Das Römische Reich, glauben manche, sei an seiner Dekadenz untergegangen. Droht Facebook, dem digitalen Imperium unserer Zeit, dasselbe Schicksal? Sein Territorium kann das soziale Netzwerk nicht verlieren. Es hat keins. Würde Facebook aber plötzlich ein Grossteil seiner fast zwei Milliarden Nutzer davonlaufen, käme das dem Ende von CEO Mark Zuckerbergs digitaler Herrschaft gleich.

Auf den ersten Blick scheint genau das zu passieren. Rund um die Welt machen Hunderttausende Facebook-Nutzer mit dem Hashtag #DeleteFacebook ihrem Unmut über den Social-Media-Giganten Luft. Selbst Tech-Gigant Elon Musk hat die Facebook-Seiten seiner Unternehmen Tesla und SpaceX gelöscht. Grund: Journalisten von «New York Times» und «Observer» deckten auf, dass die Datenanalysefirma Cambridge Analytica 2014 mit einem auf Facebook beworbenen, als Psychologie-Quiz getarnten Tool an persönliche Informationen von rund 50 Millionen Facebook-Nutzern herankam und diese für Wahlkampfwerbung im US-Präsidentschaftsrennen missbrauchte.

Wenden sich nun auch Schweizer Nutzer und Politiker in Massen ab? Der Social-Media-Experte Jürg Kobel glaubt das nicht. Die Ankündigungen der #DeleteFacebook-Schreier seien primär leere Drohungen, sagt er: «Die Empörungswelle wird schnell abflachen. An eine Massenabwanderung glaube ich nicht. Dazu ist das Netzwerk trotz allem zu beliebt.»

Politiker sind «locked-in»

Eine, die ausstieg, ist die CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. 2006 hatte sie ihren Wahlkampf über Facebook geführt. 2016 wechselte sie aber auf Twitter. Sie habe den Eindruck erhalten, Facebook sei zum Fotoalbum verkommen. «Wenn es um Politisches geht, sinkt das Niveau bedenklich schnell.» Schmid-Federer gesteht aber ein: «Müsste ich die Strategie einer Partei für den Wahlkampf machen, würde ich nicht auf Facebook verzichten.» Noch drastischer umschreibt SP-Nationalrätin Jacqueline Badran die Situation. Politiker seien «locked-in», eingesperrt bei Facebook. «Man muss es nutzen, will man überhaupt vorkommen. Das macht es unangenehm und schwierig.»

   

Badran selbst ist eine Art Schweizer Politstar von Facebook. Mit einem Video erreichte sie den Peak von Likes der Bundesratsparteien zwischen 2014 und heute. Am 22. Januar 2017 erklärte sie für die SP Schweiz, weshalb die Unternehmenssteuerreform III am 12. Februar abgelehnt werden müsse. «Jetzt schauen, dann teilen und unbedingt brieflich abstimmen», schrieb die SP. Der Post erhielt 17 120 Likes (siehe Grafik) und wurde 9818-mal geteilt. «Die SVP und die SP schaffen es am besten, ihre Wählerinnen und Wähler auf Social Media zu mobilisieren», sagt Christoph Hess, Digital-Stratege und Mitinhaber bei Kuble. Er hat die Facebook-Daten ausgewertet. «Entscheidend dafür sind nicht nur die Aktivitäten der Parteien, sondern auch diejenigen von einflussreichen Exponentinnen und Exponenten wie Matthias Aebischer bei der SP oder Natalie Rickli bei der SVP.»

Die Parteien stehen vor einem Dilemma. Sie wissen, dass etwas geschehen muss, soll die Situation nicht problematisch werden. Es dürfe nicht so weit kommen, dass die Parteien «das wichtigste soziale Netzwerk aus Imagegründen nicht mehr bedienen» könnten, sagt Matthias Leitner, Chef der Parteiorganisation der FDP. Diese Gefahr bestehe, drehe sich die Diskussion weiter wie bisher: «Facebook darf nicht zum Tummelfeld von Extremisten werden.» Die Grünen der Stadt Zürich deklarieren als erste Partei Grundsätze: Sie wollen keine Dark Ads auf Facebook schalten, die nur bestimmte Zielgruppen sehen, und sie sprechen sich gegen Dirty Campaigning (Verunglimpfungen des Gegners) aus. «Die Schweizer Grünen arbeiten an Empfehlungen für die Wahlen 2019», sagt Generalsekretärin Regula Tschanz. Etwas geschehen muss gemäss SP-Nationalrätin Badran auch politisch. «Es ist inakzeptabel, dass globale Plattformen wie Facebook, Amazon und Uber völlig unreguliert und unbesteuert Geschäfte machen können», sagt sie. «Genauso inakzeptabel» sei es, dass Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann «keinen Handlungsbedarf» sehe.

