Der alleinerziehende Hausmann, seine Schulden und seine Mission

Markus Koch betreut als alleinerziehender Hausmann seine drei Kinder und engagiert sich für Einelternfamilien. Er träumt von einem Lottogewinn, sitzt auf über 100 Betreibungen und war eine Woche lang Grossrat. Eine Annäherung an Markus Koch.

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Von Jörg Meier

Markus Koch ist beansprucht. Die fünfjährige Seraina hat Hunger. Fabian (7) sucht Schienbeinschoner und Stulpen; Zwillingsbruder Manuel will jetzt sofort die Hausaufgaben machen. Dazu sitzt ein Journalist am Tisch, der Fragen stellt. Markus Koch (44) gibt Antworten, streicht ein Nutella-Brot, vertröstet die Buben auf später; er trägt den rechten Arm in der Schlinge, die Operation am Ellbogen liegt erst eine Woche zurück. Bis auf weiteres kommt zweimal in der Woche die Spitex vorbei und hilft im Haushalt.

Markus Koch ist alleinerziehender Familienvater. Er lebt mit seinen drei Kindern in der einfachen, gemütlichen und kinderfreundlichen 41⁄2-Zimmer-Wohnung in Niederlenz. Früher war er Informatiker, jetzt kümmert er sich ausschliesslich um seine drei Kinder. «Nach der Trennung waren die Kinder zuerst bei meiner Ex-Frau. Dann haben wir gemerkt, dass sie lieber wieder als Coiffeuse arbeitet und ich lieber für die Kinder sorgen würde. Also haben wir getauscht.»

Es sei ein guter Tausch gewesen, sagt Koch, es sei jetzt allen wohler. Wenn nur die Sache mit dem Geld nicht wäre. Der Lohn seiner Ex-Frau reicht eigentlich bei weitem nicht. «Sie zahlt, was sie kann», sagt Koch. Dennoch: Was Koch monatlich zur Verfügung hat, liegt 800 Franken unter dem Existenzminimum. «Wir versuchen es trotzdem», sagt Koch, «es bleibt ja nichts anderes. Wir leben nach dem Motto sparen und verzichten.» So bleiben fürs Essen für den Vater und seine drei Kinder exakt 20 Franken pro Tag. Mehr liegt nicht drin. Sozialhilfe will Koch nicht.

Vor einem Monat erlangte Koch für kurze Zeit kantonale Berühmtheit. Er war überraschend als Grossrat für die BDP gewählt worden. Wenige Tage vor den Wahlen aber hatte er sich mit der Partei verkracht. Über Nacht wechselte er zur Familiä-Partei, die ihn mit Handkuss nahm, war sie dank ihm doch nun plötzlich auch im Grossen Rat vertreten. Dann aber wurde publik, dass Koch 101 Betreibungen am Hals hatte mit einer Schuldensumme von 177 000 Franken. Unter dem Druck seiner neuen Partei und der Öffentlichkeit gab Koch dann sein Mandat zurück, verzichtete auf den Grossen Rat.

«Ich habe mich überreden lassen. Das war ein Fehler.» sagt Koch rückblickend. «Das hätte ich nicht tun sollen. Aber der Druck war einfach zu gross.»

Die Polit-Groteske um Grossrat Markus Koch

Völlig unerwartet wurde der politisch völlig unbekannte Markus Koch am
8. März in den Grossen Rat gewählt. Koch hatte eigentlich für die BDP kandidiert, hatte sich aber kurz vor der Wahl mit der Partei überworfen und wurde deshalb ausgeschlossen. Koch gab aber sein Mandat nicht zurück, sondern wechselte zur Familiä-Partei von René Bertschinger, die so überraschend zu einem Sitz im Grossen Rat gekommen war. Das Parteiprogramm der Familiä-Partei liege ihm ohnehin näher, sagte Koch.
Doch dann wurde bekannt, dass Koch nicht nur auf einem riesigen Schuldenberg sitzt, sondern dass gegen ihn auch ein Verfahren wegen Urkundenfälschung läuft. Bertschinger verlangte daraufhin, dass Koch deshalb auf sein Mandat verzichte. Koch wehrte sich, dann willigte er ein und trat am 18. März zurück. Der Sitz ging damit zurück an die BDP. Was Koch nicht wusste: Er hätte als Einzelner ohne Partei im Grossen Rat Einsitz nehmen können. So wurde er zum Grossrat mit der wohl kürzesten Amtsdauer.

Denn jetzt kann er sich nicht politisch für die Anliegen der Alleinerziehenden einsetzen. Und das sei bitter nötig. In der Schweiz gebe es bereits 180 000 Ein-Elternfamilien, und 20 Prozent davon seien auf Sozialhilfe angewiesen. Im Grossen Rat hätte er für bessere Bedingungen gekämpft; für Massnahmen, die verhindern helfen, dass Alleinerziehende in die Armutsfalle geraten, wie das ihm passiert ist. Ja, er hätte den Leuten im Aargau gerne die Augen geöffnet, was es bedeutet, alleinerziehend zu sein. Abgesehen davon hätte er die 10 000 Franken, die ein Grossratsmandat pro Jahr einbringt, gut gebrauchen können.

«Irgendwann weisst du nicht mehr weiter», erklärt Koch seine lange Liste von Betreibungen. Er sei beim Hauskauf übers Ohr gehauen worden und habe viel Geld verloren; nach der Zwangsversteigerung kam die Scheidung, die nochmals viel Geld kostete; er habe angefangen, unwichtige Rechnungen nicht mehr zu bezahlen, zwischendurch war er ohne Stelle.
Vor zwei Jahren fälschte er den Auszug aus dem Betreibungsregister, um eine Wohnung zu erhalten. Die Sache flog auf und es folgte eine Anzeige wegen Urkundenfälschung. «Was hätte ich tun sollen?», fragt Koch. «Ich brauchte eine Wohnung für mich und die Kinder - aber mit all diesen Betreibungen am Hals war ich doch chancenlos.»

Koch steht zu seinen Schulden. Irgendwann wird er das Geld zurückzahlen. Er träumt von einem Lottogewinn. Damit würde er sofort eine Liegenschaft kaufen mit vielen Wohnungen für Alleinerziehende in der gleichen Situation, kinderfreundlich, günstig und mit einem umfassenden Betreuungsangebot. Bis es aber so weit ist, arbeitet er als Hausmann, kümmert sich um seine Kinder, kocht und wäscht und putzt, vielleicht bleibt auch einmal Zeit für einen Teilzeitjob. Manchmal sehnt er sich nach einer Partnerin. «Aber als Mann mit drei Kindern bist du chancenlos», sagt er nüchtern.

Die Zwillinge Fabian und Manuel stehen im Fussballtenü bereit, warten ungeduldig. Schienbeinschoner und Stulpen sind montiert. Es ist Zeit fürs Training. Fussballtrainer Koch macht sich mit seinen Kindern auf den Fussballplatz auf.