Neuling
Das zweite Leben der Karin Keller-Sutter

Seit die ehemalige St.Galler Justizministerin Karin Keller Suter für die FDP in den Ständerat eingezogen ist, ist es ruhig um sie geworden. Grund: Die Jung-Ständerätin feilt an einem neuen Profil – einem Profil für den Bundesrat.

Stefan Schmid
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Die St. Galler FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Sutter wurde im Oktober 2011 in den Ständerat gewählt (Archiv)

Die St. Galler FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Sutter wurde im Oktober 2011 in den Ständerat gewählt (Archiv)

Keystone

Andere Neulinge im Bundeshaus machen fast täglich von sich reden. Der Bündner SVP-Mann Heinz Brand etwa, der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder oder der Zürcher Grüne Balthasar Glättli. Nur um eine Frau, die vorher fast permanent für nationale Schlagzeilen sorgte, ist es auffallend ruhig geworden. Die Rede ist von Karin Keller-Sutter, der «eisernen Lady der Ostschweiz», ehemalige Bundesratskandidatin und seit Dezember 2011 St.Galler Ständerätin.

«Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass ich Vorstösse einreichen könnte», sagt Keller-Sutter fast entschuldigend. Die 48-Jährige feilt in der kleinen Kammer minutiös an einem neuen politischen Profil. Statt wie bisher mit kriminellen Ausländern und prügelnden Hooligans in Verbindung gebracht zu werden, kümmert sich KKS, wie die FDP-Frau im Bundeshaus genannt wird, lieber um die Zukunft der Sozialwerke, die Rolle der Schweiz in Europa und den Abbau von Regulierungen. Wirtschafts- und Sozialpolitik, statt Flüchtlinge und Fans. «Ich habe den schwierigeren Weg gewählt, denn in meinen angestammten Justiz- und Sicherheitsthemen hätte ich mich wohl von Anfang an profilieren können», sagt Keller-Sutter.

Enttäuscht von der SVP

Die Vollblutpolitikerin überlässt nichts dem Zufall. Der Wandel ist bewusst geplant. Die Vergangenheit soll abgeschüttelt werden. Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren gab KKS ihre Kandidatur für den Bundesrat bekannt. Es galt, den glücklosen Appenzeller Hans-Rudolf Merz zu ersetzen. Die smarte St.Galler Freisinnige war ein Politstar, populär im Heimatkanton und weit über die Ostschweiz hinaus bekannt. Sie schaffte als Justizdirektorin kriminelle Ausländer aus und machte Hooligans noch im Stadion den Prozess. Viele schrieben die damals 46-Jährige in den Bundesrat. Wer, wenn nicht sie, könnte den Niedergang des Schweizer Freisinns stoppen?

Es kam anders. Gewählt wurde der freundliche, aber farblose Berner Unternehmer Johann Schneider-Ammann. Die «grauen Mäuse» hatten zugeschlagen. Männerseilschaften spielten, Keller-Sutter stürzte ab. Die Nichtwahl hat sie ins Mark getroffen. Nicht nur, weil der Stolz verletzt war. Vor allem auch, weil die Bundesversammlung einen Mann ins hohe Amt hievte, der in vielerlei Hinsicht als weniger qualifiziert galt. Im Stich gelassen haben sie freisinnige Männer, die ihren einstigen Militärfreund bevorzugten. Im Stich gelassen hat sie aber insbesondere die SVP. Ausgerechnet. Sie, die einst an Blochers Seite für ein schärferes Asylgesetz geworben hatte. Sie, die man in linken Kreisen schon längst als verkappte Rechtsbürgerliche denunziert hatte.

Ein Jahr später, im Wahlkampf für den Ständerat, zahlte es KKS zurück. Sie verzichtete auf ein Päckli mit SVP-Präsident Toni Brunner. Alleine zog sie gegen den Toggenburger
Bauern und die Schwergewichte Paul Rechsteiner (SP) und Eugen David (CVP) in den Kampf. Und triumphierte. Der Versuch der SVP, die Vorzeigepolitikerin via «Weltwoche» zu diskreditieren, war ein Rohrkrepierer. Mit riesigem Vorsprung und 64 Prozent aller Stimmen wurde sie vom St.Galler Volk auf Anhieb in den Ständerat gewählt. Toni Brunner schaffte die Wahl nicht. KKS hatte auf eine Wahlempfehlung verzichtet.

Allianz mit Rechsteiner

Ende Mai erst schied sie aus der St.Galler Regierung aus. Seither konzentriert sie sich vollamtlich auf ihr Mandat im Bundeshaus. Sie habe sich gut eingelebt, bescheinigen ihr Ratskollegen. Sie gebe sich zurückhaltend, doch wenn sie sich zu Wort melde, habe das Gesagte Hand und Fuss. Im Stöckli kommt das an. Zusammen mit Gewerkschaftsboss Paul Rechsteiner, mit dem sie sich «sehr gut versteht», kämpft sie vehement für Anliegen ihres Kantons. KKS, die überzeugte Föderalistin. KKS, die Netzwerkerin. KKS, die vielseitig Begabte. Weg von der Einthemen-Politikerin, hin zu einem umfassenderen Portfolio.

Im Dezember wird Keller-Sutter 49 Jahre alt. Johann Schneider-Ammann wird wohl noch maximal sieben Jahre Bundesrat bleiben. Verliert die FDP in der Zwischenzeit nicht den Anspruch auf zwei Sitze in der Regierung, ist der Zug für eine zweite Bundesratskandidatur Keller-Sutters nicht abgefahren. «Für ein solches Amt kandidiert man nur einmal», pflegt KKS Spekulationen zurückzuweisen. In der Regel ist das so.