Grossanlässe

Der Balanceakt des Bundesrats: Die 1000er-Regel fällt – harsche Kritik aus der Wissenschaft

An der ersten Sitzung nach der Sommerpause entschied der Bundesrat über die 1000er-Regel. Im Bild Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Gesundheitsminister Alain Berset.

An der ersten Sitzung nach der Sommerpause entschied der Bundesrat über die 1000er-Regel. Im Bild Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Gesundheitsminister Alain Berset.

Trotz steigender Fallzahlen lässt der Bundesrat Grossanlässe wieder zu – allerdings nur unter Auflagen. Wissenschafter reagieren verärgert.

Erst noch hatte der Direktor des Bundesamts für Gesundheit gewarnt. «Wir müssen jetzt handeln und einen Gang höher schalten», sagte Pascal Strupler Ende Juli. Die Kantone sollten strengere Massnahmen ergreifen, forderte er. Nun geht ausgerechnet der Bundesrat in eine andere Richtung: Er hebt das Verbot von Grossveranstaltungen auf.

Es sei ein heikler Schritt, räumte Gesundheitsminister Alain Berset vor den Medien ein. «Grossanlässe stellen ein Risiko dar», sagte er. Und ja, die Fallzahlen stiegen seit Mitte Juni. Am Mittwoch meldete das Bundesamt für Gesundheit 274 neue Ansteckungen – die höchste Zahl seit April.

© CH Media

Anders als damals explodieren die Zahlen aber nicht, sagt Berset.

Entsprechend behutsam will der Bundesrat bei der 1000er-Regel vorgehen. Per 1. Oktober sind Veranstaltungen mit über 1000 Personen wieder möglich – allerdings nur, wenn die Kantone sie bewilligen. Es sollen «strenge Schutzmassnahmen» gelten. Wie diese genau aussehen, ist noch offen. Der Bund will zusammen mit den Kantonen einheitliche Anforderungen für die Bewilligung ausarbeiten, die für Fussballmatches genau so wie für kulturelle Events gelten sollen.

Noch müssten Fragen geklärt werden, etwa zur Anreise, erklärte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Um genug Zeit zu haben, das Bewilligungsprozedere vorzubereiten, hat der Bundesrat die 1000er-Regel noch um einen Monat verlängert: Sie wird erst ab Oktober aufgehoben und nicht schon ab September, wie es gerade die Eishockeyklubs gern gehabt hätten.

Das Lobbying der Sportklubs

Damit könnten bald wieder über tausend Personen an ein Fussballmatch oder ein Konzert strömen – erstmals seit Monaten. «Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben», begründete Berset den Entscheid. Das Verbot von Grossanlässen war der erste grosse Corona-Entscheid des Bundesrats gewesen: Ende Februar hatte er Veranstaltungen mit über 1000 Personen untersagt – als erstes Land in Europa, die Basler Fasnacht fiel ins Wasser, ebenso Tausende andere Anlässe. Das Verbot sei eine der zentralen Massnahmen gewesen, mit der die Zahl der Infektionen reduziert werden konnte, hielt der Bundesrat am Mittwoch fest.

Je länger je weniger Freude am Verbot hatten die betroffenen Branchen. Fussball- und insbesondere Eishockeyklubs warben in den vergangenen Wochen für eine Aufhebung der 1000er-Regel – unter Einhaltung von Schutzkonzepten.

Daniel Koch, ehemaliger Delegierter für Covid-19 des Bundes

Daniel Koch, ehemaliger Delegierter für Covid-19 des Bundes

Der ehemalige Mr. Corona, Daniel Koch, der inzwischen den SC Bern berät, sprach sich in dieser Zeitung für eine Aufhebung der starren 1000er-Grenze aus. Und der CEO des EV Zug, Patrick Lengwiler, warnte: «Die Sport-, Event- und Kulturbranche mit Veranstaltungen über 1000 Zuschauern kann mit der 1000er-Regel nicht überleben.»

Unsichere Zeiten für die Veranstalter

Ein richtiger Befreiungsschlag ist der Entscheid für die Organisatoren von Grossanlässen indes nicht. Der Bundesrat liess durchblicken, dass voraussichtlich für jede einzelne Veranstaltung eine Bewilligung nötig sein wird, für jeden Fussballmatch, jedes grosse Konzert.

Zudem könnten Bewilligungen auch unter Vorbehalt ausgesprochen werden, sprich: Erst kurzfristig lässt sich sagen, ob ein Anlass tatsächlich durchgeführt werden kann. Planungssicherheit für Veranstalter gibt es also nicht. Das lasse sich nicht vermeiden, erklärte Berset. Wolle man Planungssicherheit, müsste man das Verbot beibehalten.

Auf Konfrontationskurs mit Kantonen und der Wissenschaft

Genau das hatten die Kantone gefordert. Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren hatte sich Ende Juli dafür ausgesprochen, das Verbot bis Ende Jahr zu verlängern. Sommaruga zeigte vor den Medien Verständnis für die Haltung der Kantone. Diese seien jetzt schon stark gefordert, nun komme eine weitere anspruchsvolle Aufgabe auf sie zu.

Emma Hodcroft, Coronavirus-Forscherin am Biozentrum, Universität Basel

Emma Hodcroft, Coronavirus-Forscherin am Biozentrum, Universität Basel

Kritik gab es auch von anderer Seite: Wissenschafterinnen zeigten sich auf Twitter verärgert und kritisierten den Entscheid des Bundes scharf. Sie sei «entsetzt», schrieb die Basler Epidemiologin Emma Hodcroft. Ihre Berner Kollegin Nicola Low hielt fest, die Schweizer Regierung würde «schlafwandelnd in ein Desaster» rutschen. Low ist Mitglieder der Covid-19-Taskforce.

Deren Präsident, ETH-Professor Martin Ackermann, hat bereits Anfang August in der «Sonntagszeitung» davor gewarnt, Grossveranstaltungen wieder zuzulassen. Dies sei verfrüht und somit der falsche Moment: «Wir sind ganz nahe an einem exponentiellen Wachstum und haben deshalb praktisch keinen Spielraum mehr.» Und weiter:

Ackermann sprach sich bereits damals für eine Begrenzung von 100 Personen aus. Diese Woche doppelte Taskforce-Mitglied Tanja Stadler in der SRF-Tagesschau nach: Die aktuelle Situation sei «sehr kritisch», sagte die ETH-Professorin am Departement für Biosysteme.

Auch Monika Bütler, St. Galler Wirtschaftsprofessorin und Taskforce-Mitglied, äussert Bedenken. Bei allen Öffnungsentscheidungen müssten nicht nur die unmittelbaren ökonomischen Kosten und Gewinne berücksichtigt werden, sondern auch deren Auswirkungen auf andere Bereiche des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft, sagt sie auf Anfrage: «Sollte es beispielsweise zu einem Ausbruch nach einer Grossveranstaltung kommen, so kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Folgekosten – infolge von Quarantänemassnahmen zum Beispiel – höher sind als die mit der Veranstaltung erzielten Einnahmen.»

Angesprochen auf die Kritik aus der Wissenschaft sagte Berset, der Bundesrat höre alle Experten an und suche einen Mittelweg. Die Regierung appellierte zudem an die Eigenverantwortung jedes einzelnen. Sommaruga mahnte: «Je stärker der Bundesrat lockert, desto grösser ist die Verantwortung, die wir alle tragen.»

Meistgesehen

Artboard 1