Coronakrise

Der Arzt, dem die Welschen vertrauen, sieht positive Zeichen: «Ende April haben wir den Höhepunkt hinter uns»

Eine erweiterte Notfallabteilung des Kantonsspitals Baselland am Standort Bruderholz.

Eine erweiterte Notfallabteilung des Kantonsspitals Baselland am Standort Bruderholz.

Der Genfer Epidemiologe und WHO-Sonderberater Didier Pittet (63) ist ein international anerkannter Pionier in der Spitalhygiene. Im Interview spricht er über seinen verrückten Alltag, Kritik am Bundesrat und die Frage, wann man sich wieder die Hände schütteln kann.

Er ist der Arzt, dem die Welschen vertrauen. Der 63-jährige Medizinprofessor Didier Pittet ist derzeit in den Westschweizer Medien omnipräsent. Vom Portrait in «Le Temps», über das Interview in «L’Illustré» bis hin zum Auftritt in einer RTS-Satiresendung und auf Youtube: Der Genfer kämpft an allen Ecken und Enden, um die Bevölkerung über die Bedeutung von Handhygiene und «Social Distancing» in Corona-Zeiten zu sensibilisieren. Pittet wirkt – trotz wenig Schlaf – stets ruhig und charmant. Um Glaubwürdigkeit muss er sich nicht mehr bemühen: Die Krankenhäuser dieser Welt verdanken ihm das «Genfer Handhygiene Modell» (siehe Box am Textende), für das er mehrfach ausgezeichnet wurde – unter anderem von der englischen Königin.

Sie arbeiten für das Unispital Genf, dem grössten Spital der Schweiz, und sind Sonderberater der Weltgesundheitsorganisation WHO. Wie sieht Ihr Alltag derzeit aus?

Didier Pittet: Ziemlich verrückt. Ich stehe meistens sehr früh auf, gegen 4 Uhr, nach zwei bis drei Stunden Schlaf, um so viele E-Mails wie möglich zu beantworten. Zeitweise hatte ich über 3800 ungelesene E-Mails in meiner Inbox. Dann fahre ich ins Spital, gegen 7 Uhr und erhalte die neusten Zahlen: Wie viele Covid-19-Patienten sind reingekommen, wie viele haben das Spital verlassen? Und dann schicke ich mein Team los. Sie gehen in alle Departemente, und beraten die anderen Ärzte, vom Psychologen bis zum Osteopathen, damit sie die Hygienevorschriften korrekt umsetzen.

Um welche Fragen geht es dabei?

Wir schauen, ob sie die korrekten Masken tragen, dass sie sich richtig kleiden, und so weiter. An sich sind wir alle hier für diese Situation vorbereitet. Das ist wie im Fussball. Man trainiert und trainiert, und dann kommt der Spieltag. Und dann ist der Trainer gefragt, damit er dem Team die richtigen Anweisungen auf dem Feld gibt, die sie in der Hitze des Gefechts möglicherweise vergessen. Am späteren Vormittag kommt mein Team vom Rundgang zurück und dann besprechen wir die Lage.

Wie ist die Situation am Unispital Genf?

Wir sind ständig daran, mehr Betten für Covid-19-Fälle einzurichten. Momentan haben wir zwischen 250 und 300 Patienten bei uns. Es ist von Tag zu Tag unterschiedlich. In der Intensivabteilung haben wir bis zu 120 Betten, und wir könnten ihre Zahl auf 180 erhöhen. Aber Betten sind nur das eine. Mindestens so wichtig ist das Medizinpersonal, das derzeit so viel arbeitet wie wohl noch nie.

Erkennen Sie eine Tendenz, die Hoffnung macht?

Wenn Sie mich fragen, dann befinden uns in der zweiten von insgesamt acht Wochen der Pandemie-Welle. Ich bin wirklich nicht jemand, der zu enthusiastisch sein möchte. Und diese Pandemie ist ein Marathon, kein kurzes Rennen, vor allem für das medizinische Personal. Aber ich kann sagen, dass wir zu Beginn sehr viele Neueintritte hatten, die Kurve war exponentiell. Und nun ist die Entwicklung eher linear. Es gibt Anzeichen, dass wir es schaffen, die Kurve abzuflachen. Die nächste und übernächste Woche werden wir mehr Klarheit erhalten und wissen, ob die Massnahmen des Bundes Früchte tragen.

Dennoch: Ihre Prognose tönt positiver als bei vielen anderen Experten!

