Blattmann
Der Armeechef gibt mit seiner Risikokarte Rätsel auf

Politiker sind irritiert über André Blattmann – ist er ein Stratege oder nur ein Plauderer? Die Kritik am Armeechef wird immer lauter. Fragen wirft zudem die Rolle von Verteidigungsminister und SVP-Bundesrat Ueli Maurer auf.

Drucken
Teilen
Der Armeechef gibt Rätsel auf

Der Armeechef gibt Rätsel auf

Beat Rechsteiner

Schweigend erduldet der Armeechef die Kritik, die auf ihn niederprasselt. André Blattmann werde sich erst wieder öffentlich äussern, wenn der neue sicherheitspolitische Bericht vorliege, liess er gestern über seinen Sprecher ausrichten. Das wird voraussichtlich in zwei Wochen der Fall sein.

Doch Blattmanns Einigelungstaktik geht nicht auf: Schon am nächsten Dienstag muss er in der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats antraben und sich den drängendsten Fragen stellen. Die Politiker wollen wissen, warum er plötzlich laut über die Abschaffung der traditionellen Wiederholungskurse nachdenkt und die Soldaten stattdessen über ein Pikett-System aufbieten will. Und er muss vor allem erklären, warum er in halb Europa potenzielle Gefahren für die Schweiz sieht und öffentlich Gedankenspiele anstellt, wonach die Armee wegen Flüchtlingsströmen aus Griechenland zu einem Einsatz gerufen werden könnte.

Sicherheitspolitiker von links bis rechts hat er mit solchen Äusserungen ebenso gegen sich aufgebracht wie hohe Militärs. Alle fragen sich: Was bezweckt Blattmann mit seinen Aktionen? Steckt eine Strategie dahinter, oder tritt er einfach ungeschickt von einem Fettnapf in den nächsten? Und falls Ersteres zutrifft: Ist Verteidigungsminister Ueli Maurer eingeweiht?

Maurer wollte gestern dazu keine Stellung nehmen. Bei den Parlamentariern gehen die Meinungen weit auseinander. Der grüne Nationalrat Josef Lang ist überzeugt: «In der Diskussion um die Bedrohungsszenarien benutzt ihn Maurer als Tester wie ein Monarch seinen Vorkoster.» Im Hinblick auf den sicherheitspolitischen Bericht wolle der SVP-Bundesrat die Befindlichkeiten ausloten, deshalb lasse er via Blattmann Versuchsballone steigen. CVP-Nationalrat Pius Segmüller hingegen hält das für unwahrscheinlich. «Wäre es eine Strategie, müsste Maurer ja dahinterstehen – und diesen Eindruck habe ich derzeit überhaupt nicht.»

Kritik an der Endlosdebatte

Selbst Insidern gibt der Armeechef, der im persönlichen Gespräch seine Worte mit Bedacht wählt, Rätsel auf. Während für einen Mitarbeiter fest- steht, dass sein Chef nie planlos handle, beschreibt ihn ein Offizier als jemanden, der gerne in aller Offenheit aus dem Nähkästchen plaudere, auch wenn das Mikrofon eingeschaltet sei.

Klar ist zweierlei: Erstens steckt die Armee wegen des Geldmangels und ihres diffusen Auftrags derzeit in einer schwierigen Situation. Offensichtliches Ziel des Duos Maurer/Blattmann ist es, dies der Bevölkerung bewusst zu machen. Fast schon gebetsmühlenartig weisen die beiden deshalb auf die lange Mängelliste des Militärs hin und fordern von der Politik eindeutige Vorgaben. Diese Diskussion am Kochen zu halten, könnte ein Beweggrund für Blattmanns Vorpreschen sein. Zweitens – und das ist die Kehrseite der Medaille – sorgt diese scheinbar endlose Debatte zusehends für Kritik. Selbst armeefreundliche Politiker bekunden Mühe: «Blattmann muss zu Recht Prügel einstecken», sagt SVP-Nationalrat Thomas Hurter. «Wenn öffentlich solche Ideen wie mit dem Pikett-WK lanciert werden, dann schadet das der Armee nur.»

Einer übrigens konnte gestern persönlich mit Blattmann sprechen: CVP-Nationalrat Jakob Büchler, Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission. Die jüngsten Ereignisse bewegten den Armeechef sehr, sagte Büchler nach der kurzen Unterredung. Vor allem wolle Blattmann wissen, wie die geheime Gefahrenkarte Europas an die Öffentlichkeit gelangt sei. Diese Karte zeigt umliegende Länder als Gefahrenherde und ist die Hauptursache für die jüngste Kritik am Chef der Schweizer Armee.

Aktuelle Nachrichten