Terroranschlag

Der Attentäter von Wien war ihr «Kollege» - Winterthurer Islamisten professionell und gut vernetzt

Polizisten nach dem Attentat am Wiener Schwedenplatz. Der Terrorist soll Verbindungen in die Schweiz gehabt haben.

Polizisten nach dem Attentat am Wiener Schwedenplatz. Der Terrorist soll Verbindungen in die Schweiz gehabt haben.

Zwei junge Schweizer standen mit dem österreichischen Terroristen in Kontakt. Sie sind einschlägig bekannt.

Kaum 24 Stunden nachdem die Polizei den Attentäter in Wien erschossen hatte, klickten in Winterthur die Handschellen. Ein 18-Jähriger und ein 24-Jähriger wurden abgeführt. Sie kannten gemäss Kantonspolizei Zürich den 20-jährigen Nordmazedonier, der am Montagabend in der Wiener Innenstadt mit einem Sturmgewehr vier Personen tötete.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter sagte, sie seien «Kollegen». Offenbar haben sie sich auch getroffen. Konkrete Hinweise auf eine Verbindung zur Tat fehlen bisher.

Sie gingen in die An-Nur-Moschee

Die beiden Winterthurer sind einschlägig bekannt. Beide sind in Strafverfahren der Bundesanwaltschaft involviert, welche 2018 und 2019 im Bereich Terrorismus eröffnet wurden und zurzeit noch laufen. Dies teilte die Bundesanwaltschaft, die für Terror-Delikte zuständig ist, am Mittwoch auf Anfrage mit. Der ältere der beiden Verhafteten sei Beschuldigter in einem dieser Strafverfahren.

Gemäss «Tages-Anzeiger» ging der 24-jährige Verdächtigte in der Winterthurer An-Nur-Moschee ein und aus und gehörte zu deren radikaler Jugendgruppe. Die Moschee, die sich in einem Industriegebäude im Hegi-Quartier befand, schloss im Juli 2017 ihre Tore. Sie hatte sich zuvor einen zweifelhaften Namen gemacht, weil aus ihrem Umkreis junge Männer und Frauen nach Syrien reisten. Sie schlossen sich dem «Islamischen Staat» an. Bekanntester Exponent war der Thaiboxer Valdet Gashi, der in Syrien umgekommen sein soll. Auch der Sandro V. verkehrte in der Moschee. Das Bundesstrafgericht verurteilte den Syrienrückkehrer diesen September wegen Unterstützung einer kriminellen Organisation und Gewaltdarstellungen zu 50 Monaten Haft.

Beobachter der Islamisten in Winterthur gingen in letzter Zeit davon aus, dass die Szene geschwächt ist. Zwar treffen sich die einstigen An-Nur-Gänger noch und besuchten zum Teil neue Moscheen in der Region. Mit dem Tod von Gashi und der Haftstrafe für Sandro V. fehlten aber die Autoritätsfiguren.

Wie der Thaiboxer nach Syrien gelangte

Trotzdem gibt sich Dschihadismus-Experte Johannes Saal wenig erstaunt über die Winterthur-Verbindung des Attentäters von Wien. Saal hat an der Universität Luzern zum Thema dschihadistische Netzwerke promoviert. Die Winterthurer Szene diente ihm als Fallbeispiel. Er sagt: «Es gibt historisch eine Verbindung zwischen Wien und Winterthur.» So habe Sandro V. engen Kontakt mit dem Wiener IS-Prediger Mirsad Omerovic alias Ebu Tejma gehabt. Omerovic ist eine zentrale Figur in der deutschsprachigen Islamistenszene und sitzt in Österreich im Gefängnis.

Aus Mangel an eigenen religiösen Autoritäten wenden sich Deutschweizer Islamisten gemäss Saal oft ans deutschsprachige Ausland. Thaiboxer Gashi sei zudem gemäss eigener Angabe mit österreichischer Hilfe nach Syrien gelangt.

Saal geht davon aus, dass es sich bei den Verhafteten von Winterthur um eine neue Generation von Islamisten handelt. «Der jüngere der Verhafteten ist erst 18 Jahre alt, war also anfangs der 2010er Jahre, als einige Winterthurer nach Syrien reisten noch sehr jung», sagt er. Gemäss Bundesanwaltschaft läuft gegen den 18-Jährigen ein Strafverfahren der Winterthurer Jugendanwaltschaft.

Professionalisierung der Islamisten-Szene

Der Soziologe Saal äussert sich zurückhaltend und betont, es sei noch zu früh, um die Lage abschliessend zu beurteilen. Die Islamisten erschweren im zudem die Arbeit. «Als ich im Jahr 2014 mit meiner Forschung begonnen habe, war es noch relativ einfach, die Islamisten auf Facebook ausfindig zu machen. Sie stellten dort ihre Weltanschauung und ihr Netzwerk zur Schau», sagt Saal. Mittlerweile meiden sie solche öffentliche Auftritte und kommunizieren verschlüsselt. Es kursierten zudem Anleitungen zum anonymen surfen im Internet. «Ich beobachte eine Professionalisierung der Szene», sagt Saal.

Die Bundesanwaltschaft prüfte die Übernahme des Verfahrens des älteren Verdächtigen von der Zürcher Staatsanwaltschaft. Der Jüngere bekommt es mit der Jugendanwaltschaft zu tun.

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