissten aus dem Bundesland Baden-Württemberg in Deutschland, aus der österreichischen Steiermark und aus dem Kanton Solothurn.
Die Einwohner des Bergeller 200-Seelen-Dorf Bondo mussten nach dem Bergsturz und einem folgenden Murgang evakuiert werden.
Im Murgebiet, wo ein Alarmsystem installiert ist, arbeiten insgesamt 120 Einsatzkräfte.
Am Freitag, zwei Tage nach dem Felssturz, durfen einige der 100 evakuierten Bewohner zurück ins Dorf. Welche, das ging von der Gefahrenzone ab.
Andere durften am Freitag in Begleitung des Zivilschutzes oder der Feuerwehr vorübergehend in ihre Wohnungen gehen.
Am Donnerstag machte sich Bundespräsident Doris Leuthard persönlich ein Bild von der Lage in Bondo.
Der Bergsturz von Bondo ist einer der gewaltigsten in der Schweiz seit deutlich über 100 Jahren.
Mit einer Ausnahme handelt es sich sogar um den grössten Materialabgang seit dem Grossereignis in Elm im Kanton Glarus im Jahr 1881.
Der Bergsturz im Bergell hat viele Gebäude zerstört, wie Luftaufnahmen zeigen. Felssturz und Murgang zerstörten auch Felder und Weidegebiet, Strassen und Wege.
Wie hoch die Schäden wirklich sind, wird erst klar, wenn Schadenexperten das Gebiet betreten dürfen.
Bergsturz in Bondo: So sieht es im Ort aus Der Bergsturz bei Bondo im bündnerischen Bergell hat möglicherweise doch Opfer gefordert. Sechs Personen sind als vermisst gemeldet. Die Suche nach den Vermissten ist noch am Laufen. Dabei kommen auch Helikopter der Armee zum Einsatz. Der 200-Seelen-Ort bleibt evakuiert.

Der Bergsturz von Bondo

Miguel Medina

Dreigeteiltes Dorf

Bondo ist in drei Sektoren eingeteilt. Die Häuser jener Bewohner, die gestern zurückkehren konnten, liegen im Sektor grün. «Dieser umfasst den älteren Dorfteil. Hier lebt der grösste Teil der Einwohner», sagte Gemeindepräsidentin Anna Giacometti am Freitagmittag vor den Medien.

Bewohner des Sektors orange, in dem sich auch die Turnhalle und der Werkhof befinden, bekommen voraussichtlich am Samstag Zutritt zu ihrem Daheim. «Die Bewohner müssen aber jederzeit mit einer weiteren Evakuierung rechnen», meinte Giacometti.

Im Sektor rot stehen laut der Gemeindepräsidentin hauptsächlich neuere Gebäude. Dort wohnen auch Familien. «Sie können in den nächsten Tagen und Wochen nicht zurück», erklärte Giacometti. Gestern Nachmittag durften sie aber in Begleitung von Feuerwehr oder Zivilschutz für einige Stunden ihr Zuhause betreten, um das Nötigste zu holen. Um eine allfällige weitere Evakuierung zu erleichtern, wurden die Häuser in Bondo markiert.
Am Freitag wurde die Suche nach den acht Vermissten, die sich während des Felssturzes im Gebiet der Val Bondasca aufhielten, wieder aufgenommen. Sechs dieser acht Personen wurden von den Angehörigen als vermisst gemeldet.

Zwei Solothurner vermisst

Gesucht wird sowohl mit Helikoptern als auch mit Suchhunden. Bei den Vermissten handelt es sich um vier Personen aus dem deutschen Bundesland Baden-Württemberg, zwei Personen aus der Steiermark in Österreich und zwei Personen aus dem Kanton Solothurn, teilte Roman Rüegg von der Kantonspolizei gestern mit. Die Überlebenschance der Vermissten sei 48 Stunden nach dem Bergsturz als gering einzuschätzen.

«Wenn die Verschütteten nahe an der Oberfläche liegen, ist es möglich, sie mit Suchhunden zu finden», meinte Polizeisprecher Rüegg. Er unterstrich: «Wir wissen noch nicht mit Sicherheit, ob die Vermissten verschüttet wurden.»

Enorme Schlammmassen

Wie Reto Salis, der Hüttenwart der Sciorahütte, aber am Donnerstag gegenüber der «Südostschweiz» sagte, stiegen am Mittwochmorgen um zirka 8.15 Uhr, also kurz vor dem Bergsturz, acht Personen von der Hütte ins Tal ab. Es handle sich um vier Deutsche, zwei Österreicher und zwei Schweizer, gab er an. Die Alpinisten seien in Zweiergruppen unterwegs gewesen.

Bis Laret, wo viele ihr Fahrzeug parkieren, benötige man rund eineinhalb Stunden, meinte Salis. Ungefähr in der Hälfte des Weges liegt Camin, dort biegt der Wanderweg in die Val Bondasca ein. In Camin liegen die Geröll-, Schlamm- und Gesteinsmassen laut Einschätzung des Hüttenwarts rund zweihundert Meter hoch. Auf besagtem Wanderweg haben Tafeln darauf hingewiesen, dass eine erhöhte Gefährdung besteht.