Schauen Sie, die Welle ist hier. Das sehe ich jeden Tag im Spital. Ich bin aber tatsächlich überzeugt, dass wir Ende April den Höhepunkt hinter uns haben werden. Aber das wird wirklich nur funktionieren, wenn wir uns alle gemäss den Vorschriften des Bundes verhalten. Das Leben hat sich verlangsamt, und das gibt uns die Möglichkeit in den Spitälern, die Patientenmenge zu bewältigen.

Und dann, Ende April, ist alles bereits vorbei?

Nein, natürlich nicht. Dann folgt die Phase, in der wir die Einschränkungen langsam rückgängig machen, was alles andere als einfach sein wird. Auch hier wird es ein einheitliches, behutsames Vorgehen benötigen, um das normale Leben im Alltag wieder herzustellen. Im stark betroffenen Tessin wird dies schwieriger sein als möglicherweise in der Innerschweiz. Es wird weiterhin Patienten geben, um die wir uns kümmern müssen. Und wir werden vermehrt Atmungskliniken benötigen für Patienten, analog zu so genannten Fieberkliniken.

Vor dem Universitätsspital Genf wurde ein Zelt aufgestellt, um Covid-19-Tests durchführen zu können.

Vor dem Universitätsspital Genf wurde ein Zelt aufgestellt, um Covid-19-Tests durchführen zu können.

Was, wenn sich die Leute doch nicht an die Vorschriften halten?

Dann droht, dass wir unser Gesundheitssystem zerstören, so wie in der Lombardei. Und das müssen wir unbedingt verhindern. Deshalb müssen wir so viel wie möglich testen. Wir brauchen genügend Schutzmasken und -anzüge, damit wir unser medizinisches Personal weiterhin beschützen können.

Reichen die jetzigen Einschränkungen mit Bussen für Gruppen ab 6 Personen?

Ich hoffe es! Denn wir möchten ja keinen Polizei- und Überwachungsstaat in der Schweiz. Es sollte weiterhin möglich sein, dass man für ein, zwei Stunden spazieren gehen kann, sonst werden wir zu Hause alle noch verrückt. Ich appelliere da wirklich an den gesunden Menschenverstand, es geht um die richtige Balance. So sollte man jetzt sicher auch auf irgendwelche Extremsportarten verzichten. Denn sonst haben wir Patienten mit unnötigen Knochenbrüchen, die unsere Ressourcen in den Spitälern belasten.

In Genf applaudiert die Bevölkerung jeden Abend um 21 Uhr für die Ärzte und Krankenpfleger von ihren Fenstern und Balkonen.

Auch das braucht es, denn wir alle arbeiten am Limit. Wir müssen darauf achten, dass alle Angestellten auch zu ihren Pausen kommen, und dass sie dazwischen Zeit mit ihren Familien verbringen können. Aber auch für die Angehörigen ist es schwierig. Meine Frau ist zu Hause mit drei Kindern, die noch nicht ausgezogen sind. Und wie wir alle wissen, verhält sich nicht jeder Teenager gleich (lacht). Dabei sind genau sie, die Teenager, der Schlüssel im Kampf gegen Covid-19.

Sie meinen, weil viele Teenager die Warnungen der Behörden anfangs nicht ernst nahmen?

Genau. Viele gingen weiterhin in die Disco feiern oder trafen sich in Gruppen am See. Aber auch viele ältere Menschen folgten den Ratschlägen nicht. Das war ein grosser Fehler, und wir haben in dieser wichtigen Phase sieben bis zehn Tage verloren. Auch bezüglich der Handhygiene. Als ich einem Teenager den Ellbogen zur Begrüssung ausstreckte, lachte er mich aus.

Ein Fehler der Bevölkerung oder der Regierung?

Beides. Das Volk hat zu wenig zugehört, aber man kann auch sagen, dass der Bundesrat zu wenig klar kommuniziert hat. Es hätte konkrete Vorschriften gebraucht, auch in den Kantonen. 50 Personen in einem 50 Quadratmeter grossen Raum sind etwas anderes als 5 Personen in einer grossen Halle. Da gab es zu viele Unklarheiten. Inzwischen haben fast alle den Ernst der Lage erkannt, wie mir scheint. Klare Kommunikation ist unerlässlich.

Gesundheitsminister Alain Berset hat diese Woche Ihr Spital besucht. Wie beurteilen Sie die Leistung des Bundesrates im Vergleich zu ausländischen Regierungen?

Wir machen es auf jeden Fall einiges besser als Italien, und wahrscheinlich auch als Frankreich. Wir waren sehr gut darin, relativ früh die ersten Fälle auszumachen. Das Gesundheitssystem hat sich gut vorbereitet, und die Regierung hat rasch Massnahmen eingeleitet.