Den Parteien ist aber auch bewusst, dass sie sich für die Wahlen 2019 auf einen digitalen Schub einstellen müssen. «Alle Parteien intensivieren digitales Marketing für die Wahlen», sagt CVP-Sprecher Manuel Ackermann. «Da machen wir keine Ausnahme. Von Zuständen wie bei Cambridge Analytica sind wir aber meilenweit entfernt.» Die grösseren Parteien haben Tools für digitales Marketing evaluiert – oder evaluieren sie gerade, wie die CVP. Immer Bestandteil davon ist NationBuilder der US-Firma 3dna. Das Tool kann in seiner Datenbank Nutzerdaten aus sozialen Medien mit Daten aus Mailinglisten der Partei abgleichen und einheitliche Profile zu potenziellen Wählern erstellen. Die FDP verwaltet ihre Daten mit NationBuilder. «Wir haben dafür mit dem Unternehmen eine Datenschutzvereinbarung abgeschlossen», sagt Leitner. «Der Vertrag verpflichtet NationBuilder, beim Datenschutz Schweizer und EU-Standards einzuhalten.»

Auf der Liste der politischen Parteien diverser Länder, die man bei NationBuilder führt, sind für die Schweiz 14 Parteien aufgeführt, nebst den Bundesrats-Parteien etwa auch die Alternative Liste und die Partei der Arbeit. Das bedeute nicht, dass diese Parteien Kunden des Tools seien, betont eine Sprecherin für Europa. Doch alle wichtigen Parteien – SP, CVP wie SVP – haben NationBuilder unter die Lupe genommen, wie sie einräumen. «Wir sahen uns Vor- und Nachteile verschiedener Tools an, auch von NationBuilder», bestätigt Silvia Bär, stellvertretende Generalsekretärin der SVP. «Wir entschieden uns aber dafür, kein externes Tool einzusetzen.» Auch die SP hat sich gegen NationBuilder oder ein vergleichbares Tool ausgesprochen. Genauso wie die Grünen, die NationBuilder vorübergehend für eine Kampagne nutzten.

Entscheidend für den Erfolg der Parteien sind Datenbanken. Hierhin fliessen zurzeit viele Ressourcen. «Es ist für uns ein Thema, unsere verschiedenen Tools besser zu vernetzen zu einer grossen Datenbank», sagt Silvia Bär (SVP). Federführend ist hier die SP Schweiz. Sie hat eine Mobilisierungs-Datenbank aufgebaut, die wohl eine sechsstellige Anzahl Personen umfasst. Sie besteht aus Mitgliedern, Sympathisanten und Spendern. «Die Arbeit von Mensch zu Mensch ist für uns besonders wichtig», sagt Sprecherin Nicole Silvestri.

Die SP ist eine von fünf Parteien, die ihre Datenbanken beim eidgenössischen Datenschützer angemeldet haben. Grüne, Junge Grüne und Piratenpartei haben ihre Mitgliederdatenbanken deklariert und die FDP ihre NationBuilder-Datenbank. Bei CVP, SVP und Operation Libero diskutiert man, ob man die Datenbanken ebenfalls anmelden soll. Der Transparenzschub hat mit neuen EU-Datenschutzbestimmungen zu tun, die am 25. Mai in Kraft treten. Sie gelten auch für EU-Bürger, die in Datenbanken von Schweizer Parteien zu finden sind.

Facebook selbst plant für den 11. April eine Art Informations-Offensive in der Schweiz. An diesem Tag findet in Zürich ein Erfahrungsaustausch statt mit einem Slot für Politiker, Parteien, NGO, Vereine und die Feuerwehr – und mit Slots für Verkaufsleute, Administratoren von Facebook-Gruppen und Journalisten. Das bestätigt ein Facebook-Sprecher in Deutschland. Er betont, die Veranstaltung sei, im Rahmen einer Reihe von Events in anderen Ländern auch, seit langem geplant und habe nichts mit der aktuellen Situation zu tun.

Es ist der zweite Anlass, den Facebook in anderthalb Jahren in der Schweiz durchführt. Im Unterschied zu Google ist Facebook sonst als Organisation in der Schweiz nahezu nicht existent. Es gibt in Zürich nur einen Entwicklungsstandort der Facebook-Tochter Oculus, die spezielle Virtual-Reality-Brillen herstellt. Operativ wird die Schweiz aus Deutschland geführt.

Die Debatte darüber, ob man sich wegen des Missbrauchs persönlicher Daten aus Facebook verabschieden soll, findet vor allem unter westlichen Nutzern statt. In zahlreichen Entwicklungsländern sieht die Situation anders aus. Dort hat Facebook mit Infrastruktur-Offensiven und digitalen Avancen in Asien, Lateinamerika und vor allem Afrika Millionen neuer Nutzer dazugewonnen. Ohne Facebook hätten sie keinen Internetzugang. Zentral an Facebooks Offensive in diesen Teilen der Welt ist das Gratis-Angebot «Free Basics», mit dem bis heute rund eine Milliarde Menschen kostenlos auf Facebook surfen können.

Für diese Gruppe der Facebook-User käme das Löschen des eigenen Profils einem Abschied aus dem Internet gleich. Das ist für sie undenkbar. Das Imperium von Mark Zuckerberg scheint deshalb – anders als das Römische Reich – too big to fail zu sein.