Gesundheitsminister Alain Berset besuchte diese Woche das Universitätsspital Genf und unterhielt sich mit Spitaldirektor Bertrand Levrat (links).

Gesundheitsminister Alain Berset besuchte diese Woche das Universitätsspital Genf und unterhielt sich mit Spitaldirektor Bertrand Levrat (links).

Was auffällt: Die beiden Romandie-Kantone Waadt und Genf sind überdurchschnittlich stark betroffen. Weshalb?

Schwer zu sagen. Einerseits liegt Genf nahe an Italien und Frankreich. Da war es schwierig, die Ursprungsquelle zu kontrollieren. Viele Italiener kommen nach Genf, und viele Genfer fahren nach Mailand oder sonst wo in die Lombardei, und manche brachten so das Virus hier her. Das gleiche gilt für den Kanton Waadt. In Lausanne arbeiten viele Grenzgänger, so wie auch in Genf. Viele davon arbeiten bei uns in den Spitälern. Andererseits haben wir hier in Genf überdurchschnittlich viele Tests gemacht, so dass es schwierig ist, ein komplettes Bild zu zeichnen.

Was halten Sie von so genannten Drive-through-Teststationen, wo man sich im Auto testen lassen kann, so wie es in Südkorea praktiziert wird?

Das tönt natürlich interessant, für mich ist es aber eher ein Witz. Man muss sich nicht im Auto verstecken, um einen Test zu machen. Man kann auch vor einer Klinik mit zwei Meter Abstand zu anderen Patienten in der Schlange stehen, und dort erhält man dann auch noch medizinischen Rat vom Fachpersonal. Ich sehe wirklich keinen Vorteil bei den Drive-Through-Tests.

Sie sind nebst Ihrer Arbeit am Unispital auch Sonderberater der Weltgesundheitsorganisation WHO. Was ist Ihre Aufgabe?

Die WHO hat viele Experten auf der ganzen Welt, ich bin einer von ihnen. Wir treffen uns regelmässig virtuell via Videokonferenzen, derzeit sogar täglich. Dabei geht es darum, sich gegenseitig zu helfen mit Empfehlungen aus dem Alltag, neuen Erkenntnissen. Welche Maske besser funktioniert, und weshalb, zum Beispiel.

Sie leiten im Namen der WHO auch das Programm «Clean Care is Safer Care» gegen Infektionen in medizinischen Institutionen. Den Grundstein legten Sie dafür vor 25 Jahren, als Sie im Spital Genf ein neues alkoholbasiertes Desinfektionsmittel lancierten. Wie kam es dazu?

Ich realisierte, dass all die Ärzte und Pfleger nicht genügend Zeit haben, um sich die Hände so gründlich und so oft wie eigentlich nötig zu waschen. Das Desinfektionsmittel existierte bereits, aber wir modernisierten es und installierten Spender in allen Zimmern. Infektionen sanken in der Folge um 50 Prozent. 2005 bat mich die WHO dann, unser Genfer Handhygiene-Modell weltweit zu bewerben. Inzwischen wurde es von 190 der 195 UNO-Mitgliedsländern implementiert. Und laut WHO-Schätzungen rettet es jährlich 5 bis 8 Millionen Menschenleben.

Aber reich wurden Sie damit nicht?

Nein. Wir sorgten aktiv dafür, dass sich unsere Formel nicht patentieren lässt. Wir gaben sie der WHO und machten sie auf der ganzen Welt verfügbar, zuerst in Entwicklungsländern, wo man zum Beispiel auch Rohrzucker für die Herstellung verwenden kann. Momentan produzieren übrigens auch die beiden grossen Genfer Duftkonzerne Firmenich und Givaudan Desinfektionsmittel, weil es überall knapp ist. Und mit meiner Stiftung «Clean Hands Save Lives» möchte ich sicherstellen, dass es auch künftig genügend Desinfektionsmittel in der Schweiz zu einem fairen Preis gibt.

Sollten wir denn in Zukunft ständig Desinfektionsmittel benutzen, oder gar Handschuhe tragen?

Nein. Handschuhe sind sowieso ein Trugschluss. Man fühlt sich damit sicherer, aber dann berührt man viele Dinge und fasst sich dennoch ins Gesicht. Man sollte aber generell regelmässig die Hände waschen, und unterwegs, in Tram und Bus, kann Desinfektionsmittel nicht schaden. Man muss aber auch nicht übertreiben. Denn es braucht einen gewissen Mikrobiom-Austausch, damit wir genügend Antikörper produzieren können. Das stärkt unser Immunsystem. In sechs Monaten werden wir uns wieder normal die Hände schütteln können.

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